Sönke Lars Neuwöhner/Sven S. Poser/Martin Eigler: Morgen hör ich auf. 5‑teilige Serie (ZDF)

Der Anti-Held

30.01.2016 •

30.01.2016 • Die samstags abends im ZDF ausgestrahlte Serie „Morgen hör ich auf“ ist auf ihren Hauptdarsteller Bastian Pastewka zugeschnitten; sie bietet ihm die Möglichkeit, sich als tragikomischer Held zu beweisen. Von ihrer Figurenkonstellation her handelt es sich zweifelsohne um eine ein Sozialdrama erzählende Familienserie, doch diese Geschichte lebt davon, dass sie viele überraschende Wendungen enthält und die üblichen Erwartungen an dieses Genre ständig konterkariert. Die fünfmal 60 Minuten umfassende Serie spielt in der hessischen Kurstadt Bad Nauheim, wo einst Elvis Presley wohnte, als er in Friedberg für die US Army seinen Wehrdienst leistete, und im benachbarten Frankfurt. Und damit ist der Gegensatz von Kleinstadtidylle mit hübschen Einfamilienhäusern und großstädtischer Finanzmetropole gesetzt. Kontraste dieser Art finden sich in der Serie in vielfältiger Form. Doch es wird bereits in den ersten Filmsequenzen klar, dass sie vor allem deshalb häufig so plakativ gesetzt sind, weil sie Teil der Komödienstruktur sind.

Und um eine Komödie handelt es sich hier zweifellos auch, trotz der geradezu trostlosen Ausgangssituation, in der sich der von Bastian Pastewka dargestellte Serien-Held Jochen Lehmann befindet. Mit jedem Schritt, den er zur Bewältigung diverser Katastrophen unternimmt, nehmen die Katastrophen nur noch zu. Lehmann, Inhaber einer vom Schwiegervater übernommenen Druckerei und Familienvater mit drei Kindern, steckt in nicht geringen finanziellen Schwierigkeiten; der soziale Abstieg aus dem ererbten Wohlstand droht. Aber auch im Privatleben dieser Familie läuft nicht alles rund: Ehefrau Julia (Susanne Wolff) hat einen Jugendfreund wiederentdeckt; ebenso überschreiten die Kinder auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit manche moralischen und gesetzlichen Schranken. Wie sich bei Jochen Lehmann hinter der Fassade von kleinbürgerlicher Naivität immer wieder Abgründe auftun, so brilliert auch seine Ehefrau Julia in einer Melange von unschuldiger Biederkeit und hintergründiger Raffinesse.

Der überforderte Firmeninhaber und Vater setzt alles daran, um den Betrieb und seine Familie zu retten. Dabei werden Grenzen überschritten, wie sie in einem realistischen Fernsehfilm so nicht darstellbar wären. Es bedarf der Komödie, die nicht nur nicht politisch korrekt sein muss, sondern sich auch Übertreibungen bis ins Absurde hinein erlauben darf. Denn der scheinbar so biedere Herr Lehmann fälscht Geld, um seine Schuldenprobleme zu lösen. Und er gerät damit nicht nur in kriminelle Abgründe, sondern bringt auch die etablierte Falschgeldmafia – drastisch verkörpert durch den Kriminellen Damir Decker (Georg Friedrich) – gegen sich auf. Hier ist es denn der Gegensatz von heiler Familienwelt und organisierter Kriminalität, der genüsslich ausgespielt wird.

Standardsituationen in der Familie werden kombiniert mit für dieses Genre eher ungewohnter Situationskomik und entsprechendem Dialogwitz. Immer wieder geht es anders weiter, als man es erwartet. Gleich die ersten Szenen der erste Folge sind da stilbildend: Vater Lehmann kann die Tankrechnung nicht bezahlen, weil seine Kreditkarte gesperrt ist. Er lässt dann seine kleine Tochter im Grundschulalter an der Tankstelle als „Pfand“ zurück, um sich das fehlende Geld bei seiner älteren Tochter zu leihen. Hinter der Familienidylle lauern Abgründe. Auch bei den anderen Familienmitgliedern und den Nachbarn in der Bad Nauheimer Siedlung tun sie sich auf: Der sich permanent auf der Suche nach seinem Kleinkind Mimi befindende Nachbar (Stephan Grossmann) ist ein Zocker und Drogendealer; ein von Lehmanns Sohn Vincent (Moritz Jahn) geschädigter, scheinbar harmloser Rentner (André Jung) entpuppt sich nicht nur als Alt-68er, sondern auch als mit abgründigen Obsessionen behafteter Erpresser.

