Birgit Schulz/Luzia Schmid: Zum Glück Deutschland – ein anderer Blick auf unser Land (ARD/WDR/NDR/BR)

Von außen betrachtet

16.10.2015 •

Laut einer Umfrage des britischen Fernsehsenders BBC gilt Deutschland als „das beliebteste Land dr Welt“. Diese Vorliebe teilen vorwiegend Menschen aus dem Ausland, meist aus Krisen­gebieten. Derzeit sehen vor allem Menschen aus Syrien Deutschland als ihr Traumland und suchen zu Hunderttausenden Zuflucht im Land der Dichter und Denker. Im gelobten Land selbst ist man zurückhaltender. „Deutschland verrecke!“ – diese Parole beispielsweise ziert seit Jahren die Dächer einiger Reihenhäuser in Berlin. Vor dem Hintergrund dieser Diskrepanz erkunden Birgit Schulz und Luzia Schmid in ihrem 75-minütigen Dokumentarfilm „Zum Glück Deutschland“, den die ARD im Rahmen ihrer „Themenwoche Heimat“ im Ersten ausstrahlte, einen anderen Blick auf unser Land, wie es der Untertitel ihrer interessanten Produktion ankündigt.

Dieser andere Blick changiert zwischen zwei Perspektiven. Zunächst zeigt der Film Menschen, die gerade im Grenzdurchgangslager Friedland angekommen sind. Den Hoffnungen, Sehnsüchten und Problemen dieser Flüchtlinge werden reportageartige Porträts von Migranten gegenübergestellt, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Durch dieses Mosaik unterschiedlicher Eindrücke und Erfahrungen wird ein aufschlussreiches Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit ausgelotet. Der Film betrachtet Deutschland von außen – aber gleichzeitig auch von innen.

Die Kamera begleitet beispielsweise Armin Ballouz, der vor vielen Jahren aus dem Libanon flüchtete und nun mit dem Trabi durch triste Plattenbausiedlungen in der Uckermark knattert. Der lebensfrohe Landarzt macht einen Hausbesuch bei einer älteren Dame, um die er sich auch seelsorgerisch kümmert. Diese Geschichte berührt ebenso wie die des jungen israelischen Künstlers, der nun in Berlin heimisch ist, wo er auf eine sehr traditionelle Weise deutsche Wälder malt – obwohl sein Vater nur mit knapper Not das KZ Ravensbrück überlebte.

Diesen vorbildlich integrierten Einwanderern, die an Deutschland allenfalls das Wetter kritisieren, stellt der Film die Eindrücke frisch angekommener Flüchtlinge gegenüber. So schwärmt eine junge Muslima, die in Friedland auf ihre Weitervermittlung in das für sie vorgesehene Bundesland wartet, über die bessere Rechtskultur ihrer künftigen Wahlheimat: „Wenn ein Mann hier eine Frau schlägt, kann er ins Gefängnis kommen. Ein Vater kann seine Tochter nicht zur Heirat zwingen.“

Dass dieses Grundrecht in der Realität nicht immer geachtet wird, verdeutlicht der Film mit einem Seitenblick auf die Arbeit der in Istanbul geborenen Aktivistin Ateş. Weil die Rechtsanwältin Frauen in Prozessen gegen deren Ehemänner vertritt, die das Schlagen ihrer Frauen als ihr Recht betrachten, ist sie bei fundamentalistisch orientierten türkischen Landsleuten nicht gerade beliebt. Bei einem Attentat, dem ihre damalige Mandantin zum Opfer fiel, entging Seyran Ateş 1988 nur knapp dem Tod. Nach Morddrohungen und Diffamierungen durch die türkische Presse übte sie ihren Beruf viele Jahre lang nicht aus. Wenn im Film gesagt wird, dass sie für die Kamera „nur ausnahmsweise“ die Adresse ihrer jetzigen Kanzlei zeige, dann wird das Bild von Deutschland als einem sicheren Einwanderungsland und Rechtsstaat schon etwas angekratzt.

Dieser Blick auf die Schattenseiten der „Willkommenskultur“ bildet nicht das Zentrum des Films. Birgit Schulz und Luzia Schmid legen den Hauptakzent auf Einwanderer, die es mit der Integration ernst meinen. Gewissenhaft diskutieren junge Männer aus Syrien darüber, dass in ihrer Heimat erlernte Verhaltensweisen hierzulande teilweise als unschicklich gelten: „Wir müssen lernen, wie man hier lebt“, sagt ein junger Mann. Während Flüchtlinge in Crashkursen das deutsche Alphabet singen und in verspielten Workshops auf die deutsche Realität eingestimmt werden, ist Blasmusik zu hören, die als ironischer Kommentar intendiert ist.

Der Film (1,15 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,8 Prozent) macht sich die Perspektive der ankommenden und der integrierten Migranten zu eigen, um zu zeigen, dass man eigentlich stolz auf Deutschland sein könne: „Durch ihre Augen sehen wir, wie fantastisch unser Land sein kann – wenn es nur will.“ Wie es ist, wenn das Land nicht will, demonstrieren düstere, unkommentierte Bilder von einem Pegida-Auflauf. Mit dieser vereinfachenden Haltung machen Schulz und Schmid es sich zuweilen etwas leicht. Trotz ihres Exkurses über Seyran Ateş zeigen die Autorinnen nicht entschieden genug, dass gerade die Weltoffenheit und Toleranz in Deutschland ja auch Probleme mit sich bringt, etwa wenn Parallelgesellschaften entstehen. Die beiden Filmemacherinnen konzentrieren sich etwas zu sehr auf die Perspektive liebenswürdiger Vorzeige-Einwanderer. Mit einem ergänzenden Blick auf integrationsunwillige Migranten wäre ihr sehenswerter Film (Produktion: Bildersturm) noch vielschichtiger geworden.

16.10.2015 – Manfred Riepe/MK
Deutschland: Laut einer Umfrage der BBC das beliebteste Land der Welt Foto: Screenshot