Annekatrin Hendel: Fassbinder (ARD/Arte)

Ein Porträt ohne Verklärung

16.06.2015 •

Am 31. Mai 2015 wäre Rainer Werner Fassbinder 70 Jahre alt geworden. Bei Fassbinder klingt eine solche Aussage, die den Gepflogenheiten des Gedenkens an Persönlichkeiten der Zeitgeschichte anlässlich runder Geburtstage entspricht, besonders merkwürdig. Dieser Berserker wäre mit seinem Kamikaze-Lebensstil niemals so alt geworden. Das Licht, das doppelt so hell brennt, brennt eben nur halb so lange. Fassbinder starb am 10. Juni 1982 im Alter von nur 37 Jahren. Sein selbstzerstörerisches Künstlerleben lässt Annekatrin Hendel mit sehenswerten Streiflichtern Revue passieren.

Dabei erscheint ihr schlicht mit „Fassbinder“ betitelter Dokumentarfilm (Produktion: It Works Medien/Annekatrin Hendel/Juliane Maria Lorenz) auf den ersten Blick nicht besonders originell. Chronologisch entlang den Theater-, Film- und Fernseharbeiten rekonstruiert die Grimme-Preisträgerin die Lebens- und Werkgeschichte aus der Perspektive von Weggefährten, Schauspielerinnen und Schauspielern. Anekdoten von Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margit Carstensen werden dabei mit entsprechenden Filmausschnitten kombiniert. Außerdem arbeitet Hendel mit journalistischen Elementen wie Off-Kommentaren. Trotzdem erzeugt ihre Annäherung an den Ausnahmeregisseur eine sehr filmische Anmutung. Interviews mit Fassbinder-Darstellern und anderen Zeitzeugen erscheinen nicht wie abgelichtete Talking Heads. Sie verbinden sich visuell organisch mit kommentierten Filmbeispielen. So erzeugt Annekatrin Hendels Film von den ersten Momenten an eine Sogwirkung, die den Zuschauer über die vollen 90 Minuten fesselt.

Das ist erstaunlich. Denn trotz der Präsentation unveröffentlichter Szenen, die dank der Koproduktion mit der Rainer Werner Fassbinder Foundation zur Verfügung gestellt wurden, setzt dieser Film inhaltlich kaum neue Akzente. Hendel erinnert daran, dass Fassbinder eben nicht nur der visionäre Film- und Theatermacher war, der der Gesellschaft der späten 1970er Jahre provozierend den Spiegel vorhielt. Der Mann hatte auch seine Schattenseiten. Besonders aus den Erzählungen der Frauen, die er um sich scharte, wird deutlich, dass sein Charisma einer Mischung aus Guru und Zuhälter entsprach. Wie Irm Hermann betont, waren sie und andere Schauspieler ihm „hörig“. Mit zum Teil masochistischer Inbrunst begaben sich Mitarbeiter in eine emotionale Abhängigkeit von ihrem Meister. So wird verständlich, dass der Regisseur seine Darsteller zuweilen mit quälenden Psychospielchen zu jenen schauspielerischen Höchstleistungen aufstachelte, die im deutschen Film bis heute kaum etwas Vergleichbares haben.

Diese Dimension der seelischen Ausbeutung ist allerdings hinlänglich bekannt. In seinem aus dem Jahr 2000 stammenden Dokumentarfilm „Für mich gab’s nur noch Fassbinder“ hat beispielsweise Rosa von Praunheim mit ähnlich intensiven Interviews hinter die Fassade des Fassbinder-Kosmos geschaut. Interessant an Annekatrin Hendels Film ist dagegen die ökonomische Dimension. In Gesprächen mit dem Produzenten und einstigen WDR-Redakteur Günter Rohrbach und mit Regisseur Volker Schlöndorff, die sich von der kräftezehrenden Gruppendynamik nicht absorbieren ließen, wird deutlich, wie sehr die atemlose Kreativität des Enfant terrible auch mit jenen Geldern zusammenhing, die ihm seit den ersten Erfolgen permanent zur Verfügung standen. Fassbinder bezog nicht unerhebliche finanzielle Mittel von Institutionen jenes Staates, dem er gemäß dem linksradikalen Zeitgeist der späten 1970er Jahre ablehnend gegenüber stand. Wenn er seine Darsteller bis aufs Blut quälte, dann musste die böse Gesellschaft zudem als Rechtfertigung für seine sadistisch anmutenden Eskapaden herhalten: Er, Fassbinder, sei in all seiner Monstrosität nur ein Produkt dieses kaputten Systems – und folglich für sein Verhalten nicht verantwortlich.

In den Augen cineastischer Puristen, die Annekatrin Hendels Dokumentarfilm kritisch aufnahmen, sind solche Erzählungen ehemaliger Weggefährten nur Klatschgeschichten, für die Erschließung des Werks unerheblich. Diese Kritik ist teilweise berechtigt, denn Hendel neigt dazu, die Erzählungen beispielsweise von Hanna Schygulla, Margit Carstensen und Harry Baer eins zu eins mit Filmausschnitten zu belegen. Eine solche Ineinanderspiegelung von Leben und Werk birgt bekanntlich die Gefahr einer Tautologie. Doch bei Fassbinder ist das etwas anders, denn die unschöne Seite an seiner Persönlichkeit ist von seinem schöpferischen Genie schwer zu trennen. Die quälende Genauigkeit, mit der er beispielsweise in seinen großen Frauenporträts wie „Martha“ und „Die Ehe der Maria Braun“ aufzeigt, dass es keine herrschaftsfreien Liebes­beziehungen gibt, wurzelt auch in der Analyse persönlicher Erfahrungen.

Die Ästhetisierung, mit der Fassbinder persönlich Erlebtes künstlerisch verarbeitet, wird in Hendels Film allerdings etwas holzschnittartig dargestellt. Was auch damit zusammenhängen mag, dass mit dem Kameramann Michael Ballhaus einer der wichtigsten Weggefährten fehlt. Auch die Unterlegung der Filmausschnitte mit der Musik der Gruppe Ramstein ist gewöhnungsbedürftig. Dennoch ist Annekatrins Hendels Beitrag sehenswert, weil sie Fassbinders atemlosen Schaffensrhythmus filmisch nachempfindet, ohne den Meister zu verklären. (Nachdem „Fassbinder“ am 27. Mai zunächst bei Arte ausgestrahlt wurde, ist der Film nun am 16. Juni um 22.45 Uhr im Ersten zu sehen.)

16.06.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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