Holger Karsten Schmidt/Till Endemann: Das Programm (ARD)

Sehr gutes Programm

22.01.2016 •

Wenn im Vorspann eines Spielfilms ein namhafter Schauspieler als „Gast“ aufgelistet wird, darf man davon ausgehen, dass er nur in einer kleinen Nebenrolle in Erscheinung treten wird. Hier hieß der Gast Heiner Lauterbach und als er gleich zu Beginn des Films auftrat, konnte man mutmaßen, dass es mit ihm ein schnelles (und wahrscheinlich kein gutes) Ende nehmen würde. Lauterbach verkörperte einen gewissen Victor Miro, der bereit war, gegen einen inhaftierten russischen Mafia-Paten auszusagen. Die Polizei hatte ihn deshalb ins Zeugenschutzprogramm genommen. Als Miro dann von mehreren Beamten aus der Hamburger Wohnung herausbegleitet wurde, die ihn per Auto irgendwohin überführen sollten, explodierte der Wagen in einem Feuerball und nach wenigen Minuten war Lauterbachs Gastspiel auch schon vorbei.

Bis klar wurde, woher die Bombenleger über Victor Miros geplanten Transport wissen konnten, ließ sich der Film mehr als zwei Stunden Zeit. Die Polizei hatte Dringlicheres zu tun. Mit dem Banker Simon Dreher (Benjamin Sadler) hatte man einen Mann ausgemacht, der dem Mafioso über dubiose Stiftungen offenbar regelmäßig bei der Geldwäsche geholfen hatte. Man stellt ihm und seiner Familie für eine Aussage gegen den Gangster Strafmilderung und die Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm in Aussicht, doch Dreher beteuert seine Unschuld und lehnt ab.

Erst nachdem in der Öffentlichkeit auf ihn geschossen wird, willigt Dreher ein. Seine Familie, die von seinen dunklen Geschäften nichts geahnt hat, fällt ob der Aussicht, all ihre Sozialbeziehungen kappen zu müssen und ausgestattet mit neuen Identitäten fernab von Hamburg untergebracht zu werden, natürlich aus allen Wolken. Dem sechsjährigen Sohn Anton (Daan Lennard Liebrenz) ist das Ganze ohnehin nicht zu erklären, während Tochter Lana (Paula Kalenberg) bald heiraten wollte und Drehers Ehefrau Rieke (Stephanie Japp) seit geraumer Zeit eine Affäre mit dem Segellehrer Rolf (Kai Scheve) hat, mit dem sie eigentlich in absehbarer Zeit nach Portugal auswandern wollte. Doch die Leiterin des Zeugenschutzprogramms, Ursula Thern (Nina Kunzendorf), stellt unmissverständlich klar, dass an der Familienhaftung in diesem Fall kein Weg vorbeiführt. Entweder alle oder keiner. So landen die Drehers schließlich in einem Kaff in den österreichischen Bergen.

Es ist eine wahrlich vertrackte emotionale Gemengelage, die sich der mehrfach preisgekrönte Autor Holger Carsten Schmidt hier für seine Mischung aus Drama und Thriller ausgedacht hatte. Der Film wurde am 4. Januar (Montag) im Ersten an einem Stück über knapp drei Stunden ausgestrahlt. Was nur möglich war, weil die Talkshow „Hart aber fair“ an diesem ersten Montag im neuen Jahr noch in der Weihnachtspause weilte. Über so eine Langstrecke die Zuschauer bei der Stange zu halten, erfordert fraglos ein gerüttelt Maß an erzählerischem Geschick – und das stellte Schmidt hier zusammen mit Regisseur Till Endemann souverän unter Beweis.

