Böhmermanns Rückkehr: Fernsehkritik mit den Methoden des Fernsehens und ein Radioautor, der so tut, als habe er das „Neo Magazin Royale“ gesehen

13.05.2016 •

Der Tag, an dem Jan Böhmermann auf den Bildschirm zurückkehren sollte, begann so, dass man seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo) eigentlich kaum entgegenfieberte. Denn erneut wurde, so einfallslos und massenreflexhaft, wie der Journalismus nun einmal sein kann, den Tag über wieder jenes Schmähgedicht thematisiert, das der Moderator in der Ausgabe von Ende März über den türkischen Staatspräsidenten Erdogan im Rahmen einer grundsätzlichen und eher weitschweifigen Erörterung, was satirische Kritik dürfe und was nicht, vorgetragen hatte. Es hatte ihm nicht nur zivilrechtliche Klagen wegen Beleidigung, sondern auch ein strafrechtliches Verfahren wegen der Schmähung eines ausländischen Staatsoberhaupts eingetragen – aufgrund eines Gesetzesparagraphen, der nun als nicht mehr zeitgemäß abgeschafft werden soll.

All das war in den vergangenen Wochen rauf- und runterkommentiert worden und fast jeder hatte seinen Senf dazu gegeben, da ergriff am gestrigen Donnerstag (12. Mai) im Bundestag ein Abgeordneter der CDU, den man bislang kaum wahrgenommen hatte, das Wort und verlas dort das komplette Schmähgedicht, um Böhmermann darob zu kritisieren und zu tadeln. Der gute Mann bemerkte dabei nicht, dass er, der das Gedicht zitierte, damit denselben Fehler beging, den nach Auffassung der Anwälte Erdogans Böhmermann begangen hatte, als er dieses Gedicht in eine Erörterung des Mittels der Schmähkritik eingekleidet und zudem erklärt hatte, dass so etwas „verboten“ sei. Gegen dieses Verbot zu verstoßen – denn noch ist der entsprechende Gesetzesparagraph nicht abgeschafft –, war also genau das, was auch der CDU-Abgeordnete im Berliner Parlament tat. Man darf gespannt sein, ob der prozessierfreudige türkische Staatspräsident auch dagegen klagen wird.

Es ist also keinem Menschen zu verübeln, dass er den Abend eines solchen Tages, an dem die Gedichtaffäre nun sogar im Bundestag eine weitere Volte schlug, nicht schon wieder mit Böhmermann verbringen wollte. Das mag sich auch der Autor Ulrich Deuter gedacht haben, der heute Morgen (Freitag, 13. Mai) gegen Viertel nach sieben in der Sendung „Mosaik“ des Hörfunkprogramms WDR 3 die gestrige Ausgabe vom „Neo Magazin Royale“ besprechen sollte, also die erste nach Böhmermanns fünfwöchiger Medienpause, die er sich aufgrund des übergroßen öffentlichen Drucks nach der Affäre verordnet hatte.

Zwar tat Deuter, der Böhmermann abwatschte und als jemanden titulierte, der bald wieder in der Versenkung verschwinden werde, in seinem Kommentar so, als habe er am Abend zuvor die Sendung auf ZDFneo gesehen (sie begann um 22.20 Uhr), aber das kann nicht der Fall gewesen sein. All das, was er aus dieser Sendung zitierte, bezog sich allein auf ein Interview mit de Linken-Politiker Gregor Gysi, der im Magazin, das am Mittwoch im Kölner Studio aufgezeichnet worden war, zu Gast gewesen war und der sich danach eher misslaunig über sein Gespräch mit Böhmermann äußerte, was im Übrigen – wenn man die Sendung gesehen hatte – mehr über den Politiker verriet als über den Moderator.

Dass Ulrich Deuter die Sendung nicht gesehen haben konnte, erkannte man daran, dass er mit keinem einzigen Wort auf deren Zentrum einging. Denn im Schwerpunkt dieser Ausgabe ging es nicht um Erdogan, um Schmähgedichte oder gar Gedichte zitierende Bundestagsabgeordnete, nein, es ging noch nicht einmal um den HipHop von Dendemann, sondern allein um das Fernsehen. Denn der Redaktion des „Neo Magazins Royale“ war es erneut gelungen, eine Sendung des deutschen Privatfernsehens in all ihrer Dämlichkeit vorzuführen.

Jan Böhmermann behauptete (und lieferte dafür auch Bildbeweise), dass die Redaktion es geschafft habe, der RTL-Sendung „Schwiegertochter gesucht“ zwei Schauspieler unterzuschieben, die in einer ausgestrahlten Sendung als Vater und Sohn vor der Kamera auftraten und um eine Freundin für den jungen Mann warben. In den mit versteckten Kameras aufgenommenen Gesprächen zwischen den Darstellern und einer Vertreterin der Produktionsfirma wurde deutlich, worauf es dieser von Vera Int-Veen präsentierten RTL-Doku-Soap ankommt: Menschen in ihrer Hilflosigkeit vorzuführen und so zum Material für billige Komik verkommen zu lassen, über die sich die Zuschauer, die so etwas mögen, amüsieren.

Das bewies einmal mehr, dass das „Neo Magazin Royale“ immer dann besonders gut ist, wenn es sich kritisch mit dem eigenen Medium beschäftigt, weil es seine Kritik in der Form und den Methoden des Fernsehen selbst vorführt. Die Methode, sich bei der RTL-Sendung einzuschleichen, hätten sie sich – sagte Böhmermann – von Günter Wallraff geborgt, der ja seit einiger Zeit für RTL arbeitet. Substanzieller als eine Meinungskritik, wie sie Ulrich Deuter auf WDR 3 vortrug, sind Böhmermanns fernsehspezifische Verfahren der Kritik allemal. Es sei denn, es wäre alles ganz anders und Ulrich Deuter ein Tarnname von Jan Böhmermann, der sich als Radioautor bei WDR 3 eingeschlichen hatte und so vorführen wollte, wie unseriös auch eine so seriös daherkommende Hörfunksendung wie das „Mosaik“ sein kann.

13.05.2016 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren