Michael Wech: Die Kirche und das Geld (Arte)

Glaubwürdigkeit als gefährdetes Kapital

22.01.2016 • DMan könnte fast meinen, es sei eine Art Grundmelodie im deutschen Fernsehen, wenn es um die Kirche geht: Kirchenfinanzen im Allgemeinen und staatliche Zuschüsse im Besonderen, uralte Verträge und dubios anmutende Geschäfte – immer wieder ein Thema, wenn auch nicht immer mit wirklich neuen Fakten. Immerhin gab es in den vergangenen Jahren diverse Darstellungen dieser Materie in vielen Facetten, gelegentlich monothematisch, manchmal auch im Zusammenhang mit anderen Aspekten (vgl. zu entsprechenden TV-Dokumentationen unter anderem die Kritiken in den FK-Heften Nr. 49/12, 5-6/13, 37/13, 37/14 oder 39-40/14).

Nun also 75 Minuten beim deutsch-französischen Sender Arte zum Thema „Die Kirche und ihr Geld“ in einem Dokumentarfilm von Michael Wech zur Primetime. Neu im Vergleich zu den bisherigen Beiträgen ist hier vor allem der Blick zu den Nachbarn in Frankreich, wo ein völlig anderes Finanzierungsmodell gilt. Die (finanzielle) Trennung von Staat und Kirche stellt sich dort anders dar als hierzulande. Ansonsten aber treten bekannte Protagonisten auf, in erster Linie der Politologe Carsten Frerk als bekannter Kritiker der deutschen Kirchenfinanzierung. Oder für die andere Seite der frühere Generalvikar des Erzbistums Köln, Norbert Feldhoff, und der bis Ende Februar 2015 amtierende Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Ulrich Seelemann.

Die im Film genannten Beispiele aus der deutschen Kirche, vorwiegend der katholischen, sind nicht unbedingt neu. Dass das Erzbistum Köln das „Domforum“-Haus zusammen mit einer in Amsterdam ansässigen Firma erworben und dadurch rund 4 Mio Euro an Steuern gespart hat – bekannt und ausdiskutiert. Dass beide christlichen Kirchen aus mehr als hundert Jahre alten Verträgen immer noch Dotationen erhalten, dass Bischöfe vom Staat bezahlt werden und dass neben der Kirchensteuer von etwa 10 Mrd Euro pro Jahr weitere staatliche Zahlungen für verschiedene Aktivitäten der Kirchen in Kindertagesstätten, Krankenhäusern oder Schulen fließen – in allen Einzelheiten erzählt. Und dass alle Möglichkeiten des Kirchensteuereinzugs genutzt werden – auch nicht wirklich neu.

Dass hingegen der Justiziar des Bistums Würzburg, Roland Huth, provozierend gleichgültig auf Fragen zu veruntreuten einer Million Euro eines Pfarrers reagiert und sich weder nach dem Vorgehen des Geistlichen noch nach dem Verbleib dieser Summe erkundigt hat, das ist schon erstaunlich. Vor allem angesichts des Geldmangels in den Kirchenkassen vor Ort. Und dass die Gemeinde Gingen an der Fils (Landkreis Göppingen) erfolgreich gegen einen uralten Vertrag geklagt hat, dem zufolge die Kommune den größten Teil der Renovierungskosten der evangelischen Ortskirche tragen sollte, mag einen Dominoeffekt an anderen Orten auslösen. Eine Thematik, die man im Auge behalten sollte.

Die Informationen über die Kirchenfinanzen in Frankreich sind da durchaus lehrreich, wird doch das dort übliche Spendenwesen gerne als Alternative zum deutschen Kirchensteuersystem angeführt. Tatsächlich gibt es im Nachbarland keine direkte Finanzierung der Kirche durch den Staat. Zur Kirche in Frankreich heißt es im Film, sie sei im Vergleich zur Kirche in Deutschland arm. Wie Kardinal Philippe Barbarin aus Lyon und Pfarrer Xavier Grillon aus Rouen deutlich machen, müssen alle Amtsträger neben ihren pastoralen Aufgaben immer wieder um Spenden werben.

Einerseits also gibt es in Frankreich die strikte Trennung von Staat und Kirche. Aber: Alle Kirchengebäude, in denen Gottesdienste stattfinden, gehören seit 1905 dem Staat. Und der ist dann auch für den Unterhalt zuständig. Das kostet. In Paris stehen allein dafür rund 10 Mio Euro jährlich im städtischen Etat. Und es gibt in Frankreich offenbar weitere Wege, staatlicherseits der Kirche finanziell unter die Arme zu greifen, etwa günstigere Steuern beim Vererben von Grundstücken zu Gunsten der Kirche. Oder eine großzügige steuergünstige Absetzbarkeit von Spenden.

Insgesamt bot dieser vom NDR zum Arte-Programm beigesteuerte Film (Produktion: Eco Media) einen ordentlichen Überblick zu der Materie in den beiden Ländern. Und richtig ist, dass das größte Kapital der Kirchen ihre Glaubwürdigkeit ist, wie Norbert Feldhoff betonte. Allerdings: Erst Transparenz und Kontrolle können Vertrauen zurückgewinnen.

Die Dokumentation „Die Kirche und das Geld“ sollte ursprünglich am 6. Oktober vorigen Jahres um 20.15 Uhr bei Arte gesendet werden, musste damals aber einem aktuell ins Programm genommenen Schwerpunkt zur Flüchtlingsthematik weichen. Durch die dreimonatige Verschiebung der Ausstrahlung auf den 12. Januar 2016 hat der Film in seinen grundsätzlichen Darstellungen nichts an Aussagekraft verloren. Eine anschließende zehnminütige Diskussion vertiefte das Thema ein wenig. Direkt danach gab es an diesem Tag ab 21.40 Uhr noch eine 55-minütige Dokumentation über das Attentat auf Papst Johannes Paul II. zu sehen („Schüsse auf dem Petersplatz“). Dieser Film schloss einen kirchlichen Themenabend bei Arte ab, wobei sich der Zusammenhang zwischen Geldthematik und Attentat nicht erschloss.

22.01.2016 – Martin Thull/MK