Güner Yasemin Balci: Im Schatten der Clans – Eine Frage der Ehre. Reihe „37°“ (ZDF)

Tickende Zeitbombe

30.06.2019 •

Songül C. arbeitet als Sozialarbeiterin im Berliner Problembezirk Neukölln. Sie gilt als „Hoffnungsmacherin in einem der härtesten Kieze Berlins“. Denn sie versucht Jungs aus arabischen Clans davor zu bewahren, auf die schiefe Bahn zu geraten. Welche Widerstände die Streetworkerin dabei überwinden muss, zeigt die renommierte Buchautorin und TV-Autorin Güner Yasemin Balci, die sich unter anderem mit Filmen über Migrationsthemen einen Namen gemacht hat (vgl. diese FK-Kritik und diese MK-Kritik), in ihrer neuen Dokumentation „Im Schatten der Clans – Eine Frage der Ehre“.

Für diesen Beitrag aus der ZDF-Reihe „37°“ hat Balci die Sozialarbeiterin ein halbes Jahr lang mit der Kamera begleitet. Im Zentrum der Betrachtung steht Hamudi, ein junger Araber, um den Songül sich intensiv kümmert. Wenn sie einen retten kann, so Songüls Credo, dann kann sie alle retten. Kann sie Hamudi retten? Dazu müsste der junge Mann zunächst eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Die wird zwar regelmäßig verlängert, allerdings immer nur für ein oder zwei Jahre. Um ein unbegrenztes Bleiberecht in Deutschland zu erhalten, müsste Hamudi einen festen Job bekommen. Bislang konnte die Sozialarbeiterin ihm jedoch nur eine befristete Honorarstelle an einer Berliner Schule verschaffen, wo er Mädchen und Jungen in städtisch geförderten Workshops Breakdance beibringt. So weit, so gut.

Um eine Festeinstellung zu erlangen, müsste Hamudi vor allem mit seiner kriminellen Vergangenheit brechen. Warum das nicht so leicht ist, erfährt man im Lauf der sich immer weiter auffächernden Beobachtungen. Dabei verdeutlicht die Dokumentation, dass die Problematik arabischer Clans sich in zwei Aspekte gliedert: die Kriminalität und das Frauenbild. So arbeitet Balci zunächst heraus, dass Kriminalität in diesem Umfeld geradezu als sozialer Kitt zwischen den männlichen Jugendlichen fungiert. Wer sich mit Gewalt durchsetzt, gilt in den Augen der anderen als cool. Als Held verehrt wurde ein im vergangenen Jahr auf offener Straße erschossener arabischer Intensivtäter, zu dessen Beerdigung in Berlin über 2000 Menschen kamen, um Abschied zu nehmen.

Der Film verdeutlicht, warum diese Wertschätzung von Kriminalität ein in arabischen Großfamilien hausgemachtes Problem ist. Arabische Jugendliche, so die Sozialarbeiterin, seien „die Soldaten der Familie“. Nicht selten müssen sie die Familie ernähren. Und ihre Ehre definiert sich auch über das Finanzielle. Um an Geld zu kommen, rauben sie Läden aus. Legen diese Jungs dann zu Hause „ein paar Hunnis auf den Tisch“, dann werden ihre kriminellen Aktivitäten von den Eltern toleriert.

Der Film stellt die Frage nach einem möglichen Ausweg aus diesem Teufelskreis. Aus diesem Grund streift er die Arbeit der Streetworkerin mit jungen Frauen aus arabischen Clans. Sich selbstbewusst und lebenslustig gebende Mädchen gelten in den Augen der Männer jedoch „als Schlampen“, in ihren Clans haben sie einen schweren Stand. Trotzdem setzt Songül C. vor allem auf Frauen, weil sie es sind, die die kriminellen Aktivitäten arabischer Männer kritisch sehen. Deshalb versuche die Sozialarbeiterin, so heißt es im Film, „in einer von Männern dominierten Parallelwelt die Frauen als Verbündete des Rechtsstaates zu gewinnen“.

Wie schwierig diese Bemühungen sind, verdeutlicht der abschließende Blick auf Songüls Schützling Hamudi. Vor der Kamera berichtet er von einer Gerichtsverhandlung, bei der er sich wegen Körperverletzung verantworten musste. Grund der Auseinandersetzung: Ein Landsmann habe sich unerlaubt mit Hamudis Cousine getroffen. Damit nicht genug, habe der andere ihn auch noch verhöhnt. Hamudi habe ihn daraufhin geschlagen. Mit Blick auf dieses alltägliche Verfahren zieht der Film eine düstere Bilanz: Selbst der ‘Vorzeige-Araber’ Hamudi, der auf dem besten Weg zur Integration zu sein schien, muss sich letztlich den „ungeschriebenen Gesetzen“ und dem Ehrenkodex der Clans beugen. Aus diesem Grund lässt auch Songül am Ende durchblicken, dass sie ihre Arbeit in einem Neuköllner Brennpunkt-Jugendzentrum nach zehn Jahren nicht fortsetzen wird.

Die Gestaltung dieser Dokumentation richtet sich nach den Formatvorlagen der ZDF-Reihe „37°“. Die Regisseurin macht das Beste aus dem 30-minütigen Format. Unterlegte Rap-Musik unterstreicht das Lebensgefühl der porträtierten Jugendlichen. Aufschlussreiche Interviews bilden die Arbeitsbedingungen der Sozialarbeiterin mit ihrem Schützling Hamudi differenziert ab. „Im Schatten der Clans“, ein Film, bei dem die Autorin auch als Produzentin verantwortlich zeichnet, überzeugt mit einer gelungenen Mischung aus Dokumentation und Reportage. Ausführliche, aber nie besserwisserische Off-Kommentare analysieren die Situation der arabischen Clans in Berlin ohne weltanschauliche Scheuklappen. Obwohl der Film (2,09 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,6 Prozent) zurückhaltend und mit vergleichsweise leisen Tönen argumentiert, zeichnet er das Bild einer tickenden Zeitbombe. Arabische Clans, so das unausgesprochene Fazit, führen einen ideologisch tolerierten Bürgerkrieg gegen jene Gesellschaft, die ihnen die Hand reicht.

30.06.2019 – Manfred Riepe/MK