Dorothee Schön/Aelrun Goette: Im Zweifel (ARD)

Ehrmann fast wie Käßmann

31.01.2016 •

Dass Claudia Michelsen zu den größten hiesigen Schauspielerinnen zählt, das beweist in diesem Film im Grunde ein Blick: Wenn sie am Ende von „Im Zweifel“ erkennt, dass ihr Mann doch nicht weggelaufen ist, dass er im Garten sitzt und auf sie wartet, dann sprüht sie geradezu vor Erleichterung und Scham, Trauer und Freude, Liebe und Hoffnung – alles in einen einzigen Augenausdruck gepackt. Die Rolle der Judith Ehrmann, der zwischen Beruf und Privatleben zerrissenen, am eigenen Idealismus fast zerbrechenden Pfarrerin, ist mal wieder so eine, für die man sich keine andere deutschsprachige Darstellerin als die 47-jährige Dresdnerin vorstellen könnte. Wie leicht könnte diese engagierte, beliebte, lebenskluge Sätze sagende Lichtgestalt der Judith Ehrmann – ihr Mann Christoph (Henning Baum) nennt sie im Streit einmal die „Heilige Judith von Brandenburg“ – ins Lächerliche, ins Platte rutschen. Wäre da nicht Claudia Michelsen mit ihrer schauspielerischen Sensibilität und ihrer Fähigkeit, einen einzigen Moment oder einen einzigen Blick in viele Facetten zu zerlegen.

Man muss bei der Figur Judith Ehrmann unweigerlich an Margot Käßmann denken, die vormalige Hannoveraner Landesbischöfin und zurückgetretene Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Und das nicht nur deshalb, weil auch Judith Ehrmann reelle Chancen auf den Posten einer Landesbischöfin hat und sie einmal den Satz sagt, der berühmt wurde, seitdem ihn Margot Käßmann bei ihrem Rücktritt als EKD-Vorsitzende im Februar 2010 sprach: „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“.

Es ist die ganze Anlage des Charakters, die an Käßmann erinnert: die Nähe zu den Menschen (die sich auch in medialer Popularität äußert, so hat Ehrmann eine regelmäßige Sendung im Radio), die Fähigkeit, offen mit der eigenen wie der allgemein menschlichen Fehlbarkeit umzugehen, und die rhetorische Begabung, geistliche Inhalte alltagstauglich herunterzubrechen. Und so wie Margot Käßmann die schmerzhafte Trennung von ihrem Mann öffentlich gemacht hat, so sehen wir hier Judith Ehrmann bei ihrem zunehmend kriselnden Eheleben zu. Ein interessanter Zufall, dass Claudia Michelsen damit nach ihrem Mitwirken unlängst im Film „In der Falle“ (ARD/NDR), wo sie eine Rolle mit klaren Bezügen zur BMW-Erbin Susanne Klatten spielte (vgl. MK-Kritik), nun erneut eine Protagonistin mit deutlichem, aber gleichwohl ungenanntem Vorbild in der deutschen Zeitgeschichte darstellt.

Doch ist diese Assoziation nicht zentral für das Verständnis des Geschehens von „Im Zweifel“ (Produktion: Ufa Fiction). Es geht Drehbuchautorin Dorothee Schön und Regisseurin Aelrun Goette darum, Fragen aufzuwerfen wie: Kann ich das, was ich (im wahren Sinne des Wortes) predige, auch selber leben? Kenne ich meine Liebsten wirklich so gut, wie ich glaube? Wie viel Lüge verträgt die Liebe? Wie weit geht mein Idealismus?

Ausgangspunkt für all diese Fragen ist ein Autounfall, bei dem ein 17-jähriges Mädchen stirbt, eine Bekannte von Judiths gleichaltrigem Sohn Paul. Mitschuld trägt der Fahrer eines schwarzen Pkw, der Fahrerflucht beging – was Judith Ehrmann, die als Notfallseelsorgerin am Unfallort war, fortan keine Ruhe mehr lässt: Denn ihr eigener Mann bringt seinen schwarzen Kombi am Tag nach dem Unfall wegen Lackschäden in die Werkstatt. All dies bringt sie auch dem überzeugten Atheisten und Polizeikommissar Minow (Thomas Loibl) näher, der sich in sie verliebt. Heimlichkeiten, Zweifel und Verdächtigungen sickern in Judiths ohnehin angespannte Ehe- und Familienkonstellation – ein Feld, auf dem Aelrun Goette schon bei ihrem ersten großen Erfolg, dem Film „Unter dem Eis“ (vgl. FK-Heft Nr. 35/06), ihre Meisterschaft zeigen konnte.

Auch in ihrem neuen Film gelingt es Goette mit Bravour, in Blicken, Worten und Atmosphäre die leisen Misstöne einzufangen, die das familiäre Miteinander zunehmend vergiften. Was natürlich ebenso dem stimmigen Drehbuch von Dorothee Schön anzurechnen ist, das sehr ernsthaft (ganz ohne das so häufig in Anspruch genommene Sicherheitsnetz der Ironie), aber auch ohne Pathos menschliche und geistliche Fragen von großer Tragweite verhandelt. Die durchweg guten Schauspieler – hervorzuheben sind neben Claudia Michelsen besonders Henning Baum in ungewohnt zurückhaltender Rolle als vernachlässigter Ehemann und Thomas Loibl als charismatischer Kommissar – wie auch die melancholische Musik der vielfach ausgezeichneten Musikerin und Komponistin Annette Focks tun ihr Übriges, um „Im Zweifel“ (3,18 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,6 Prozent) zu einem noch lange nachhallenden Fernsehdrama zu machen.

31.01.2016 – Katharina Zeckau/MK