Franziska Buch/Jan Braren/Stefan Dähnert: Tatort – Das verschwundene Kind (ARD/NDR)

Allzu dominanter Zickenkrieg

07.02.2019 •

Es ist auch im Jahre 2019 offenbar noch immer eine Nachricht, wenn eine farbige Schauspielerin in einer renommierten deutschen Fernsehreihe eine Hauptrolle übernimmt. NDR-Fernsehfilmchef Christian Granderath umschreibt das Phänomen im Presseheft zu der „Tatort“-Folge „Das verschwundene Kind“, um die es hier geht, durchaus geschickt: „Nicht auszuschließen, dass auch Kritiker den Film erst mal im Hinblick auf die Hautfarbe betrachten – wir wünschen uns, dass dies schnell mit großer Selbstverständlichkeit akzeptiert wird und keiner besonderen Erwähnung mehr wert ist.“

Das soll wohl heißen: Beim NDR sieht man die Entwicklung der Figur der Kommissarin Anaïs Schmitz und ihre Besetzung mit der in Uganda geborenen Florence Kasumba als eine Allerweltsentscheidung, eigentlich nicht weiter der Rede wert. Selbstverständlich steckt dahinter Kalkül. Hier die weiße, langhaarige, unterkühlte Blonde Charlotte Lindholm, die von Maria Furtwängler gespielte LKA-Ermittlerin aus Hannover, dort die dunkelhäutige Anaïs Schmitz mit raspelkurzen Haaren und aufbrausendem Temperament. Mehr Kontrast geht kaum. Und natürlich tat ein Großteil der Presse bei der Vorabberichterstattung dem NDR den Gefallen, vor allem auf die erste farbige Kommissarin im „Tatort“ hinzuweisen. Christian Granderath wird es recht gewesen sein.

Bei ihrem letzten „Tatort“-Auftritt („Der Fall Holdt“) hatte LKA-Ermittlerin Lindholm einen Verdächtigen derart drangsaliert, dass dieser schließlich Suizid beging. Was für die Fahnderin Suspendierung und Versetzung zu einem Kommissariat in Göttingen zur Folge hat. Ihr erster Einsatz nun in der ungeliebten Provinz beginnt mit einem beherzten Griff ins Klo, aus dem sie eine Plazenta samt Nabelschnur fischt. Die ihr unbekannte Anaïs Schmitz, die im weißen Kittel und mit einem Lappen in der verdreckten Toilette einer ehemaligen Turnhalle neben ihr steht, wird von Lindholm für eine Putzfrau gehalten – nicht unbedingt der beste Einstieg für eine harmonische Zusammenarbeit. Und im weiteren Verlauf wächst sich die Rivalität zwischen den beiden (unfreiwilligen) Kolleginnen zum veritablen Zickenkrieg aus, der nach dreißig Minuten darin gipfelt, dass Schmitz Lindholm eine schallende Ohrfeige verpasst, nachdem diese ihr zum wiederholten Mal Unprofessionalität vorgeworfen hat.

Die Reibereien zwischen den beiden Fahnderinnen haben fraglos ihren Unterhaltungswert, drängen aber auf die Dauer den durchaus interessanten Fall und seine sonstigen Protagonisten in den Hintergrund. Denn dieser „Tatort“ ist letztlich mehr Familiendrama als Krimi. Was schon damit beginnt, dass er ohne einen Mord im eigentlichen Sinne auskommt. Die 15-jährige Julija (Lilly Barshy) bringt in jener verdreckten Toilette ganz allein ein Kind zur Welt. Erst später eilt ihr der etwas ältere Nino (Emilio Sakraya) zur Hilfe, den sie lange Zeit per Handy vergeblich zu erreichen versucht hat. Nachdem man als Zuschauer zunächst vermuten musste, der junge Mann sei der Freund des Mädchens und mutmaßliche Vater des Kindes, erfährt man später, dass es sich um ihren Halbbruder handelt. Als die Ermittler am Ort des Geschehens eintreffen, sind die beiden mit dem Baby verschwunden.

Doch in den Blutlachen in der Toilette finden sich auch noch die Fußspuren eines weiteren Erwachsenen. Im Folgenden gewährt das Drehbuch (Franziska Buch, Jan Braren, Stefan Dähnert) den Zuschauern oft einen Wissensvorsprung vor den Fahndern, die lange Zeit im Dunkeln tappen. Julija und Nino werden irgendwann doch von der Polizei ausfindig gemacht und der Säugling wird tot in einem Müllcontainer gefunden. Doch die junge Mutter weigert sich hartnäckig, die Identität vom Vater des Babys preiszugeben. So geraten nach und nach mehrere Personen ins Visier der Ermittler. Ein Mitschüler, ihr Klassenlehrer und Julijas alleinerziehender, streng religiöser Vater, der eine sehr eigentümliche Beziehung zu seiner Tochter zu pflegen scheint.

Das Ganze bleibt nicht zuletzt dank einer klugen Dramaturgie bis zum Finale spannend, als Ninos Boxtrainer des Missbrauchs an Julija überführt wird. Dass die Ermittler auf einer letztlich zur Verhaftung führenden Kinderzeichnung die Boxhandschuhe an der entscheidenden Person nicht sogleich erkannten, blieb dabei so rätselhaft wie der Umstand, dass Charlotte Lindholm erst in der Mitte des Films erfuhr, dass Anaïs mit dem smarten Pathologen Nick Schmitz (Daniel Donskoy) verheiratet ist – schließlich waren sie sich zuvor in Dreierkonstellation schon mehrfach bei der Arbeit begegnet.

Auf der anderen Seite gelangen Regisseurin Franziska Buch und Kameramann Konstantin Kröning in dieser „Tatort“-Folge (9,81 Mio Zuschauer, Marktanteil: 26,2 Prozent) aber auch immer wieder höchst intensive Sequenzen. So etwa die, in der Julija vor ihrer Niederkunft von starken Schmerzen geplagt durch Göttingen taumelt oder jene, in der die Baby-Leiche unter einem Tuch wie auf einem Altar auf dem viel zu großen Obduktionstisch liegt. Nicht zuletzt gilt es in dieser Produktion von Filmpool Fiction die bemerkenswerten Leistungen der beiden Nachwuchsdarsteller Lilly Barshy (Julija) und Emilio Sakraya (Nino) herauszustellen, die ihren Figuren eine enorme physische Präsenz verliehen.

Wenn aus Lindholm und Schmitz, wie die finale Einstellung andeutete, in den kommenden Fällen ziemlich beste Freundinnen werden und der Zickenkrieg in den Hintergrund tritt, hat das ungleiche Duo in Göttingen durchaus Potenzial. Und womöglich gerät dann auch irgendwann einmal das Thema Rassismus in den Fokus, das bei der Premiere übervorsichtig umschifft wurde.

07.02.2019 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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