Mario Sixtus: Im Netz der Lügen – Fakten, Fakes & Filterblasen (ZDFinfo)

Platon hat nicht gesurft

08.08.2017 • Mario Sixtus spricht direkt in die Kamera. „Es gibt Menschen“, sagt er, „die behaupten, ich lebe in einer Blase, in einer unsichtbaren Gedankenhülle. Und ich wüsste das gar nicht. Und weil ich in dieser Blase lebe, glaube ich allen möglichen Quatsch.“ Diese Vorstellung findet er „ausgesprochen unangenehm“. Deshalb will er herausfinden, ob das Behauptete stimmt. Er dreht sich um und macht sich auf den Weg. Wir folgen ihm hinein in seinen Film „Im Netz der Lügen – Fakten, Fakes & Filterblasen“, denn dieses Intro hatte Drive.

Mario Sixtus, ein Journalist, der auf Netzkultur spezialisiert ist und unter anderem 2007 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde (für sein Format „Elektrischer Reporter“), wirkt gradlinig, hat einen gewissen Schwung in seinen gedrechselten Sätzen und scheint auch sich selbst manchmal nicht so ganz ernst zu nehmen. Das ist von sympathischer Art. Auch die Machart der Dokumentation ist pfiffig (Produktion: AVE Publishing GmbH). Wenn Sixtus sich zum Beispiel in einem transparenten Ball durch Berlin bewegt, dann gelingt damit eine augenzwinkernde Illustration der sogenannten „Filterblase“, ein Modebegriff der Netzwelt, der spätestens seit dem Wahlerfolg des derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump Konjunktur hat.

Um herauszufinden, was es damit auf sich hat, interviewt Sixtus fünf Experten. Gerret von Nordheim ist Journalismus-Forscher. Vor der Kamera spricht er über seine Untersuchung der Kommunikationsstrukturen auf Twitter während des Amoklaufs im Münchener Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) vor einem Jahr. Außerdem befragt Sixtus Sebastian Bartoschek, einen Psychologen mit dem Spezialgebiet Verschwörungstheorien, der in der Podcast-Szene unterwegs ist. Dann ist da die junge Datenanalytikerin Kira Schacht, die unter anderem die Netzaktivität von Pegida auf Facebook analysiert. Befragt wird auch die Beraterin Juliane Leopold, die aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen im Online-Nachrichtengeschäft nun den Webauftritt der ARD-„Tagesschau“ unterstützt. Zum Kreis der Befragten zählt ferner Philipp Müller, ein Kommunikationswissenschaftler, der sich als „Experte zum Thema Fake News“ bezeichnet.

Im Gespräch mit diesen Experten destilliert Sixtus mehrere Theoriebausteine heraus. Erklärt werden dabei die selektive Zuwendung zu Medieninhalten („selective exposure“) und die Theorie der „kognitiven Dissonanz“, gemäß der jene Fakten unterdrückt werden, die unangenehme Stimmungen erzeugen. Hinzu kommt der „hostile media effect“, dem zufolge Nachrichten, die der eigenen Auffassung widersprechen, als einseitig eingestuft und deshalb abgelehnt werden. Zum Mechanismus der Filterblase gehört auch der „third person effect“, gemäß dem falsche Nachrichten als wahr eingestuft werden, sofern ein Freund oder Bekannter sie empfiehlt bzw. „liked“. Die so entstehende Echokammer wird verstärkt durch den „truth effect“, laut dem selbst das ausdrückliche Dementi einer Falschnachricht nicht zur Korrektur führt, sondern aufgrund des Wiederholungseffekts die Zementierung des Falschen als die Wahrheit bewirkt.

