Diana Löbl/Peter Onneken: Infokrieg im Netz – Trolle, Hacker und Fake News im Wahlkampf (ARD/WDR) / Claus Hanischdörfer: Im Netz der Lügen – Der Kampf gegen Fake News (ARD/SWR)

Im Glauben an die Wahrheit

23.08.2017 • Bei all den aufgeregten Debatten zum Thema „Fake News“ wird häufig die Binse vergessen, dass durch Medien verbreitete Nachrichten schon immer Vertrauenssache waren. Wenn sich für den Empfänger eine Information der unmittelbaren Überprüfung entzieht, bleibt ihm kaum mehr, als seinen Informanten zu glauben. Schön, wenn die Berichterstatter Belege beibringen können, aber die Echtheit dieser Beweismittel lässt sich für den Empfänger in der Regel auch nicht überprüfen. Und die Zeiten, in denen man Fotos für untrügliche Zeugnisse der Wahrheit halten durfte, sind angesichts der digitalen Entwicklung längst vorbei.

Bis vor ein paar Jahren stellte das alles kaum ein Problem dar. Man vertraute auf die Seriosität der Medien, ihre eigenen Korrektive und das journalistische Ethos. Doch dieses Vertrauen ist bei Teilen der Bevölkerung inzwischen offenbar nicht mehr vorhanden. Für sie stehen Zeitungen, Radio und Fernsehen – Stichwort: „Lügenpresse“ – unter dem Generalverdacht, mit den Mächtigen, ‘denen da oben’, gemeinsame Sache zu machen. Stattdessen sehen diese Zeitgenossen sich und ihre Überzeugungen am globalen Stammtisch der sozialen Medien weit besser repräsentiert. Wobei die Frage nach der Wahrheit bisweilen nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint.

In einer TV-Dokumentation des vergangenen Jahres über das vermeintliche Verbrechen eines Asylbewerbers, der kurz nach der Tat als gänzlich unschuldig entlastet wurde, hatte eine Frau erklärt: „Ist mir egal, ob die Geschichte stimmt oder nicht. Ich glaub’ sie jedenfalls.“ Ob solchen Menschen im Sinne der Aufklärung noch zu helfen ist, steht dahin. Aber man würde doch eigentlich gern wissen, wie sie denn ticken. Leider allerdings kamen Vertreter dieser Spezies bis auf ein Einzelexemplar auch in den insgesamt 90 Minuten dieses Quasi-Themenabends im Ersten zu „Infokrieg“ und „Fake News“ nicht vor. Die ARD sendete in diesem gleich zwei Dokumentationen hintereinander, die der Reihe „Die Story im Ersten“ zugeordnet waren. Wobei man hinzufügen muss, dass es sich bei einem Starttermin um 23.00 Uhr schon eher um eine Themennacht handelte. Und es ist wohl so, dass man zu solch späten Sendezeiten erfahrungsgemäß allenfalls noch Zuschauer erreicht, die thematisch ohnehin schon halbwegs im Bilde sind. Dagegen war der ähnlich angelegte Film von Mario Sixtus mit dem Titel „Im Netz der Lügen – Fakten, Fakes & Filterblasen“ am 20. Juli um 21.00 Uhr bei ZDFinfo (vgl. MK-Kritik) noch vergleichsweise verbraucherfreundlich platziert.

Diana Löbl und Peter Onneken betrachteten in ihrem Film „Infokrieg im Netz – Trolle, Hacker und Fake News im Wahlkampf“ (Produktion: Bunt.Schön.Laut.) vornehmlich Versuche von Hackern, im Auftrag ausländischer Regierungen Wahlen in aller Welt zu beeinflussen. Da musste beispielsweise Hillary Clintons ehemaliger Wahlkampfmanager einräumen, die sogenannte „Pizzagate“-Kampagne unterschätzt zu haben, in der im vorigen Jahr der US-amerikanischen Präsidentschaftskandidatin und Konkurrentin von Donald Trump Kontakte zu einem Kinderschänderring unterstellt worden waren. Die Vorwürfe gelangten zwar nie in die offiziellen Nachrichten, verbreiteten sich jedoch massiv über die sozialen Netzwerke.

Der zweite Erzählstrang in diese Film widmete sich dem Hackerangriff auf Server des Deutschen Bundestags im Jahr 2015, bei dem rund 8 Millionen Druckseiten ‘gestohlen’ wurden, ohne dass diese bisher in der Öffentlichkeit aufgetaucht sind. Dies legt die Vermutung nahe, dass entsprechende Interna vermutlich erst kurz vor der Bundestagswahl im September dieses Jahres in Umlauf gebracht werden sollen, um die Abstimmung in welcher Form auch immer zu beeinflussen.

