Dietrich Brüggemann: Tatort – Murot und das Murmeltier (ARD/HR)

Spiel mit der Zeitschleife

18.02.2019 •

Was ist der „Tatort“ und wozu sehen wir ihn heute noch?, so könnte man in Abwandlung von Friedrich Schiller fragen. Ist der „Tatort“ ein Genre oder Subgenre? Eine lange Jahre laufende Erfolgsserie? Oder doch eher eine (manchmal unfreiwillige) gesellschaftliche Dokumentation? Ein echter Krimi mit Kapitalverbrechen, Suspense, Whodunit? Oder ehrlicherweise oftmals eine rechte Jökelei und Nabelschau mittelalter Herren (Münster!) und – alles auf der sogenannten Metaebene, versteht sich – ein lustiges postmodernes Umeinanderwerfen von Zitaten und Anspielungen? 

Wenn man „Dekadenz“ als den Verlust der Selbstverständlichkeit definiert, als das Fragwürdigwerden der eigenen Existenzgrundlagen, so ist das urdeutsche Serienphänomen „Tatort“ allerdings bereits in seine (über)reife Spätphase eingetreten. Götterdämmerung der Öffentlich-Rechtlichen also? Nun, soweit muss man nicht gleich gehen. Bekanntlich bringt ja auch der Herbst noch so manche schöne Blüte hervor und um eine solche handelt es sich jedenfalls bei der neuen Produktion des Hessischen Rundfunks (HR) mit dem exzentrischen Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur), Ermittler am Landeskriminalamt Wiesbaden. Autor und Regisseur dieser Folge mit dem Titel „Murot und das Murmeltier“ ist Dietrich Brüggemann.

Wir schreiben das Jahr 49 der „Tatort“-Geschichte, Folge 1084. Wäre diese Krimireihe ein Mensch, es ließen sich leichte Symptome einer Midlife-Crisis ausmachen und die Sinnfrage würde sich dringlicher stellen: Gibt es wirklich nichts Neues mehr unter der Sonne?

Als Felix Murot eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht, findet er sich in seinem Bett – nein, nicht zu einem Murmeltier verwandelt, jedoch mit einem Fall konfrontiert, der in ihm sogleich den Verdacht weckt, etwas könne wohl nicht ganz alltäglich daran sein. Seine Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) ruft an, Überfall auf die Taunusbank, mit Geiselnahme, noch keine Forderungen. Murot möge doch bitte schnell kommen, er müsse die Ermittlungen leiten, mit den Tätern verhandeln. „Wer überfällt denn überhaupt noch 'ne Bank?!“, ist Murots nachvollziehbar skeptische Reaktion – und unausgeschlafen und missmutig stolpert er in den Tag, den er so bald nicht vergessen soll…

Die Zuschauer verfolgen Murot bei seiner Morgenroutine und erleben mit ihm die alltäglich-unpersönlichen Begegnungen mit den Menschen und dem Leben, bevor er am Tatort eintrifft und sich – nach kurzer, männlich-barscher Klärung der Lage mit Schutzpolizei und SEK – anschickt, selbst und allein die Bank zu betreten, um die Täter psychologisch aus ihrer dummen Idee herauszuverhandeln. Doch er macht einen fatalen Fehler. Da er nicht alle Räume hat sichern lassen, übersieht er die Komplizin des Haupttäters, die ihn am Ausgang der Bank stellt und mit einem Kopfschuss glatt erledigt. Murot stirbt, Murot ist tot!

Doch mitnichten: Harter Schnitt in die Vogelperspektive und Murot liegt wieder in seinem Bett, jäh auffahrend und diesmal bereits deutlich beunruhigter. Das Telefon klingelt (erneut?). Wieder Wächter, wieder Banküberfall. Die Ereignisse scheinen sich ein zu eins zu wiederholen. „Was ist mit mir geschehen?“, könnte Murot nun wie einst Gregor Samsa in Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ fragen. Ist er in einer Zeitschleife gefangen und, wenn ja, warum? Und nur er oder auch andere? Neben der Klärung des Falls versucht Murot im weiteren Verlauf, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Dabei wird er verständlicherweise zunächst zunehmend panisch, bis er sich gegen Ende zu einem gelassenen Fatalismus durchringt, denn letztlich können ihm so weder Tod noch Schicksal etwas anhaben.

Immer wenn seine Ermittlungen, seine Sinnsuche für ihn oder andere fatale Folgen zeitigen, findet er sich wieder in seinem Bett, auf Spielfeld 0 sozusagen. Dass Murot nicht gänzlich verzweifelt, liegt wohl an dem Umstand, dass es Variationen gibt in diesem verhexten Tagesablauf, dass er die Erinnerung bewahrt an den vorigen Durchgang und also der Lösung ‘seines’ Falles gleichsam iterativ näherkommen kann. „Es ist nicht alles festgelegt“, erkennt er früh und handelt danach. Das Drehbuch folgt, schon im Titel erkennbar, dem Muster des Hollywood-Klassikers „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (Regie: Harold Ramis, USA 1993) und nicht etwa dem Modell „Lola rennt“ (Tom Tykwer, Deutschland 1998), wo die Protagonistin ohne Erinnerungsvorsprung dreimal in ihren Schicksalstag startet.

Des Weiteren arbeitet diese „Tatort“-Folge (6,90 Mio Zuschauer, Marktanteil: 19,3 Prozent) stark mit ihren Elementen der Wiederholung und Permutation. Das beginnt mit Murots morgendlichen Ritualen in seiner für „Tatort“-Verhältnisse überraschend kargen Behausung und reicht bis zu den kurzen Interaktionen mit seinen Assistenzfiguren (auch Kollegin Magda Wächter bleibt diesmal ganz überwiegend eine Randfigur). Einige Filmzitate sind augenzwinkernd eingebaut („Dinner for One“), die das Sehen dieses „Tatorts“ auch in der Wiederholung reizvoll machen dürften. Einmal darf man Ulrich Tukur sogar kurz beim Singen und Steppen erleben. Die Macher dieser HR-Eigenproduktion nehmen sich teilweise starke gestalterische Freiheiten, sie dürfen sogar kreative Hand anlegen an den geheiligten „Tatort“-Vorspann. Und sie ersetzen beispielsweise die eher populäre Filmmusik, die man in dieser Reihe zumeist hört, durch einen Soundtrack, der an klassische Suspense-Filme erinnert und vom HR-Sinfonieorchester großorchestral eingespielt wurde.

Das Ende kommt zwar – wie im US-Klassiker von Harold Ramis –nachvollziehbar und nicht gänzlich überraschend, doch alles in allem ist dieser „Tatort“ mit einem fabelhaften Ulrich Tukur im Zentrum ein gut gespielter und formal innovativer Beitrag zur Reihe, ein Spiel mit dem Motiv der Zeitschleife, ein Krimi mit doppeltem Boden. Ein Beitrag allerdings auch, der eher die Denker und Diskutanten vor dem Bildschirm ansprechen dürfte und weniger die Traditionalisten zünftiger „Tatort“-Unterhaltung.

18.02.2019 – Karsten Essen/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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