Das Ergebnis dieses fatalen Zusammenspiels fast Mario Sixtus stakkatohaft zusammen: Wir alle klicken nur das an, was unsere Weltanschauung bestätigt. Stoßen wir auf etwas, das unserem Weltbild widerspricht, dann ist uns das „ziemlich egal“. Wir vergessen es, halten es für unwichtig oder stufen den Autor als unglaubwürdig ein. Andererseits glauben wir, so Sixtus weiter, „jeden Quatsch, solange er nur oft genug wiederholt wird“. Der Hinweis darauf, dass wir Quatsch glauben, verfestigt nur unsere falsche Ansicht. Obwohl wir diese Form des selektiven Medienkonsums betreiben, sehen wir uns selbst als politischen Mainstream und fühlen uns dabei auch noch gut informiert.

Wie sehr dieses Gefühl täuscht, verdeutlicht Sixtus, indem er den häufig zitierten „Pizza-Gate“-Fall heranzieht. Aufgrund einer Falschnachricht im Internet glaubte ein Mann, in einem italienischen Restaurant in Washington würden Kinder sexuell missbraucht. Hillary Clinton, im damaligen US-Präsidentschaftswahlkampf Kandidatin der Demokraten, sei in diesen Skandal verwickelt gewesen, hieß es. Mit diesem Gerücht sollte ihr Ruf geschädigt werden. Sixtus zieht daher den verbreiteten Schluss: „Die allermeisten Fake-Nachrichten versuchten, Trump zu unterstützen.“ Filterblasen und Fake News – so die mit einigen weiteren Beispielen gestützte Schlussfolgerung – nützten vor allem Rechtspopulisten. In seiner thematisch ähnlichen Sendung „Manipuliert“, die Mitte Mai bei ZDFneo zu sehen war (vgl. MK-Kritik), hat diese These bereits Sascha Lobo vertreten, ein Autor, der aus derselben Filterblase stammt wie Mario Sixtus.

Letzterer gibt sich zwar etwas zurückhaltender und kommt am Ende zu der pauschalen Schlussfolgerung, dass „wir alle höchstwahrscheinlich schon“ in einer Filterblase lebten; „aber wie dicht diese Filter halten, wie stark sie Fakten und Ideen herausfiltern und wie viel Realität sie durchlassen, das“, so Sixtus, „ist nicht einprogrammiert. Das entscheiden wir, jeder für sich“. Amen. Mit dieser Sonntagsrede endet die Netzpredigt. Der Zuschauer kratzt sich am Kopf, denn Sixtus’ Ausführungen beschreiben eigentlich nur das mehr oder weniger normale Funktionieren des menschlichen Verstandes. So sieht es auch der befragte Experte Philipp Müller, dem zufolge Platons Höhle die erste Filterblase war. Doch: Platon surfte nicht.

Man musste also eigentlich nicht aufs digitale Zeitalter und die sozialen Netzwerke warten, um soziale Gruppen zu beobachten, deren Realitätswahrnehmung mit Scheuklappen und Tunnelblick ausgestattet ist. Die Nazis brauchten keine digitalen Filterblasen, um einen großen Teil der „arischen“ Bevölkerung glauben zu lassen, Juden seien „Untermenschen“. Solche Phänomene der politischen Fanatisierung erreichten bereits durch die Propaganda zur Zeit der prädigitalen Medien erschreckende Ausmaße, die man sich heute kaum mehr vorzustellen vermag.

Mit der Popularität sozialer Netzwerke ist also keineswegs eine neue Qualität der Manipulierbarkeit des Medienrezipienten entstanden. Deutlicher in den Blick geraten ist lediglich eine Grundeigenschaft menschlicher Wahrnehmung. Der Begriff „Filterblase“ erweist sich folglich als mehr oder weniger geglückte Beschreibung des Bewusstseins selbst. Die Problematisierung dieses Begriffs und dessen, was dahintersteckt, erinnert an fruchtlose Diskussionen über Medienwirkung zur Zeit der Horrorvideo-Debatte, bei der in den 1980er und 1990er Jahren gemutmaßt wurde, brutale Bilder würden dem Zuschauer vermitteln, dass Gewalt „ein probates Mittel zur Konfliktlösung“ sei und daher einer „entsittlichenden Verrohung“ des Kino- und Fernsehzuschauers Vorschub leisten.

08.08.2017 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 12/2018

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