Lars Becker: Zum Sterben zu früh (Arte/ZDF)

Drogendealer mit Manieren

28.08.2015 •

Die „rote Linie“ wird hier wiederholt beschworen: Die Grenze zwischen Gut und Böse oder, um mit den Protagonisten zu sprechen: zwischen „Arschloch oder nicht“. Und diese Grenze ist im Film „Zum Sterben zu früh“ (Produktion: Network Movie) nicht wirklich deckungsgleich mit jener zwischen legal und illegal, da haben Ermittler wie Gangster schon ihre eigenen Gesetze. Diese düsteren Regionen im Dunstkreis des Verbrechens sind das natürliche Habitat der Lars-Beckerschen Figuren, und zwar häufig in grenzüberschreitender Weise: Wer ‘der Gute’ und wer ‘der Böse’ ist, das lässt sich oft nicht klar zuordnen, wie beispielsweise auch in Beckers „Nachtschicht“-Reihe, die seit vielen Jahren – aber immer nur einmal pro Jahr – im ZDF läuft.

In „Zum Sterben zu früh“ nun treibt der Autor und Regisseur dieses Prinzip noch weiter, verkehrt die Rollen gänzlich: Da haben die Drogendealer ein ausgeprägteres Moralempfinden als der Polizist, der während eines heftigen Ehestreits sein Kind auf der Stadtautobahn aussetzt, seine Frau schlägt, bei einer nächtlichen Verfolgungsjagd 30 Kilogramm Koks unterschlägt und schließlich nach einem geplatzten Drogendeal skrupellos seinen einstigen Informanten erschießt. Dieser Erich Kessel begibt sich nicht grundlos auf die dunkle Seite des Gesetzes, er ist ein verzweifelter Mann am Rande des Abgrunds (was seine kriminellen Taten natürlich keinesfalls rechtfertigt): Seine Tochter Ruby ist schwer krank und das Geld für die Operation fehlt – wodurch außerdem die Ehe mit Claire, die sich auch nicht unbedingt als große Diplomatin hervortut, höchst belastet ist.

Es ist ein ebenso schmerzhaftes wie spannendes Vergnügen, Erich Kessel bei seinem unweigerlichen Zuschlittern auf die Katastrophe zuzusehen – nicht zuletzt deshalb, weil Fritz Karl ihn spielt: als Mann mit müden Augen, in denen aber die Verzweiflung brennt, als Mann, der geradezu bettelt um die Anerkennung und Komplizenschaft seiner Frau (und damit erfolglos bleibt), sich andererseits aber beratungsresistent zeigt auch gegenüber Claire – weil er meint, man könne das Glück erzwingen. Und der sich auf diese Weise mit jedem weiteren Schritt nur weiter in sein Unheil verstrickt, wie eine Fliege im Netz, die flattert und flattert und damit die Spinne erst recht auf sich aufmerksam macht.

„Zum Sterben zu früh“ erzählt die Vorgeschichte des ZDF-Films „Unter Feinden“ (Erstausstrahlung: 15. November 2013 bei Arte, im ZDF am 10. März 2014). Auch die neue Produktion ist, wie stets, wenn Lars Becker ruft, wieder exquisit besetzt. Neben Fritz Karl ist der zweite große Österreicher in diesem Hamburg-Film Nicholas Ofczarek, der den unerschütterlichen Mario Diller spielt, Erichs Kollegen, Nachbarn und besten Freund – ein verlässlicher Fels in der Brandung. Anna Loos ist Dillers Frau Emma (im Sequel „Unter Feinden“ war das noch Birgit Minichmayr), sie ist der vernünftige Gegenpart zu der von Jessica Schwarz dargestellten, vor verzweifelter Ohnmacht um sich schlagenden Claire – sie tut dies freilich, anders als ihr Mann, mit Worten, nicht mit Fäusten. Und eine tolle Neuentdeckung ist der extrem nuancenreich aufspielende Edin Hasanovic als Jamal: ein Drogendealer mit guten Manieren, Intellektuellenbrille und fortschrittlich-säkularen Ansichten.

Überhaupt bürstet Lars Becker auch hier wieder einmal Migrantenklischees gegen den Strich (manche freilich bestätigt er auch). So sorgt sich Jamal um den guten Ruf seiner Schwester, aber anders, als man spontan meinen würde: „Ich will nicht, dass meine Familie ins religiöse Gerede kommt!“, predigt er ihr angesichts ihrer Heirat mit einem strenggläubigen Muslim, die er missbilligt. Die guten, schnellen Dialoge, die hervorragende Besetzung, die effektvolle Inszenierung und die nächtlichen Hamburg-Bilder von Beckers Hauskameramann Ngo The Chau treiben die Handlung voran, deren Stoßrichtung klar ist – immer weiter Richtung Abgrund. Dass Erich Kessel kaum mehr heil aus dem Schlamassel herauskommen kann, das er da kontinuierlich anrichtet, ist offensichtlich.

Wie manchmal in Lars-Becker-Filmen gibt es auch hier dann und wann eine oder andere Ungereimtheit, etwa wenn Claire ihrem Nachbarn Diller, der ohnehin ständig bei ihr ein- und ausgeht, die seinen Freund Kessel belastende Tatwaffe ausgerechnet dann heimlich zusteckt, als ein Trupp Ermittler ihr Haus durchforstet. Doch derlei minimale Holperer stören nicht weiter angesichts der vielen Qualitäten dieses ebenso spannenden wie düsteren Thrillers, der jetzt am 28. August bei Arte erstausgestrahlt wurde und am 9. November dieses Jahres im ZDF zu sehen sein wird.

28.08.2015 – Katharina Zeckau/MK

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