Güner Balci: Selbsternannte Richter – Schattenjustiz bei Muslimen in Deutschland. Reihe „Menschen hautnah“ (WDR Fernsehen)

Blick in eine Parallelwelt

28.06.2013 •

Zu Beginn spricht Mustafa Ö. direkt in die Kamera. Seit 1965 lebt der Kurde in Deutschland, doch er macht unmissverständlich klar, dass er und seine Glaubensgenossen nicht so leben wollen wie andere Mitteleuropäer. Er habe eine eigene, in seiner kulturellen Tradition wurzelnde „Vorstellung von Ehre und Stolz“. Diese Vorstellungen repräsentiert er als selbsternannter „Friedensrichter“, er schlichtet Konflikte zwischen Muslimen, die sich der deutschen Justiz nicht beugen. Ist dies ein Beispiel für gelungene Integration? Oder für die Verhöhnung staatlicher Souveränität und die Bildung einer Schattengesellschaft?

Diese Fragen stellt Güner Balci in ihrem Beitrag aus der WDR-Reihe „Menschen hautnah“ nicht direkt. Sie begleitet Mustafa jedoch mit der Kamera und macht an einigen Beispielen deutlich, wie er zwischen zerstrittenen Parteien vermittelt. Dabei wird indirekt deutlich, was man vermutete: Mustafa und seine Landsleute wollen keine Integration. Diese würde nämlich bedeuten, bestimmte Interessen aufzugeben, die der Film klar thematisiert.

Auf den ersten Blick scheint Mustafa gar nicht so uneinsichtig zu sein. Er hat offenbar nichts zu verbergen und gibt sich, da er sich seiner Sache sehr sicher ist, vor der Kamera ziemlich redselig. Die Filmautorin weiß jedoch sehr genau, wann sie Mustafas allzu blank poliertes Selbstbild mit Informationen ergänzen muss, die sie per Off-Kommentar einspricht.

So erfährt der Zuschauer, dass Mustafa eine gescheiterte Ehe mit einer deutschen Frau hinter sich hat. Er war früher ein Türsteher, gefürchteter Schläger und spielsüchtig. Im reiferen Alter distanzierte er sich von der Gewalt. Zweimal betont die Reporterin, dass Mustafa, der Hartz-IV-Empfänger ist, nicht erklären will, wie er sich den teuren BMW leisten kann, mit dem er sich bei seinen Klienten „Respekt verschafft“. Zu sehen ist, wie Mustafa mit einem Händler spricht, dessen türkischer Landsmann und Geschäftspartner die Rechnungen nicht mehr begleicht. Wenn der selbsternannte Friedensrichter sich dieser Sache persönlich annimmt, dann „macht das mehr Eindruck als ein Brief vom Rechtsanwalt“.

Heikler als die Schlichtung derartiger Bagatellen ist die Vermittlung bei nicht seltenen Messerstechereien. Dass dabei nicht nur Blut, sondern anschließend, um eine Schlichtung zu erzielen, auch viel Geld fließt, ist von Mustafa selbst nicht zu erfahren. Von einem Kommissar und einem Richter – keinem selbsternannten – erfährt der Zuschauer indes, dass sich die Familien gemäß einem anatolischen Ehrenkodex pro Messerstich etwa 20 000 bis 40 000 Euro zuschieben. Werden solche gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen vor Gericht verhandelt, so schweigen die Beteiligten eisern: „Die Ermittlungen laufen ins Leere.“ Indirekt macht Güner Balci, die sich bereits durch kritische TV-Beiträge einen Namen gemacht hat, deutlich, dass es bei Mustafas Schlichtungen nicht nur darum geht, dass Streithähne sich wieder vertragen. Im Spiel sind massive wirtschaftliche Interessen. „Die Regeln eines Rechtsstaates und einer anatolischen Stammesgesellschaft sind diametral unterschiedlich“, so das eindeutige Resümee der Filmautorin.

Am deutlichsten wird diese Differenz am Beispiel des archaischen Frauenbildes, das Mustafa ganz entspannt umreißt: „Mütter heiraten, kriegen zuerst Kinder und führen dann den Haushalt.“ Der Film zeigt, wie Mustafa sich um eine junge Frau kümmert, die von ihrer Familie isoliert lebt, weil sie eine arrangierte Ehe mit einem Cousin nicht akzeptieren wollte und sich scheiden ließ. „Im Normalfall“, so Mustafa, „ist es so, dass sie getötet wird.“ Die junge Fatmir „hat Glück gehabt“, sagt er, sie sei nur verstoßen worden.

Wie eine junge Frau sich „den Regeln entsprechend“ verhält, dokumentiert der Film am Beispiel von Mustafas erwachsener Tochter. In Gegenwart des Vaters erklärt sie wie aus der Pistole geschossen, es sei „für Frauen herabwürdigend“, die „Freiheit zu genießen, in Discos zu gehen“. Dem betont ruhigen Film, dessen gute Kameraarbeit (Jürgen Behrens) hervorzuheben ist, gelingt hier ein schwieriger Balanceakt. Ohne Mustafas Tochter vorzuführen, bringt ihre Rede im Beisein des Vaters doch zum Ausdruck, wie Frauen sich in der muslimischen Welt verbiegen müssen. Diese unmissverständlichen Beobachtungen werden jedoch nicht provokativ vermittelt.

In ihrem 45-minütigen Film legt Güner Balci den Finger in zahlreiche Wunden. Die Autorin verpackt ihre Botschaft jedoch nicht in eine Anklage, sondern in einen versöhnlich klingenden Tonfall. Entsprechend gesteht Mustafa in einer Art Schlussplädoyer ein, dass seine Landsleute noch nicht genug Zeit gehabt hätten, sich der europäischen Kultur anzunähern. Mit diesem versöhnlichen Schluss scheint die Filmemacherin andeuten zu wollen, dass die anatolische Stammesgesellschaft sich allmählich dem Westen öffnet. So wirklich glauben kann man das aber nach diesem auf unspektakuläre Weise überzeugenden Beitrag nicht. Für ihren Film wird Balci vielleicht nicht mit einem Grimme-Preis geehrt werden, doch mit beharrlichem Nachfragen und überzeugender Recherche ist ihr ein aufschlussreicher Blick in eine Parallelwelt gelungen.

• Text aus Heft Nr. 26/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

28.06.2013 – Manfred Riepe/FK