Christine Schäfer: Schönes Prügeln. Reihe „Junger Dokumentarfilm“ (SWR Fernsehen)

Krawong!

30.11.2015 •

Benni holt mächtig aus und schlägt seinem unter ihm liegenden wehrlosen Gegner mit aller Wucht die Faust auf den Kopf. Dann tritt er noch Mal kräftig nach. Der 26-Jährige, von Beruf Zerspanungsmechaniker, genießt die Aggression. Nein, das ist keine Beobachtung über mordlüsterne Neonazis. In „Schönes Prügeln“, einem Beitrag, den das Dritte Programm SWR Fernsehen im Rahmen seiner Reihe „Junger Dokumentarfilm“ ausstrahlte, porträtiert die 1987 geborene Christine Schäfer drei junge Menschen aus der Provinz in Baden-Württemberg. Sie schlagen sich zum Spaß und gehen dabei regelmäßig an die Schmerzgrenze. Aber alles ist nur Show. Die drei sind Mitglied im Athletik Club Wrestling (ACW) aus Weinheim, dem ältesten Wrestling-Verein Deutschlands, gegründet im April 1998.

Der Kampfsport aus Amerika, eine Fake-Version der römischen Gladiatorenkämpfe, ist ein Spektakel, bei dem mit Liebe zum (manchmal auch) knochenbrechenden Detail archaische Brutalität vorgetäuscht wird. In Deutschland löst Wrestling allerdings überwiegend nur Kopfschütteln aus. Genau an diesem Punkt beginnt auch der Film. Wenn die drei Freizeit-Wrestler auf dem idyllischen Marktplatz von Weinheim (bei Mannheim) ihre Handzettel für die Show am Wochenende verteilen, dann lehnen die potenziellen Zuschauer höflich ab: „Ich gehe lieber in die Natur“, sagt ein älterer Herr.

Was dagegen die drei Hobby-Ringer an ihrem hierzulande unpopulären Sport so lieben, ergründet der Film mit kurzen Porträts seiner Protagonisten. In seinem beruflichen Alltag fräst Benni neun Stunden täglich mit einem ferngesteuerten Bohrer Metallspäne aus einem Block heraus. Er fühlt sich, wie auch sein Kumpel, der 25-jährige Bademeister Timo, zuweilen etwas bedeutungslos. Beim Wrestling ist das anders. Für die Show malen sich die Jungs das Gesicht schwarz an, sie tragen martialisch aussehende Lederwesten und schlüpfen in die Rollen exotischer Fantasy-Figuren. Hier kann ich „voll aus mir rausgehen“, erklärt Timo. Das zeigt der Film nicht nur, er macht auch sinnlich spürbar, was geschieht, wenn die Kerle sich Arme und Beine verdrehen wie Korkenzieher. Man muss es nicht mögen. Aber man versteht durch den Film, was diese ansonsten kreuzbraven Menschen an ihrem Sport finden.

Zu einem kleinen Ereignis werden die Betrachtungen des Films, weil Christine Schäfer neben den zwei Kerlen, die im Alltag wie sanfte Riesen wirken, auch eine wrestlende Frau zeigt. Das hätte man nicht erwartet. Die 18-jährige Nadine, eine eher zierliche Person, hat gerade ihr Abitur gemacht, in ihrem Zimmer hängen artige Poster von Boygroups. Sie möchte gerne Medizin studieren. So eine Tochter wünschen sich Eltern. Doch im Ring wird Nadine zu einer wütenden Amazone im knappen, bikiniartigen Glitzerdress. Mit den Füßen voran springt sie einem Mann, der fast doppelt so schwer ist wie sie, mitten ins Gesicht. In einem Comic würde man jetzt eine Sprechblase mit einem kriegerischen Ruf wie „Krawong!“ sehen.

Der Film zeigt, wie die artistischen Kampfeinlagen geprobt werden: „Du kannst alles mit meinen Haaren machen“, erklärt Nadine ihrem Kampfpartner, der sie herumwirbelt wie beim Rock‘n’Roll-Tanz. „Du kannst drauf treten, du kannst mich durch den Ring ziehen.“ Genau das sieht man kurz darauf. Nachdem die Kämpfer in kurzweiligen Interviews Einblicke in ihr Leben und ihre Gefühlswelt gegeben haben, kommt der Film zur Sache, also zu einem echten Kampftag. Christine Schäfer zeigt Ausschnitte einer Show mit krachender Heavy-Metal-Musik. Das Bild wird schwarzweiß – der Film nimmt nun die Perspektive ein, in der die Wrestler sich selbst sehen. Nadine hat sich in Stella verwandelt, die kräftig austeilt – aber auch tatsächlich an den Haaren durch den Ring geschleift wird.

Es sind Szenen, wie man sie aus dem früheren Deutschen Sportfernsehen (DSF) kennt, wo vor einigen Jahren amerikanische Wrestling-Shows fast in Endlosschleife versendet wurden. Heute ist Wrestling noch bei Pro Sieben Maxx („SmackDown“) und Tele 5 („WWE RAW“) zu sehen. Eigentlich sind solche Bilder eher zum spontanen Wegzappen geeignet, doch nun sieht man diese prätentiös vorgetäuschte Scheinbrutalität mit anderen Augen. Die Kämpfer kommen sich im Ring so nahe, dass man als Zuschauer gewisse Assoziationen hat. Ob Wrestling eine erotische Komponente habe? Nadine ist von dieser Frage überrascht, erklärt aber, dass sie beim Kämpfen so viel Adrenalin spüre, dass ihr solche Gedanken gar nicht kämen.

Dieser etwas andere Heimatfilm mit dem unwiderstehlichen Titel „Schönes Prügeln“ ist nur eine halbe Stunde lang. Die Regisseurin studiert an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, wo sie mit diesem Projekt ihren sogenannten Drittjahresfilm realisierte. „Schönes Prügeln“ hat eigentlich alles, was auch ein langer Dokumentarfilm braucht: ein buchstäblich anspringendes Thema, Protagonisten, die das Interesse wecken – und er überzeugt auch durch seine nicht alltäglichen Beobachtungen. Erfreuliche 30 Minuten.

30.11.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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