Florian Oeller/Lars-Gunnar Lotz: Polizeiruf 110 – In Flammen (ARD/NDR)

Der völkisch kontaminierte Biobauernhof

18.06.2018 •

18.06.2018 • Der Film mit dem Titel „In Flammen“ ist der vierte der ARD-Sonntagkrimis aus den Reihen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“ innerhalb der letzten sechs Wochen, dessen Handlung im Umfeld von Rechtsextremismus und Rechtspopulismus angesiedelt ist und der in diesem Zusammenhang einen idyllisch gelegenen Biobauernhof als völkische Ursuppe entlarvt. Diese Höfe, deren Bilder und Figurenkonstellationen sich als Krimispielorte einander so stark ähneln, fanden sich hier also nunmehr in allen vier Himmelsrichtungen der Bundesrepublik: „Freies Land“, die „Tatort“-Folge des Bayerischen Rundfunks (BR) vom 3. Juni, verortete einen solchen Hof in der bayerischen Provinz, „Sonnenwende“, die „Tatort“-Episode des Südwestrundfunks (SWR) vom 13. Mai, im Schwarzwald und „Demokratie stirbt in Finsternis“, der „Polizeiruf“ des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) vom 29. April, im polnisch-brandenburgischen Grenzgebiet. Im jetzt ausgestrahlten Fall „In Flammen“, ein Rostocker „Polizeiruf“ des Norddeutschen Rundfunks (NDR), liegt der völkisch kontaminierte Biobauernhof als einer von mehreren Spielorten der Krimi-Handlung in Mecklenburg-Vorpommern.

Doch ist die Folge „In Flammen“ – die letzte der Neuproduktionen auf dem sonntäglichen ARD-Krimisendeplatz (20.15 bis 21.45 Uhr) vor der Sommerpause – mit Blick auf seine Drehzeit keineswegs der letzte unter diesen sich thematisch überschneidenden Krimis. Ganz im Gegenteil wurde „In Flammen“ (NDR) als erster Film der vier genannten Folgen gedreht, und zwar bereits im April/Mai 2017. „Freies Land“ (BR) wurde danach im Juni/Juli 2017, „Sonnenwende“ (SWR) im Oktober/November 2017 und „Demokratie stirbt in Finsternis“ (RBB) im November/Dezember 2017 gedreht.

Insofern geschieht dieser Rostocker „Polizeiruf“-Folge, zu der Florian Oeller das Drehbuch geschrieben und bei der Lars-Gunnar Lotz Regie geführt hat (Produktion: Filmpool Fiction), eigentlich Unrecht, wenn man hier nun angesichts dieser thematischen Häufung einen gewissen Überdruss empfindet. Es geht um den Fall einer rechtspopulistischen Lokal­politikerin, die auf besonders grausame Weise umgebracht wurde: Jemand verbrannte die Frau bei lebendigem Leibe und vollem Bewusstsein. Sylvia Schulte (Katrin Bühring) war Spitzenkandidatin der rechtspopulistischen Partei für Freiheit und Sicherheit (PFS) für die Oberbürgermeister-Wahl in Rostock. Das Kürzel der Partei erinnert zwar stark an die PDS, die Vorläuferpartei der aus Ostdeutschland stammenden Linkspartei (Die Linke), meint aber die rechte und fremdenfeindliche AfD, an die die ehemalige PDS gerade in den neuen Bundesländern inzwischen viele Wählerstimmen abtreten musste.

Es geht bei diesem Krimi inhaltlich nicht um das politische Spannungsfeld zwischen links und rechts, sondern um die Frage der Nähe einer rechtspopulistischen Partei zum Rechtsextremismus. Der Biobauernhof, der dem Ex-Mann des Mordopfers gehört, verkörpert hier die rechtsextreme Vergangenheit der Politikerin. Von der hatte sie sich öffentlich distanziert, wurde aber dennoch von ihr wieder eingeholt, indem diese Vergangenheit letztendlich als eigentlicher Hintergrund für die Mordtat entlarvt wird. So entpuppt sich – wie das bei den ARD-Sonntagskrimis häufig der Fall ist – die Ermordete als letztlich auch ‘Mitschuldige’ an ihrem Tod und die schließlich entlarvte Täterin selbst als ein Opfer, das durch die Ermordete einst zu Schaden gekommen ist.

Opfer und Täterin bleiben in diesem Krimi recht blasse Figuren, denn die Ermordete verschwindet viel zu früh aus der Handlung und die Mörderin rückt – um der Spannung willen – viel zu spät in den Mittelpunkt. Interessanter sind hier wie so häufig die Ermittler selbst. Seit die Kommissare beim ARD-Sonntagskrimi überwiegend paarweise auftreten, kommt den Dialogen zwischen ihnen immer ein besonders hoher Stellenwert zu. Bei dem im Rostocker „Polizeiruf“ agierenden Kommissarsduo mit Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner), die eine nahezu eine Intellektuelle, der andere unverkennbar ein Prolet, nehmen diese Dialoge an einigen Stellen der aktuellen Folge sogar fast staatspolitisch-philosophische Dimensionen an. Ihre sprachlich anspruchsvollen, mit ironischen Brechungen versehenen Einsichten dürften jedoch von den wenigsten Zuschauern behalten worden sein, obgleich die Kameraführung den Dialogpartnern in diesen Momenten immer wieder durch längere Einstellungen Zeit gibt und Nahaufnahmen die Konzentration auf ihre Worte unterstützen (die zum Teil aber auch etwas überpädagogisch wirkten).

Zu dem Kommissarspaar aus Rostock, das sich schon seit längerem als schauspielerisch zu den interessanteren der ARD-Sonntagskrimiduos gehörend beweist, gesellte sich in der Folge „In Flammen“ eine weitere Figur, die zu den eigentlichen Hauptdarstellern zu zählen war: Karim Jandali ist ein in die Bundesrepublik geflüchteter Syrer und ausgerechnet er ist nicht nur der Referent, sondern auch der Liebhaber der ermordeten rechtspopulistischen Politikern. Er wird im Lauf der Filmhandlung zuerst zum Hauptverdächtigen und zwielichtigen Opportunisten, der sich nach dem Tod von Sylvia Schulte auch noch ihrem innerparteilichen Konkurrenten als politischer Helfer andient, dann zum Entführungsopfer von Rechtsextremisten. Diese treten im Film mit einem Video im Stil von islamistischen Terroristen an die Öffentlichkeit, als deren Hintermann sich der ‘Hoffotograf’ der PFS erweist. Der aus Syrien stammende Flüchtling Karim war in diesem „Polizeiruf“ die vielschichtigste und eine interessante, in sich widersprüchliche Figur – großartig gespielt von Atheer Adel. So war „In Flammen“ (6,32 Mio Zuschauer, Marktanteil: 20,1 Prozent) alles in allem ein spannend inszenierter Krimi, dessen erzählte Geschichte jedoch an Plausibilität und Originalität manches zu wünschen übrig ließ.

18.06.2018 – Brigitte Knott-Wolf/MK