Julia Friedrichs/Fabienne Hurst/Andreas Spinrath: Heimatland. Oder die Frage, wer dazu gehört (ARD/WDR)

Vielschichtige Bestandsaufnahme

31.03.2019 •

Klar, man kann den Unmut des Mannes verstehen. Jahrzehntelang wohnte er mit seiner Lebensgefährtin praktisch auf der grünen Wiese. Einem Einzelgehöft bei Widdersdorf in der Nähe von Köln. Mit freiem Blick in alle Himmelsrichtungen. Doch vor ein paar Jahren wies die Gemeinde die umliegenden Äcker als Bauland aus und inzwischen ist dort die größte privat finanzierte Neubausiedlung Deutschlands entstanden. Die Einwohnerzahl von Widdersdorf hat sich dadurch praktisch verdoppelt.

Die Alteingesessenen des Ortes klagen, dass in den uniformen weißen Quadern mit ein paar Quadratmetern Rasenfläche fast ausschließlich Fremde wohnen. Womit sie keineswegs Flüchtlinge meinen, die sich diese Eigenheime ohnehin nicht leisten könnten. In dem neuen Ortsteil leben vornehmlich gutsituierte Familien mit Kindern, die in erster Linie wegen des Wohnungsmangels im nahen Köln aufs Land gezogen sind. Die meisten, so klagt ein Alt-Widdersdorfer, kämen ja noch nicht mal aus dem Rheinland und passten schon von ihrer Mentalität her überhaupt nicht in die Gegend, weshalb sie am Vereinsleben kaum teilnähmen.

Auch so kann die Angst vor Überfremdung fernab der Diskussion um Migration und Asylbewerber aussehen, wenn die Globalisierung in der Provinz ankommt. Da sind auf der einen Seite Menschen, die an ihrem Wohnort oder zumindest in der Umgebung aufgewachsen sind, nie weg wollten und die diesen Wohnort mit Heimat verbinden. Und auf der anderen solche, die mit dem Begriff und den dazugehörigen Gefühlen wenig am Hut haben, die sich dort niederlassen, wohin es sie aus beruflichen oder anderen Gründen gerade verschlagen hat, und die bereit sind, jederzeit woanders hinzuziehen, wenn es der Job verlangt.

Der britische Publizist David Goodhart nennt diese beiden Bevölkerungsgruppen in der ARD-Dokumentation „Heimatland. Oder die Frage, wer dazu gehört“ die „Anywheres“ und die „Somewheres“. Jene, die überall zu leben bereit sind, und die anderen, für die Heimat an einen spezifischen Ort gebunden ist. Dazu halten die Autoren des Films aussagekräftige Statistiken bereit. Etwa die, dass der Begriff Heimat publizistisch in Zeiten der Stabilität in Ost und West über Jahrzehnte keine Rolle mehr gespielt hat. „Das Heimatfieber boomt immer in Zeiten der Neuordnung“, heißt es im Off-Kommentar. Auch der Hinweis, dass laut Migrationsstatistik auch heute noch 50 Prozent der Deutschen in dem Landkreis leben, in dem sie geboren wurden, macht hier Sinn. Auf die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist, antworten Politiker hier so knapp wie vorhersehbar. Nein, sagt Heimatminister Horst Seehofer (CSU); ja, kontert Außenminister Heiko Maas (SPD).

Und dann haben die Autoren auch noch ein Gegenmodell zu Widdersdorf ausgemacht. Die Hansestadt Anklam liegt im Landkreis Vorpommern-Greifswald an der Ostsee und prosperiert – was vor dem Hintergrund vieler verödeter Landstriche im Osten der Republik einigermaßen erstaunlich ist. In dem Ort mit einem Ausländeranteil von gerade einmal drei Prozent wird Heimat groß geschrieben. „Wenn hier Fremde auftauchen, die auch noch anders aussehen, ist man hier überfordert“, sagt eine Bewohnerin. Es kommen auch keine Fremden. Bei der letzten Wahl hat die AfD dort 40 Prozent der Stimmen geholt. Weshalb es auch nicht erstaunlich ist, dass viele der Gewerbetreibenden aus ihrer stramm rechten Gesinnung keinen Hehl machen. Unter dem Namen „Handwerker Anklam“ haben sich 22 Unternehmen zusammengeschlossen, auf die der Verfassungsschutz bereits ein Auge geworfen hat. So ist Anklam – anders als Widdersdorf – eine Enklave, die ihr Wohlergehen in der Abschottung sucht. Und zudem wird hier das Klischee konterkariert, wonach rechte Gesinnungen nur in sozial abgehängten Landstrichen gedeihen.

Vielleicht wäre die eine oder andere Expertenstimme, die in der Dokumentation zu hören war, verzichtbar gewesen. Doch die Statements fallen angenehm kurz aus und werden nur hin und wieder, zu Blöcken gebündelt, eingeschoben. Die ungeheure Menge an Statistiken und Informationen, die der Film bietet, wird in originell animierten Schaubildern verabreicht, was sie gut verständlich macht und eine Übersättigung verhindert. Nicht zuletzt finden die Filmemacher auch immer wieder sinnfällige Bilder, so etwa, wenn in der Neubausiedlung in Widdersdorf ein Platz auftaucht, der von den Planern als Ort der Begegnung gedacht war, auf dem sich jedoch trotz der einladenden Bänke niemand aufhält. Wie das eben häufig passiert, wenn Formen menschlicher Begegnungen am Reißbrett entworfen werden.

Unter dem Strich war die 45-minütige Dokumentation „Heimatland“, hergestellt von einem Team des WDR-Projekts Docupy und der Kölner Produktionsfirma Bildundtonfabrik (BTF), die längst weitaus mehr als nur Jan Böhmermann auf den Bildschirm bringt, eine vielschichtige und instruktive Bestandsaufnahme zum diffusen Thema Heimat. Mitglieder des Docupy-Teams waren neben dem Autorentrio Julia Friedrichs, Fabienne Hurst und Andreas Spinrath außerdem Sara Lienemann, Eva Müller, Nora Nagel, Michael Schmitt und Kevin Brüssel. Die ARD strahlte „Heimatland“ (1,97 Mio Zuschauer, Marktanteil: 6,0 Prozent) zur Primetime um 20.15 Uhr unter dem Dach des Labels „Was Deutschland bewegt“ aus, das im vorigen Jahr für gesellschaftspolitische Reportagen im Ersten neu eingeführt worden war (vgl. MK-Artikel) und seither relativ unberechenbar dann und wann im Programm auftaucht. Ein Team des Docuy-Projekts und die Bildundtonfabrik sind für den im vergangenen Jahr im WDR Fernsehen gesendeten Dreiteiler „Ungleichland – Reichtum, Chancen, Macht“, der Teil eines Multimedia-Projekts war, jüngst mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden (vgl. MK-Meldung).

31.03.2019 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 10/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren