Ulrich Bentele/Friederike Kempter: 7 Tage im Flüchtlingslager (NDR Fernsehen)

Einfach nur verstehen

24.07.2015 •

„Die Box“ – so taufte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) sein „Entwicklungslabor für dokumentarisches Erzählen“, in dem vor allem Mitarbeiter jüngeren Alters tätig sind. Aus dieser Redaktion stammt unter anderem das Konzept zu der Reportage-Reihe „7 Tage…“. Keine revolutionäre Entwicklung auf dem Gebiet der TV-Reportage, aber ein solides Format, für das jeweils ein Zweierteam aus Reporter und Videojournalist sieben Tage lang gewisse Arbeits- oder auch Lebensbedingungen erkundet. Thematisch ging es in vorangegangenen Sendungen unter anderem um Obdachlose, Animateure und Putzkolonnen.

Die Sendung vom 12. Juli stellte insofern eine Ausnahme dar, als die Protagonistin Friederike Kempter dem Publikum bereits als Schauspielerin bekannt ist, als Nadeshda Krusenstern aus den WDR-„Tatort“-Episoden mit Schauplatz Münster oder auch als Komödiantin aus „Ladykracher“ (Sat 1). Neben dem NDR-Journalisten Ulrich Bentele war Kempter nun Koautorin einer Reportage über das jordanische Flüchtlingscamp Zaatari, in dem 80.000 Menschen vor allem syrischer Herkunft unter dürftigsten Umständen leben. Die Kamera dokumentiert Friederike Kempters Begegnungen mit UNHCR-Mitarbeitern und Flüchtlingen. Die Schauspielerin, die gewissermaßen auch eine Presenterin-Rolle einnimmt, spricht auch den Off-Kommentar, der von ihren persönlichen Eindrücken bestimmt wird. Sie nähert sich ihrem Thema behutsam, täuscht keine Sachkenntnis vor, bekennt sich dazu, dass ihr das Leben der Flüchtlinge normalerweise fernliegt. Und benennt als Absicht: „Ich will einfach nur verstehen.“

Dieses Anliegen bestimmt ihren Habitus. Sie stellt Fragen, sammelt Erklärungen, begleitet eine Mutter mit ihrem Säugling zur Registrierung und Ausstellung der Papiere, besucht später die Familie in deren Zuhause. Kempters Erfahrungen werden zum Wissen des Zuschauers. Im Lager werden in jedem Container acht Personen untergebracht. Nur selten gibt es Strom, das Geld reicht nicht für eine Vollzeitversorgung. Mit entsprechenden Folgen wie einem Mangel an Kühlmöglichkeiten. Die Bewohner des Lagers warten nicht apathisch auf Hilfe, viele ergreifen die Initiative, bemühen sich, ihre Wohnverhältnisse zu verbessern, versuchen sich an kleinen Geschäftstätigkeiten. Arbeiten dürfen sie nicht, bei Verstößen gegen das Verbot droht Abschiebung. Viele nehmen das Risiko in Kauf. Denn von einem Einkommen von einem Euro pro Tag kann man nicht existieren. Die Preise in Jordanien bewegen sich auf deutschem Niveau.

Ali, der gebrochen Deutsch spricht, berichtet vom Beschuss seines Hauses und von Folterungen durch das Assad-Regime. Wie er planen etliche Flüchtlinge aus purer Hoffnungslosigkeit die Überquerung des Mittelmeers, durchaus in Kenntnis der tödlichen Gefahren. „7 Tage im Flüchtlingslager“ ist also auch ein Film über die Ursachen der Flüchtlingstragödien an den europäischen Mittelmeerküsten, die beinahe täglich in den Nachrichten zur Sprache kommen. Diese Reportage ist geeignet, Ressentiments zu unterlaufen, aufklärend zu wirken. Dies umso mehr, als übertriebenes Sentiment vermieden wird. Friederike Kempter agiert als Stellvertreterin des Zuschauers, interessiert, neugierig, empathisch, aber sie erliegt nie der Versuchung, der Aussage des Films mit schauspielerischen Mitteln Nachdruck zu verleihen.

Politische Zusammenhänge, regionale wie internationale, klingen hier nur in Stichworten an. Aber alles andere würde eine 30-minütige Reportage auch überfrachten und ihr die Unmittelbarkeit nehmen, die sie gerade erst wirkungsvoll macht. Die Sendung wurde begleitet von einem Auftritt Friederike Kempters in der NDR-Vorabendsendung „DAS!“ am 11. Juli.

24.07.2015 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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