Ignaz Lozo: Putsch gegen Gorbatschow – Der Untergang der Sowjetunion (Phoenix)

Dürftig kaschierte Mogelpackung

10.09.2016 •

Das alljährliche Sommerloch, in dem die großen Sender ihr Heil vornehmlich in preiswerten Wiederholungen suchen, bietet für kleinere Programme die Chance, zumindest bei der Medienkritik mit eigenen Produktionen für etwas Aufmerksamkeit zu sorgen, die sonst im TV-Alltag vermutlich übersehen würden. So strahlte Phoenix nun anlässlich des 25. Jahrestages des Putschversuchs von 1991 in Moskau die Dokumentation „Putsch gegen Gorbatschow“ von Ignaz Lozo aus und bewarb den Film als „Erstausstrahlung“.

Nun, da schaut man doch interessiert einmal rein, um womöglich zu erfahren, was es denn Neues zu sagen gibt über jene dramatischen drei Tage im August 1991, die historisch für den Anfang vom Ende der Sowjetunion stehen. Und was Ignaz Lozo, ehemaliger Moskau-Korrespondent des ZDF und ausgewiesener Kenner der neueren, osteuropäischen Geschichte, da zusammengetragen hatte, war durchaus beeindruckend. Minutiös rekonstruierte er den Hintergrund der Ereignisse, den Zwist zwischen dem sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow und dem frei gewählten Präsidenten der Russischen Teilrepublik, Boris Jelzin, und die Strategie jener Putschisten, die den Zerfall der Sowjetunion mit aller Macht verhindern wollten.

Zudem hatte Lozo eine Menge Zeitzeugen aller beteiligten Fraktionen aufgeboten, die ihre Sicht der Dinge bereitwillig darlegten und dabei zum Teil veritable Interna preisgaben. So hatte es durchaus etwas Kurioses, wie Jack Matlock, damaliger US-Botschafter in Moskau, schilderte, wie ihm im Juni 1991 der Moskauer Bürgermeister Gawriil Popow bei einem Treffen einen Zettel mit der Nachricht eines unmittelbar bevorstehende Putsches zusteckte, dies mit der Bitte, diese Information an Jelzin weiterzuleiten, der gerade in den USA weilte. Woraufhin US-Außenminister James Baker wiederum seinen Botschafter Matlock anwies, auch Michail Gorbatschow in Moskau die Warnung zukommen zu lassen. Nimmt man die Fülle an gut ausgewählten und montierten Archivbildern sowie den kenntnisreichen Kommentar des Autors hinzu, war diese Dokumentation ein rundum gelungener Beitrag zum Jahrestag eines Ereignisses von weltpolitischer Bedeutung.

Allerdings war dieser Beitrag keineswegs neu. Denn eigentlich hatte Ignaz Lozo den Film bereits vor fünf Jahren, also zum 20. Jahrestag des Putschversuchs, im Auftrag von ZDF und 3sat gedreht. Damals hieß die Dokumentation „Ende einer Supermacht – Der Putsch gegen Gorbatschow“ und sie hatte am 19. August 2011 ihre Erstausstrahlung bei 3sat. Schaut man sich die alte Dokumentation an (beispielsweise auf YouTube) und vergleicht sie mit der angeblich exklusiv neuen bei Phoenix, kommt man um die Feststellung nicht umhin, dass es sich bei der „Erstausstrahlung“ des Films, der nun bei Phoenix zu sehen war, um eine Dokumentation handelt, die zu (geschätzt) rund 95 Prozent mit dem Film von 2011 identisch ist. Selbst der Vorspann ist komplett der alte und dass aus dem damaligen Untertitel der neue Haupttitel wurde, zeugt von eigentlich nicht allzu großen Mühen, diesen Umstand zu kaschieren. Der Begriff „Erstausstrahlung“ war hier also eine Mogelpackung.

