Güner Balci/Nicola Graef: Tod einer Richterin – Auf den Spuren von Kirsten Heisig (ARD/WDR)

Eine Stunde ununterbrochen geweint

11.03.2011 •

Sie war eine schillernde Figur, nimmermüde präsent in Talkshows und Printmedien. Als prominente Buchautorin provozierte sie mit ihren Ansichten eine nicht ganz so dramatische, aber dennoch vergleichbare Polarisierung wie Thilo Sarrazin mit seinen umstrittenen Thesen zur Einwanderung. Doch im Gegensatz zu dem früheren Bundesbanker bezog Kirsten Heisig die Legitimation für ihre Standpunkte buchstäblich von der Basis. Als Berliner Jugendrichterin aus dem Problembezirk der Stadt wurde sie bekannt für ihre Umsetzung des sogenannten „Neuköllner Modells“. Unter strikter Anwendung bestehender Gesetze urteilte sie gewaltbereite Jugendstraftäter schneller ab als gemeinhin üblich. Die meisten ihrer Delinquenten hatten, wie es gemäß der politisch korrekten Sprachregelung verschämt heißt, einen „Migrationshintergrund“. Man weiß dann, dass sie nicht aus Japan oder Norwegen stammen, sondern aus muslimisch bzw. islamistisch geprägten Ländern.

Nachdem Kirsten Heisig im vergangenen Jahr spurlos verschwand, mutmaßte man zunächst, sie sei Opfer eines Racheakts geworden. Der Gedanke an eine Gewalttat lag durchaus nahe. Ein jugendlicher Muslim, den sie einst aburteilte, erklärt in dem vom WDR produzierten ARD-Film „Tod einer Richterin“: „Sie war für uns schlimmer als der Teufel.“ Nachdem ihr Leichnam gefunden wurde, ergab die Obduktion jedoch zweifelsfrei, dass sie sich umgebracht hatte. In ihrem eindrucksvollen Porträt versuchen die Journalistinnen Güner Balci und Nicola Graef die Hintergründe dieses Freitodes zu ergründen. Ihr 45-minütiger Film „auf den Spuren von Kirsten Heisig“, so der Untertitel, ist eine gelungene Gratwanderung. Er dokumentiert das Lebenswerk einer Juristin, die sich nicht damit begnügte, Dienst nach Vorschrift zu machen oder einfach nur Recht zu sprechen. Sie nahm Kontakt auf mit den vorwiegend muslimischen Eltern ihrer jugendlichen Delinquenten, um sie zur Zusammenarbeit zu bewegen. Sie war eine ’Weltverbesserin’, aber eine, die wusste, wovon sie redete und wo sie ansetzen muss.

Mit ihrer Methode übertrat Kirsten Heisig die Grenze zwischen einer Juristin und einer Sozialarbeiterin. Sie verließ die eingetretenen Pfade jedoch in einer so atemlosen Weise, dass weder die Kollegen noch sie selbst sich ihrer inneren Not bewusst wurden. Statt sich über die Motive ihres Selbstmords zu verspekulieren, hält der Film sich an die Fakten. Wenn er die engagierte Richterin bei ihrer grenzüberschreitenden und interdisziplinären Arbeit beobachtet, dann kann er aufgrund ihrer großen Medienpräsenz auf eine Fülle dokumentarischen Materials zurückgreifen. Wir sehen Heisig etwa beim Besuch einer Polizeidienststelle oder im Gespräch mit den „Türkischen Vätern Neukölln“, bei denen ihr Engagement durchaus auf offene Ohren stieß. Unverhohlene Ablehnung schlug ihr entgegen beim versuchten Dialog mit arabischen Muslimen. Ein Kollege von Kirsten Heisig erklärt, die Männer hätten dabei nur mit ihren Gebetsketten hantiert und kategorisch erklärt, dass die eingeforderte Bildung für ihre Töchter nicht in Frage komme.

Bemerkenswert an diesem Film ist, dass das Porträt der Richterin untrennbar verbunden ist mit einer konkreten politischen Botschaft. Diese Botschaft wird jedoch nicht in Schlagzeilenform vermittelt, sondern durch die vielen ausdrucksstarken Erzählungen und Erinnerungen der Kollegen und Freunde – aber auch von Kirsten Heisig selbst. Früher, so die Richterin in einem Talkshow-Auftritt, habe man eine Lehrerin, wenn man sie beschimpfen wolle, nur als „dumme Pute“ bezeichnet. Heute sagten Jugendliche: „Ich scheiß auf Deutschland, du hast mir nichts zu sagen, du bist Dreck unter meinen Schuhen.“ Gegen die nicht integrationsbereite Haltung hinter dieser Gewalt wollte die Richterin vorgehen: „Traditionell geprägte Familienstrukturen, in denen Frauen kein Recht auf selbstbestimmtes Leben haben, die muslimisch geprägte Parallelgesellschaft, das Macho-Verhalten“ – das, so der Off-Kommentar, war Kirsten Heisig „zuwider“.

Mit dieser Position ist sie, wie  Güner Balci und Nicola Graef nachzeichnen, bei vielen Kollegen angeeckt. „Wir haben uns nicht um die Veränderung der Welt zu kümmern“, erklärt ein Jugendrichter im Film. Es wurde auch gemunkelt, sie sei „nur mediengeil“ und trachte lediglich nach der „Befriedigung ihres Egos“. Kirsten Heisig wurde immer einsamer. Zerbrach sie schließlich am Schicksal einer ’hilflosen Helferin’? Ohne sich an amateurhaften und unangemessenen psychologischen Spekulationen zu beteiligen, kann man sagen, dass die persönliche Tragik dieser Frau, die bei ihrem Freitod im Juli vorigen Jahres 49 Jahre alt war, eng verbunden ist mit dem brisanten Thema „Migration“, das die politische Öffentlichkeit gegenwärtig polarisiert. Auf eine ausgewogene, aber dennoch prägnante Weise ist der Film (1,72 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,7 Prozent) ein Gedenken an Heisigs schwieriges, vielleicht sogar unmögliches Projekt.

Einen gewissen Erfolg hatte Kirsten Heisig. Kazim Erdogan, Leiter der „Türkischen Väter Neukölln“, zeigt sich vor der Kamera beeindruckt vom Engagement dieser Frau, die immer wieder betont hatte: „Ich will nicht einfach ihre Söhne wegsperren.“ Stattdessen versuchte sie gemäßigte Muslime dazu zu bewegen, „an einem Strang“ mit ihr zu ziehen. Wenn Kazim Erdogan am Ende erklärt, er habe nach Kirsten Heisigs Tod „eine Stunde geweint, ununterbrochen“, dann belegt diese Emotion, dass ihr Projekt nicht ganz fruchtlos war. Dieses brenzlige Thema taktvoll, aber doch eindrücklich zu vermitteln, ist nicht leicht. Dem Film ist es gelungen.

• Text aus Heft Nr. 9/2011 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

11.03.2011 – Manfred Riepe/FK