Zwar gibt es im wirklichen Leben tragischere Fälle, in denen Menschen ohne eigene Schuld zu Zeugen eines Verbrechens werden und in ein solches Schutzprogramm aufgenommen werden, doch hier sorgte der Umstand, dass jener Simon Dreher seine Familie durch seine krummen Geschäftspraktiken in die missliche Lage gebracht hatte, für zusätzlichen Zündstoff. Zudem machte der Film in vielen Sequenzen das eigentlich absurde Verhältnis zwischen den zu beschützenden Personen und ihren Betreuern deutlich, die hier gezwungenermaßen auf engstem Raum zusammenlebten. Eine merkwürdige Gratwanderung zwischen Intimität und Distanz, die vor allem in der Figur der Protagonistin Ursula Thern deutlich wurde, die bei aller Resolutheit auch immer wieder Empathie für die unschuldig in die Misere geratenen Familienmitglieder durchscheinen ließ.

Doch weil diese kammerspielartig inszenierten Konversationen nicht über drei Stunden getragen hätten, bauten Buch und Regie in wohldosierten Abständen mehrfach Vorkommnisse ein, die der Geschichte eine neue Wendung gaben. Zunächst geht eine Gegenüberstellung in einem Berggasthof gründlich schief, bei der Dreher, der nach wie vor behauptet, den Mafioso nie persönlich getroffen zu haben, mit einer Zeugin konfrontiert werden soll. Es kommt zu einer Attacke von Killern, die offenbar im Auftrag des Paten handeln. Und der Zuschauer erlebt nun eine packend inszenierte Action-Sequenz. Es gibt mehrere Tote, doch Dreher, Thern und deren zwei Assistenten Mario Kreutzer (Carlo Ljubek) und Nadja Lenz (Alwara Höfels) überleben den Anschlag. Doch wo ist die undichte Stelle? Wer hat die Täter informiert? Wem ist da noch zu trauen?

Die zweite Wende: Ursula Thern entdeckt auf einem Überwachungsvideo, dass Simon Dreher sich in Hamburg vermutlich absichtlich hat anschießen lassen. Er spielt offenbar ein falsches Spiel. Und das in Absprache mit dem Obergangster, den er wohl auch von der Gegenüberstellung informiert hatte. Mochte man meinen, bis schließlich Nadja Lenz bei einem geheimen Treffen mit einem Handlanger des Mafiosos zu sehen ist. Folglich ist sie der Maulwurf und war auch für das Attentat auf Victor Miro verantwortlich.

Auch wenn der Film – der möglicherweise ursprünglich ein Zweiteiler werden sollte – über die Langstrecke von drei Stunden hie und da ein paar Längen hatte, hielt er mit seinen Wechseln zwischen ruhigen und Suspense-Momenten die Spannung souverän bis zum Schluss. Woran auch die durchweg überzeugenden Darsteller gehörigen Anteil hatten. Und welche Emotionen die wunderbare Minimalistin Nina Kunzendorf mit ihrer zurückgenommenen Mimik zum Ausdruck brachte, war schlicht großartig. Lediglich das Ende dieses „Fernseh-Events“ (so die ARD-Werbung) nahm sich seltsam harmonisch aus: Simon Dreher und seine Frau sind wieder ein Herz und eine Seele, Tochter Lana kann ihren Freund in die Arme schließen und die allein erziehende Ursula Thern fliegt mit ihrer Tochter in den lange versprochenen Urlaub. Nicht minder seltsam war der unharmonische Punkt des Filmendes, denn da lag plötzlich Verräterin Nadja Lenz tot im dunklen Wald, ohne dass man jetzt erfahren hätte, wie und warum das passiert war.

In einem Interview mit „epd medien“ (Ausgabe Nr. 51-52/15) hat Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt nicht nur die lange und komplizierte Entstehungsgeschichte des Films geschildert, sondern auch angedeutet, dass dieses merkwürdige Ende so nicht aus seiner Feder stamme. Ob nun die Redaktion oder die Produzenten (Conrad Film und Bavaria Fernsehproduktion) meinten, den Zuschauern im Prinzip ein Happy End schuldig zu sein, ließ er dabei offen. Dennoch: „Das Programm“ (4,27 Mio Zuschauer, Marktanteil: 13,3 Prozent) war nur einen Tag nach Til Schweigers unfreiwillig komischem „Tatort“-Comic („Fegefeuer“) eindeutig sehr gutes Programm.

22.01.2016 – Reinhard Lüke/MK