Nun gut, ein paar Zeitzeugen des alten Films – wie beispielsweise ARD-Korrespondent Gerd Ruge – fehlen im neuen, dafür sind andere an deren Stelle getreten. Doch erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang allenfalls die Ausführungen des ehemaligen Jelzin-Vertrauten und russischen Parlamentspräsidenten Ruslan Chasbulatow, wonach nicht Boris Jelzin, sondern er jene berühmte Rede verfasst habe, die Jelzin auf einem Panzer stehend verlas. Zudem hatte der Phoenix-Pressetext „ein neues Interview mit Gorbatschow“ angekündigt. Wobei man sich unwillkürlich fragt, wieso bei einem Film, der als Erstausstrahlung angekündigt wird, betont werden muss, dass es sich um ein neues Interview handelt.

Und was Gorbatschow darin dann mitzuteilen hatte, nahm sich einigermaßen belanglos aus. „Ich glaube“, sagte er, „ich hätte lieber nicht in den Urlaub fahren sollen; aber ich war zu diesem Zeitpunkt am Ende meiner physischen Kräfte. Nur so ist zu verstehen, dass ich weggefahren bin.“ Das war nicht mehr als die nette Erklärung eines elder statesman zu dem Umstand, dass er bei dem entscheidenden Konflikt um die Zukunft der Sowjetunion nicht in Moskau, sondern in seinem Feriendomizil auf der Krim weilte. Zudem legte dieses Statement hinsichtlich der Location und der Aufmachung Gorbatschows den Verdacht nahe, dass es keineswegs exklusiv für die Neuauflage dieser Dokumentation eingeholt worden war, sondern einem Gespräch entstammte, das Ignaz Lozo für sein Porträt „Michail Gorbatschow – Weltveränderer und Privatmann“ für die Reihe „ZDF-History“ (ausgestrahlt am 28. Februar 2016) mit ihm geführt hatte.

Aber so läuft das nun mal, wenn ein Nischensender wie Phoenix verzweifelt versucht, alte Kamellen als sensationelle Neuheiten zu verkaufen, dabei jedoch auch hinsichtlich der Werbetexte wenig Originalität beweist. Aktuell hieß es: „Die Dokumentation ‘Der Putsch gegen Gorbatschow’ des Osteuropa-Historikers Ignaz Lozo befasst sich erstmals mit den Planungen und Vorbereitungen der vom Geheimdienst KGB initiierten Verschwörung. Ebenso werden die tatsächlichen Entscheidungsabläufe sowohl innerhalb des sogenannten Notstandskomitees als auch innerhalb des demokratischen Widerstandslagers rund um Boris Jelzin rekonstruiert.“ Die 3sat-Pressemeldung zum Film von 2011 hatte eigentlich dasselbe gesagt, sich allerdings mit weniger Wörtern begnügt: „Die Dokumentation ‘Ende einer Supermacht’ blickt auf die Ereignisse zurück und gewährt Einblicke in die Entscheidungsabläufe innerhalb des Notstandskomitees.“

19.8.2016 – Reinhard Lüke/MK

 

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Zur Besprechung dieses am am 18. August 2016 um 22.15 Uhr im Programm von Phoenix ausgestrahlen 44-minütigen Films erreichte die MK-Redaktion eine Reaktion von Phoenix. Zu unserer Rezension schrieb Jean-Christoph Caron, bei Phoenix Leiter ‘Redaktion Dokumentationen’, jeweils einen gleichlautenden Leserbrief an unseren Autor und an die MK mit der Bitte um Veröffentlichung. Der Leserbrief erreichte die MK-Redaktion am 9. September 2016 per E-Mail. Der Bitte um Veröffentlichung kommen wir an dieser Stelle gerne nach. • MK

Zuschrift zur MK-Besprechung des Films „Putsch gegen Gorbatschow – Der Untergang der Sowjetunion“

Ihrer Kritik zu der Dokumentation „Putsch gegen Gorbatschow – Der Untergang der Sowjetunion“ von Dr. Ignaz Lozo (Medienkorrespondenz 17/2016) möchten wir in aller Deutlichkeit widersprechen, sowohl was den reißerisch-polemischen Tenor („Dürftig kaschierte Mogelpackung“; „alte Kamellen“) als auch was den Sachgehalt angeht.

Im Kern behaupten Sie, die Dokumentation sei nahezu identisch mit Lozos früherer Dokumentation zum Thema von 2011 für 3sat, und leiste keinen neuen Beitrag. Dagegen können wir zum ersten Punkt richtig stellen, dass der Film zu rund 25 Prozent eigens neu produziertes Drehmaterial und neu recherchiertes Archivmaterial enthält. Dass der Film auch bereits bekanntes Fremdmaterial und frühere Interviews enthält, ist im Genre der Geschichts-Dokumentation üblich und formatinhärent – keine Dokumentation zur Zeitgeschichte und zu Auslands-Themen würde ohne Archivfootage auskommen. Die Verwendung früherer Interviews ist auch nicht „kaschiert“, wie Sie behaupten, im Gegenteil: der Pressetext weist explizit darauf hin, dass es unserem Autor, dem Osteuropa-Historiker Ignaz Lozo, gelungen ist, „Gorbatschow mehrfach zu diesem Schlüsselereignis interviewen (zu) dürfen“. Die Kooperation mit 3sat ist im Abspann kenntlich gemacht. Für Fernsehjournalisten (wie auch für Historiker) ist es äußerst sachdienlich, unterschiedliche Interviews eines Zeitzeugen ergänzend oder kontrastierend einsetzen zu können. So wird Neues oder Abweichendes sichtbar, weil Interessen oder Erinnerungen der Befragten sich verändern.

Zum zweiten Punkt ist zunächst klarzustellen, dass sich der Neuigkeitswert einer Dokumentation und die Eigenschaft einer Erstausstrahlung nicht allein nach den Neuproduktions-Anteilen entscheidet. Wichtig ist, ob die Dokumentation zum bisherigen Forschungsstand und Experten-Konsens neue inhaltliche Aspekte oder – wie in diesem Fall – sogar eine Neubewertung darstellt. In Ihrer Besprechung ignorieren Sie dazu den expliziten Verweis in dem Ihnen bekannten phoenix-Pressetext auf die Fachzeitschrift „Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 64 (2016)“, die dem Buch – auf dem die Dokumentation beruht –, explizit ein neues Gesamtbild bescheinigt, „das mit verbreiteten Mythen aufräumt und den Forschungsstand auf den neuesten Stand bringt.“ Zu der Neubewertung des Moskauer Putsches durch die phoenix-Dokumentation zählen insbesondere folgende Hauptthesen, die sich in dem 3sat-Film von 2011 nicht fanden:

1. Die Dokumentation zeichnet ein neues Bild der Entscheidungsabläufe des demokratischen Widerstandslagers um den damaligen Präsidenten Russlands, Boris Jelzin: Jelzin hatte im August-Putsch von 1991 nicht die ihm seit Jahren oft zugesprochene „Helden-Rolle“, sondern musste gedrängt werden, sich gegen die Putschisten zu stellen, während tatsächlich der ehemalige russische Parlamentspräsident und Organisator des Widerstandes im Jelzin-Lager, Ruslan Chasbulatow, die politische Strategie Jelzins prägte und auch dessen historische „Panzerrede“ verfasste.

2. Der unmittelbare Auslöser des Putsches war 2011 wissenschaftlich noch nicht belegt. Dazu zeigt der phoenix-Film die damals überraschende TV-Ansprache des einstigen sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow vom 2. August 1991, die nunmehr als Anlass für die Verschwörung gilt.

3. Der Film ist die erste deutsche TV-Dokumentation, die die Frage beantwortet, welche Position der heutige russische Präsident Wladimir Putin zum August-Putsch einnahm.

4. Die vermeintlich putschentscheidende Episode um Jelzins angeblich bevorstehende Festnahme entlarvt der phoenix-Film als Mythos, indem er die häufig kolportierte Heldengeschichte von der Flucht Jelzins vor einer KGB-Elitetruppe als Erfindung belegt.

5. Der phoenix-Film arbeitet die Hauptursache für das Scheitern des Putsches nach neuestem
Sachstand heraus: Das Fehlen einer klaren Strategie und die spätere Entscheidung der Putschführer, den Widerstand nicht mit massiver Gewalt zu brechen.

Auch die US-Fachpublikation Slavic Review (Frühjahr 2015) bescheinigt dem der phoenix­Dokumentation zugrunde liegenden Buch von Lozo einen neuen Beitrag zur Rekonstruktion des August-Putsches geleistet zu haben: „Lozo’s book has the value of uniqueness. Anyone who wishes to read a careful and scholarly account of the events of August 1991 would do well to consult it. “ Dies alles untermauert aus fachlich-journalistischer Sicht in aller Deutlichkeit, mit welcher inhaltlichen Neubewertung phoenix diese Dokumentation zum 25. Jahrestag eines weltpolitischen Schlüsselereignisses realisierte, und nicht etwa, wie Sie polemisch behaupten, weil wir „verzweifelt versucht“ hätten, „alte Kamellen als sensationelle Neuheiten zu verkaufen“.

Über diese maßgeblichen Neubewertungen von bisherigen Darstellungen des August-Putsches hinaus kann die Dokumentation auch im Detail zahlreiche neue Aspekte des Putsches beisteuern, die der Autor auf Basis seiner Akteneinsicht auch mit neuen Interviews erhärten kann. So mit dem ehemaligen KGB-Kommandeur Michail Golowatow, der berichtet, dass es keine Befehlsverweigerungen gegeben habe, oder dem Interview mit dem damaligen Verteidigungsminister Marschall Dmitri Jasow, der die Situation schildert, als er sich anderen Putschisten widersetzte und befahl, die Truppen aus Moskau abzuziehen - dies zeigt der Film somit als entscheidenden Moment des Zusammenbruchs des Putsches.

Sie schreiben, das neue Interview mit Gorbatschow erscheine Ihnen als „einigermaßen belanglos“, was fachlich ebenfalls eine Fehleinschätzung ist. Wenn Gorbatschow im neuen phoenix-Interview berichtet, warum er 1991 in den Urlaub fuhr, obwohl es im Land unruhig war, weil er nämlich „am Ende seiner physischen Kräfte“ gewesen sei, so ist dies keineswegs belanglos, sondern erläutert die Motive eines handelnden Akteurs der Weltpolitik und gibt gleichzeitig eine Vorstellung davon, warum Gorbatschow sich auch im weiteren Verlauf nicht mehr wirkungsvoll dem Zerfall der Sowjetunion entgegen zu stellen vermochte. In einem weiteren neuen Interview-Statement räumt Gorbatschow erstmals ein: „Der Putsch war das Finale“, also die Sowjetunion sei nach dem Putsch politisch nicht mehr aufrecht zu erhalten gewesen. Bis dato hatte Gorbatschow immer anders argumentiert, dass die Sowjetunion auch nach dem Putsch mit Hilfe eines neuen Unionsvertrages hätte erhalten und gerettet werden können.

Schließlich müssen wir noch eine Spekulation aus Ihrer Besprechung als falsch zurückweisen: Das in der phoenix-Pressemeldung neu angekündigte Gorbatschow-Interview hat Herr Lozo speziell und exklusiv für diese phoenix-Dokumentation zum Moskauer Putsch angefragt und realisiert. Nunmehr hat es Eingang in die Fernseharchive gefunden und kann somit künftigen Geschichts-Dokumentationen wertvolle Quelle sein, so ist der übliche Vorgang der Fernsehproduktion, womit wir wieder beim Ausgangspunkt unserer Richtigstellung angelangt sind.

Gestatten Sie uns noch anzumerken, dass auch künftige Weiternutzungen solcher Fernsehinterviews mit Persönlichkeiten der Zeitgeschichte in späteren TV-Beiträgen auch angesichts der Debatte um den sinnvollen Einsatz öffentlich-rechtlicher Gebührengelder einen sparsamen Umgang mit produktionellen Ressourcen darstellen.

gez.

Jean-Christoph Caron
Leiter Redaktion Dokumentationen
phoenix

10.09.2016 – MK

Print-Ausgabe 3/2020

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