Wie oft gibt es beispielsweise in Sozialdramen dieses Genres Szenen zu sehen, wo ein junger arroganter Bankangestellter dem Kunden den notwendigen Kredit verweigert und ihn damit wissentlich und ungerührt ins Unglück stürzt. Genau diese Szene findet sich auch in der ersten Folge von „Morgen hör ich auf“, aber dann steht da noch – beinahe stilwidrig – auf diesem Schreibtisch, an dem beide Verhandlungspartner sich einander gegenübersitzen, ein großer voller Kaffeebecher mit einem auffälligem Bärchen-Motiv, der offensichtlich dem Bankangestellten gehört. Mit dem Aufkommen einer Ahnung, was jetzt folgen könnte, ist es auch schon passiert, und zwar so schnell, dass man nur noch sieht, wie der mit dem Inhalt des Bechers überschüttete Bankschnösel sich abzutrocknen versucht. Eine Phantasie, die so manchen Bankkunden in einem solchen Augenblick schon überkommen sein mag, ist hier in knapper Form sehr schön ausgespielt worden.

Beim Nachdenken darüber, wo das Falschgeld am sichersten aufbewahrt werden könnte, kommt Lehmann auf die Idee, es ausgerechnet bei der Bank zu deponieren, die ihm den Kredit verweigert hat. Der kriminelle Damir, der seine Familie in Geiselhaft nimmt, um ihn dazu zu erpressen, noch mehr Falschgeld zu drucken, erweist sich auch als Familienmensch, der die Sympathie von Lehmanns kleiner Tochter erringt (Folge 2). In einer Verzweiflungstat erschlägt Lehmann den Erpresser und beim Versuch, dessen Leiche mitsamt Auto im See zu versenken, vergisst er, zuvor am Auto das Licht auszuschalten (Folge 3). Die überraschenden Wendungen wie die Übertreibungen werden in dieser Serie mit großer Spielfreude von den Darstellern bewältigt.

Eine in allen Folgen mehrmals wiederholte Traumsequenz, in der Lehmann um sein Leben rennt und 50-Euro-Geldscheine im Wasser versinken, scheint auf das Ende der Geschichte anzuspielen. Ebenso gehört das Elvis-Denkmal am Ortseingang von Bad Nauheim, das dort auch in Wirklichkeit steht, zu den immer wiederkehrenden symbolträchtigen Bildmotiven, die die Filmemacher auch in der Wahl der Hintergrundmusik inspirieren. Ein weiteres immer wiederkehrendes Leitmotiv ist der Hamster im Rad.

Situationskomik und Dialogwitz, ein schnelles Spiel mit einem perfekten Timing, das aber auch das Moment der Verlangsamung bis zur Zeitlupe kennt, machen aus diesem Sozialdrama im gehobenen Mittelstandsmilieu einen Familienfernsehfilm der besonderen Art. Sind manche Nebenfiguren so überzeichnet, dass ihre Komik in Klamauk abzudriften droht, glänzen die beiden Hauptfiguren Jochen und Julia Lehmann mit einer sehr fein gezeichneten, nuancierten Komik. Dabei spielt Pastewka die Rolle des Anti-Helden, des geborenen Verlierers und Pechvogels, dem es doch auch immer wieder gelingt, aus scheinbar ausweglosen Situationen herauszukommen, von der ersten Szene an perfekt. Er bleibt, was dieses Charakterprofil betrifft, nahezu statisch und scheint nichts dazuzulernen. Dagegen entwickelt sich seine von Susanne Wolff dargestellte Ehefrau im Lauf des Geschehens von der ahnungslosen Gattin zur Komplizin und zeigt dabei immer mehr, dass auch sie über komödiantisches Talent verfügt. Die Serie gelingt vor allem deshalb, weil hier Drehbuch und Regie eng zusammenarbeiten: Regisseur Martin Eigler ist neben Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser auch einer der Autoren (Produktion: Network Movie).

Der erste Fernsehfilm, in dem der durch das Privatfernsehen als Comedian bekannt gewordene Bastian Pastewka sich als talentierter Schauspieler für tragikomische Rollen bewies, war „Mutter muss weg“ (ZDF 2012). Das war eine tiefschwarze Komödie, die noch um einiges drastischer daherkam als die Serie „Morgen hör ich auf“. In dieser Komödie verkörperte Pastewka einen jungen Mann von Ende 30, dem es noch immer nicht gelungen ist, sich vom Einfluss seiner dominanten Mutter (grandios gespielt von Judy Winter) zu lösen. ZDFneo wiederholte den Film „Mutter muss weg“ am 3. Januar (Sonntag) um 22.45 Uhr, nachdem dort zuvor ab 21.45 Uhr auch die erste Folge von „Morgen hör ich auf“ zu sehen war. Alle Folgen der Serie werden von ZDFneo auf diesem Sonntagstermin wiederholt, also jeweils am Tag nach der Erstausstrahlung im ZDF-Hauptprogramm.

• Die Untertitel der einzelnen Folgen: 1) Schöner Schein, 2) Wechselgeschäfte, 3) Talfahrt, 4) Zahltag, 5) Heute hör ich auf

30.01.2016 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 21/2020

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