Mark Monheim/Stephan Wagner: Tatort – Nemesis (ARD/MDR)

Unübersehbarer Aufwärtstrend

29.08.2019 •

Seit 2016 hat nach Jahren der Vakanz, das heißt nach der Ära der dort ermittelnden Kommissare Ehrlicher und Kain, auch Dresden wieder seinen „Tatort“ (vgl. MK-Kritik). Doch der sorgte in den ersten Jahren weniger durch herausragende Krimis denn durch Zwistigkeiten hinter den Kulissen für Gesprächsstoff. Zunächst teilte Alwara Höfels bereits Ende 2017 mit, dass sie die Rolle der Kommissarin Henni Sieland aus künstlerischen Erwägungen heraus nicht länger spielen wolle. Dann warf auch Autor Ralf Husmann („Stromberg“), der zu den ersten beiden neuen Dresdner „Tatort“-Folgen die Drehbücher verfasst hatte, die Brocken hin, weil der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) als verantwortlicher Sender inzwischen von der Idee, eine Art launiges Pendant des Münster-„Tatorts“ zu liefern, offenbar wieder abgerückt war. Im April dieses Jahres überraschte der Sender dann mit der furiosen Folge mit dem Titel „Das Nest“, die zu den herausragenden Produktionen des aktuellen Krimi-Jahrgangs gehört.

In der Episode „Das Nest“ war auch erstmals Höfels Nachfolgerin Cornelia Gröschel in der Rolle der Ermittlerin Leonie Winkler zu sehen. Erschien die Figur damals noch wie ein unbeholfener Fremdkörper im Dresdner Kommissariat, stand sie nun in der aktuellen Folge „Nemesis“ (Produktion: Wiedemann & Berg) plötzlich ihrer Kollegin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) erstaunlicherweise in puncto Professionalität in nichts mehr nach.

Der Fall: Im Büro seines Nobelrestaurants wird der Gastronom Joachim Benda eines Morgens erschossen aufgefunden. Das Bild vom Tatort deutet geradezu auf eine Hinrichtung hin. Als Bendas Ehefrau Katharina (Britta Hammelstein) den Beamten von einem nicht lange zurückliegenden Überfall im Privathaus des Ehepaars und von Drohungen gegen ihren Mann berichtet, deutet alles darauf hin, dass der Wirt im Rahmen von Schutzgelderpressungen Opfer irgendeiner osteuropäischen Mafia geworden sein könnte. Der Umstand, dass die Tatwaffe, wie sich bald herausstellt, zuvor schon bei einem Mord im Rotlichtmilieu benutzt wurde, nährt diesen Verdacht zusätzlich.

Auch Michael Schnabel (Martin Brambach), der Chef der beiden Fahnderinnen und Stammgast im Restaurant von Benda, drängt seine beiden Kolleginnen, in diese Richtung zu ermitteln. Leonie Winklers Mutmaßung („Nur so ein Bauchgefühl“), dass womöglich auch die Ehefrau des Szenegastronomen mit dem Mord etwas zu tun haben könnte, weist Schnabel als völlig abwegig zurück. Zudem hat die Frau ein wasserdichtes Alibi, da sie in der Tatnacht nachweislich von ihrem Festnetzanschluss mehrfach versucht hat, ihren Mann im Restaurantbüro zu erreichen.

Da das Drehbuch den Zuschauern einen Wissensvorsprung vor den Fahndern gönnt, ahnt man zumindest, dass an dem Verdacht gegen die Ehefrau etwas dran sein könnte. In häuslichen Sequenzen hat man sie mehrfach bei ihrem merkwürdigen Umgang mit den beiden Söhnen Viktor (Juri Sam Winkler) und Valentin (Caspar Hoffmann) gesehen, der eine im Pubertätsalter, der andere eher noch ein Kind. Während sie den jüngeren sogar in ihrem Bett schlafen lässt, erhält der ältere ohne erkennbaren Grund drakonische Strafen. Da scheint etwas anderes dahinterzustecken als nur ungleich verteilte Mutterliebe.

Bei den Ermittlungen stellt sich zum einen heraus, dass in dem Restaurant von Joachim Benda Geldwäsche in großem Stil betrieben wurde. Zum anderen findet Leonie Winkler auf der Festplatte des Toten Hinweise, wonach sich Benda in der Zeit kurz vor seiner Ermordung im Netz exzessiv zum Thema psychische Krankheiten informiert hatte. Woraus die Ermittlerin prompt schließt, dass er etwas von einer psychischen Labilität seiner Frau wusste und dass er sich deshalb womöglich von ihr trennen und die Kinder zu sich nehmen wollte. Das erschien angesichts der vagen Indizien allerdings als reichlich kühne These. Dennoch ist nun auch ihr Chef einverstanden, gegen Katharina Benda zu ermitteln.

Das Ende ist nicht minder abenteuerlich erdacht. Demnach hatte die Mutter ihre beiden Söhne angestiftet, den Vater zu ermorden. Sie waren es, die in der Nacht zu ihm ins Restaurant fuhren und zu ihm ins Büro gingen, um ihn zu töten. Da Viktor sich weigerte, griff dann sein junger Bruder zur Waffe und drückte ab. Nun sind psychische Erkrankungen gewiss ein komplexes Feld, auf dem kaum ein Verhalten unmöglich zu sein scheint. Aber dass ein Kind den eigenen Vater erschießt, der ihm nichts getan hat, nur weil seine Mutter ihm den Floh ins Ohr gesetzt hat, er wolle den Sohn der Mutter wegnehmen, das schien dann doch arg weit hergeholt.

Mit dieser Auflösung des Falles begaben sich die Autoren Mark Monheim und Stephan Wagner (der bei dieser „Tatort“-Folge auch Regie führte) eher ins Reich Absurdistan. Schade eigentlich. Denn bis zu diesem, durch eine rasante Verfolgungsjagd aufgeplusterten Finale gelang es dem Film durchaus, mit originellen Kameraeinstellungen (Hendrik A. Kley) und suggestiver Musik (Ali N. Askin) immer wieder für atmosphärisch dichte Momente zu sorgen. Daran hatte auch Britta Hammelsteins Verkörperung der kranken Mutter großen Anteil. So war dieser „Tatort“ (8,58 Mio Zuschauer, Marktanteil: 27,3 Prozent) bis zur abstrusen Auflösung durchaus spannend und auch die unterschiedlichen Figuren der beiden Fahnderinnen nahmen sich überzeugend aus. Lediglich Dienststellenleiter Schnabel scheint trotz eines Martin Brambach mit seinen Witzchen und cholerischen Kommandos („In mein Büro. Sofort!“) noch aus den Anfängen des neuen Dresden-„Tatorts“ zu stammen. Aber der Aufwärtstrend bei den Folgen aus Sachsen ist unübersehbar. Vielleicht bekommt dann die nächste Episode dann auch noch einen passenderen Titel. Warum „Nemesis“ (die Rachegottheit) als Titel des jüngsten Falls gewählt wurde, erschloss sich einem nicht wirklich.

29.08.2019 – Reinhard Lüke/MK