Als Urheber der Aktionen machten Löbl und Onneken die inzwischen hinlänglich bekannte Hackergruppe APT 28 im russischen St. Petersburg aus, ohne dafür allerdings belastbare Beweise liefern zu können. In Ausschnitten aus YouTube-Videos sah man lediglich, wie Jugendliche mit Kapuzenshirts ein offenbar verdächtiges Gebäude in der Stadt betraten. Und den Nachweis, dass angeblich die russische Regierung als Auftraggeberin hinter den Attacken steckt, konnten die beiden Autoren natürlich erst recht nicht erbringen. So blieben da zwei Informanten, die beteuerten, dem sei so, und im Gegenschnitt der lakonische Kommentar von Russlands Präsident Wladimir Putin, Hacker seien wie Künstler, die man nicht dirigieren könne.

Unter dem Strich lieferte die Dokumentation mit zahlreichen Expertenstatements dennoch profunde Einsichten in die Möglichkeiten, wie Volksentscheide in aller Welt beeinflussbar und zu manipulieren sind. Dabei wirkte jedoch die filmische Aufbereitung mit auf Spannung getrimmtem Soundtrack und mit Ortswechseln, die durchweg mit Hilfe von Google Earth in Szene gesetzt wurden, auf etwas penetrante Weise modisch-effekthascherisch.

Mit der zweiten Dokumentation dieses ARD-Abends, die mit „Im Netz der Lügen“ denselben Haupttitel hatte wie der ZDFinfo-Beitrag von Mario Sixtus, gab anschließend Claus Hanischdörfer so etwas wie eine Einführung in Sachen Entstehung und Verbreitung von Fake News. Als roter Faden diente dabei ein Experiment der Universität Stuttgart-Hohenheim, wo über eine eigens eingerichtete Facebook-Seite die Nachricht verbreitet wurde, Asylbewerber in Bad Eulen bekämen einmal pro Woche Besuch von Prostituierten, für deren Dienste der Steuerzahler aufkomme. „Gratis Sex für Asylanten. Landratsamt zahlt!“ lautete die Überschrift dazu.

Dass diese vermeintliche Nachricht binnen kürzester Zeit große Verbreitung fand, verwundert nicht. Flüchtlinge und Sex – da schießen (Männer-)Phantasien ins Kraut. Dieses Thema geht praktisch immer. Dass sich offenbar kaum einer der kollektiv Entrüsteten die Mühe machte, einfach einmal den Ort des Geschehens zu googeln – es gibt keine Stadt namens Bad Eulen –, überrascht dann auch nicht weiter. Hanischdörfer führte noch eine Reihe von Falschmeldungen im Kontext mit Flüchtlingen an, die es zu großer Verbreitung gebracht hatten, ohne dass ihnen ein wissenschaftliches Experiment zugrunde lag. Darüber hinaus stellte der Autor verschiedene Initiativen und Einzelkämpfer vor, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Kampf gegen Fake News aufzunehmen.

Wirklich beunruhigend waren die im Film aufgezeigten Gegebenheiten dazu, in welchem Maß die sogenannten Filterblasen in den sozialen Netzwerken inzwischen funktionieren. Ursprünglich als Instrumentarium für punktgenaue Werbung ersonnen, führen die entsprechenden Algorithmen dazu, dass den Nutzern auch von den sonstigen Nachrichten primär diejenigen übermittelt werden, die in ihr Weltbild passen. Und hier kam dann mit einem Rentner auch endlich einmal ein Mensch zu Wort, der sich von den klassischen Medien abgewendet hat. Der langjährige SPD-Wähler, der inzwischen zur AfD übergeschwenkt ist, bekannte freimütig, dass er seine Überzeugungen in den sozialen Netzwerken weit besser repräsentiert finde und er ihnen deshalb auch mehr Glauben schenke als Zeitungen und Fernsehen. Hier wurde zumindest das zentrale Problem der Debatte einmal deutlich. Es gibt offenbar eine wachsende Gruppe von Menschen, für die Wahrheit überhaupt nicht mehr zu den Kriterien für seriöse Nachrichten zählt. Und diesen Zeitgenossen ist auch mit aller Aufklärung und den vom Autor abschließend aufgelisteten Prüfungsvorschlägen zur Ermittlung von echten Nachrichten kaum beizukommen.

23.08.2017 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 12/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren