Cyrill Boss/Philipp Stennert/Mike Majzen: Der Pass. 8‑teilige Serie (Sky)

Großes Stilbewusstsein

09.03.2019 •

Eine schönere und subtilere Liebeserklärung hat es selten gegeben. Am Ende der achten Folge der Serie „Der Pass“, als fast alles vorbei ist, erklärt sich der reichlich abgehalfterte österreichische Inspektor Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) seiner deutschen Kollegin Ellie Stocker (Julia Jentsch). Und zwar, indem er ihre Rolle bei den zermürbenden Ermittlungen um den sogenannten „Krampuskiller“ einordnet. Winter erzählt, wie ihm aufgegangen sei, dass es im Perchtenbrauchtum neben dem Nikolaus und dem Krampus ja auch noch „das Engerl“ gebe, das einfach nur da sei und lächle. Das habe er lange für „das ärmste Würschtel“ gehalten. Tatsächlich aber sei das „Engerl“ die wichtigste Figur in dem Dreiergespann: „Ohne des tät man die anderen beiden gar ned ertragen! Verstehst?“ Dass er damit Ellie meint, er selbst der Nikolaus ist und der Krampus der von beiden so lange gesuchte Serienmörder, versteht man, auch ohne dass es explizit ausgesprochen wird.

Auf ein passives „Engerl“ lässt sich Ellie zwar nicht reduzieren, das weiß auch Winter. Denn die junge Kommissarin war die treibende Kraft hinter den Ermittlungen; man muss sie auch eher als direkt und zielstrebig denn als lieb und sanft charakterisieren. Winter geht es um etwas anderes: darum, dass Ellie mit ihrer Beständigkeit und humanen Haltung die Seele des bilateralen Duos war, der emotionale Ankerpunkt und auch der Fels in der Brandung. Die geschilderte Szene ist der zutiefst berührende Abschluss der Zusammenarbeit der beiden. Und zugleich ein formvollendetes Ende für eine beeindruckende Serie (Produktion: Wiedemann & Berg mit Epo-Film).

Die zwei ungleichen Ermittler treffen das erste Mal auf einem Alpenpass bei einer nackten Leiche aufeinander, die auf gruselige Weise über einem verschneiten Grenzstein drapiert ist und damit zugleich in Österreich und Deutschland liegt. Bei dem Toten handelt es sich um einen bulgarischen Schlepper, der für den Tod zahlreicher Flüchtlinge verantwortlich ist. Als kurz darauf ein korrupter Manager in seinem Chalet in den Bergen hingerichtet und auf ähnliche Weise „ausgestellt“ wird, ist klar, dass hier ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Und zwar einer, der sich bei seinen Taten im bergig-waldigen Grenzgebiet beim alpenländischen Brauchtum bedient. Bei der im Winter in der Alpenregion noch immer gepflegten Tradition verkleidet man sich als wilde Kreatur, als „Percht“, und zieht durch die Gegend, um die Menschen für ihre Unartigkeiten zu maßregeln.

Dieses Motiv nimmt auch der Mörder mit der Krampusmaske für sich in Anspruch. In seiner eigenen Lesart ist er nur konsequent darin, „schuldige“ Menschen zu bestrafen. Vom narzisstisch-sadistisch geprägten Weltbild des Serienmörders erfährt man schon früh; bereits in der dritten Folge der insgesamt achtteiligen Serie wird enthüllt, wer der gesuchte Killer ist. Seine „Zentrale“ hat er in einer abgelegenen Blockhütte im Wald eingerichtet, in der er sich als naturverbundenes Gegenbild zur oberflächlich-eitlen Moderne gefällt.

„Der Pass“ erzählt davon, wie der Mörder seinen Verfolgern mehrfach (knapp) entkommt, wie die Ermittler auch immer wieder falschen Fährten nachgehen, etwa einer, die zu einem Sektenguru führt, der vom Ende der Zivilisation und der „roten Jahreszeit“ faselt und sich als „Gott des Waldes“ inszeniert. Weitere Themen werden vertieft, etwa die Verknüpfungen zwischen Politik, Polizei und Presse, der ambivalente Charakter von Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit, die Rechtlosigkeit und das Ausgeliefertsein von „illegalen“ Migranten.

Es geht auch um die Desillusionierung und mafiöse Verstrickung des Inspektors Winter und um die zum Scheitern verurteilte Affäre zwischen Ellie und ihrem Chef Claas Wallinger (Hanno Koffler). Alle inhaltlichen Stränge behalten die Autoren und Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert gut unter Kontrolle. Dem klugen und dramaturgisch geschickt aufgebauten Drehbuch (an dem noch Mike Majzen mitwirkte) gelingt es, aus dem Wettlauf zwischen Polizei und Täter eine enorme Spannung zu ziehen; es verliert aber auch die anderen Themen nicht aus dem Blick und erzählt diese parallel zum Hauptplot.

Die beiden Regisseure und Kameramann Philip Peschlow kreieren mit großem Stilbewusstsein und einer ausgeklügelten Farbdramaturgie starke, kinotaugliche Bilder. Die farbreduzierten Aufnahmen der winterlich abweisenden Bergregion lassen regelrecht frösteln. Einen nicht geringen Anteil an diesem Effekt haben nicht zuletzt der raffinierte Schnitt (Andreas Baltschun, Lucas Seeberger) und die dunkle Musik (Jacob Shea, Bleeding Fingers Music). Gelungen sind auch alle anderen Gewerke, das Szenenbild, die von dem Münchner Künstler Veit Kowald entworfenen Krampus-Masken, die Kostüme. Insbesondere Ofczareks Dauer-Outfit aus verknittertem Anzug und schwerem Fellmantel erzählt viel über diesen derangierten und suchtkranken Ermittler, der sich eigentlich schon längst aufgegeben hatte.

Auch jenseits des Kostüms hat Nicholas Ofczarek die abgründigere, interessantere Rolle; bei Julia Jentsch dauert es länger, bis sie ihrer Figur der Ellie Stocker neben der Geradlinigkeit ein paar weitere Facetten abgewinnt. Was allerdings weniger der Schauspielerin anzulasten ist, die wie das gesamte Ensemble überzeugend spielt. Die leichte „Blässe“ ihrer Figur ist so ziemlich der einzige Kritikpunkt.

Der Titel der Serie bezieht sich nicht nur auf das geografische Setting, einen Übergang über einen Gebirgszug, sondern auch auf eine Perchtengruppe, die man ebenfalls „Pass“ nennt. Inspirieren ließen sich die Macher angeblich von der skandinavischen (vom ZDF koproduzierten) Erfolgsserie „Die Brücke – Transit in den Tod“, wie man dem Abspann von „Der Pass“ entnehmen kann, doch außer den Grundzügen der polizeilichen Zusammenarbeit über Grenzen hinweg und den (vermeintlich) politisch-gesellschaftskritischen Motiven des Täters ist davon nicht allzu viel zu spüren. Der Alpenthriller, eine Eigenproduktion des Pay-TV-Senders Sky, erinnert mit seiner finsteren (Natur-)Stimmung eher an die erste Staffel der US-Serie „True Detective“ (HBO), ohne jedoch an deren philosophische und atmosphärische Tiefe heranzureichen. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei „Der Pass“ um eine herausragende Serie, die einen noch lange nach dem Ende in ihrem düster-kalten Griff hat. Wenige Tage nach der linearen Ausstrahlung der letzten Folge kündigte Sky an, dass es eine zweite Staffel geben werde; inhaltliche Details dazu nannte der Sender noch nicht.

09.03.2019 – Katharina Zeckau/MK