Die Martina Hill Show. 8-teilige Comedy-Reihe (Sat 1)

Ohne Bühnenzauber

16.11.2018 • Sie hatte „wahnsinnig Lust auf laut, bunt und wild“, außerdem wollte sie „schon immer mal in einem Glitzerfummel eine Showtreppe runtergetanzt kommen“, so war es von Martina Hill in einem PR-Interview ihres Haussenders Sat 1 zu vernehmen. All das hat die „Queen of Comedy“ nun bekommen: „Die Martina Hill Show“, das sind (exklusive Werbung) achtmal 25 Minuten kompakt verpackte Comedy am sogenannten „Fun-Freitag“ von Sat 1. Es ist dazu, wie der Sender betont, die erste eigene Produktion, in der die 1,76 Meter große Entertainerin im Studio live vor Publikum performt, eine Studioshow also, von der Produktionsfirma Red Seven Entertainment in Köln aufgezeichnet. All das hat vorab Erwartungen geschürt, zumal im Ersten schon eine andere „Queen of Comedy“ im ähnlichen Formatrahmen laut, bunt und wild sein darf: Carolin Kebekus mit „Pussy Terror TV“ (ARD/WDR).

Richtet man den Scheinwerfer nur auf die äußeren Merkmale, dann zieht die Kebekus im direkten Bühnenvergleich eindeutig die kürzere: So lang und schön geschwungen ist ihre Showtreppe nicht wie die der Hill. Die Treppe im Ersten kann sich auch nicht in einen plätschernden Bach verwandeln, wie es (dank neuester Licht-Technik) das Prachtexemplar bei Sat 1 kann, wo es das zentrale Deko-Element der „Martina Hill Show“ ist: Zu Beginn jeder Ausgabe tänzelt die Gastgeberin, von vier Go-Go-Tänzerinnen flankiert, die LED-Stufen hinunter. Der Sound von „Bitch I’m Madonna“ dröhnt, Martina Hill twerkt, das Publikum johlt. Und auch ohne Live-Band (der Punkt geht an „Pussy Terror TV“!) muss man anerkennen: Es fetzt, dieses Entrée, bei dem die „Bitch“ Martina Hill schließlich atemlos, aber heil auf dem Bühnenboden zum Stehen kommt, ohne die langen Beine verknotet zu haben.

Andererseits: Eine tolle Treppe macht noch keine tolle Show. Da muss schon mehr passieren als Powackeln im Paillettenleibchen. Nur: Es passiert enttäuschend wenig auf der Bühne der „Martina Hill Show“. Kein Stand-up, kein Gäste-Geplauder, kein Gesang, wie es „Pussy Terror TV“ hat. Die Sat-1-Sendung geizt mit ihren Möglichkeiten, als hätte das Comedy-Fernsehen seit den legendären Zeiten von „Sketchup“ (ARD/BR), als Diether Krebs und Beatrice Richter bzw. später Iris Berben vom Bar-Tisch aus Sketche ansagten, keine Entwicklung gemacht.

Über weite Strecken kommt die „Martina Hill Show“ wie eine recycelte Clip-Abfolge aus „Knallerfrauen“ daher, jenem bei Sat 1 in der TV-Saison 2011/12 gestarteten Sketch-Format (vgl. FK 6/12), mit dem sich Martina Hill zum ersten Mal in der Comedy-Szene freischwamm und sich den Ruf als „lustigste Frau des deutschen Fernsehens“ erwarb. 2015 lief die letzte von insgesamt vier Staffeln. In der neuen Show trifft man sie nun wieder, all die überdrehten Frauenfiguren, die ihre Sprösslinge mit hartem Prodigy-Rap in den Schlaf singen oder an der roten Ampel in der Nase bohrend mit dem Nebenfahrer flirten. Diese Form der Extremkomik, die oft vulgär, nie subtil, aber immer spinnert war, füllt hier extrem viel Sendezeit – mit kurzen Unterbrechungen, in denen Hill zum nächsten Filmchen überleitet, vom Studiopublikum artig beklatscht. Während die Zuschauer daheim übrigens weniger wurden: Von 15,4 Prozent Marktanteil in der jüngeren Zielgruppe (1,05 Mio Zuschauer) am Premierentag, als die Sendung erst um 23.15 Uhr begann, halbierte sich die Quote bis Folge 3 auf 7,1 Prozent (530.000) und lag damit unter dem Senderschnitt (seit der zweiten Folge wird die Show jeweils um 22.45 Uhr ausgestrahlt und damit in der ersten Hälfte in direkter Konkurrenz zur „Heute-Show“ des ZDF).

Für ihre Clip-Revue holt die begnadete Parodistin Martina Hill auch alte Fernsehbekannte hervor, die sie einst in der Pro-Sieben-Sketch-Sendung „Switch reloaded“ gnadenlos vorführte. Wenn sie als piepsender Heidi-Klum-Witz auf High Heels in einem Supermarkt mit der Regaleinräumhilfe flirtet (die Klums derzeitigem Lebenspartner Tom Kaulitz verblüffend ähnelt) oder wenn sie Andrea Kiewels überbordenden Frohsinn im ZDF-„Fernsehgarten“ nachäfft, dann kehrt Martina Hill zu ihren künstlerischen Anfängen zurück und das ist sehr schön anzuschauen. Außen vor bleibt Daniela Katzenberger, auch ein beliebtes Parodie-Opfer in der Vergangenheit – denn Hill holt die Doku-Soap-Celebrity jetzt einfach als Spielpartnerin auf die Bühne: Als dusselige Cowgirls „Dani & Tina“ sitzen sie auf Plüschpferdchen und witzeln was von „abgelaufenen Pferden“ und „Schimmel“.

„Dani & Tina“ ist einer der wenigen (und schwachen) Live-Sketche, die es in der „Martina Hill Show“ zwischen den Knallerfrauen aus der Konserve auch gibt. Ein anderes Live-Element sind „Rebecca und Larissa“, zwei von Martina Hill und, ja, sie ist hier auch dabei, Carolin Kebekus kongenial dargestellte Proll-Sternchen, die in Kebekus’ „Pussy Terror TV“ als Rubrik schon eine Weile leuchten, wenn auch nicht so helle. In der „Martina Hill Show“ fliegen die beiden zum Mond, wobei Kebekus alias Rebecca passiert, was im Film meist als Outtake verschwindet: Sie muss über ihren eigenen Witz lachen und vergeigt den Sketch. Solch unterhaltsamen Live-Zauber, dem immer die Pannengefahr innewohnt, lässt die neue Sat-1-Show leider viel zu selten zu.

Dabei hat Martina Hill als langjähriges Stamm-Mitglied der „Heute-Show“ im Zweiten durchaus Erfahrung gesammelt, wie es ist, im Angesicht von Publikum lustig zu sein. Als Klon von Bettina Schausten, der Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios, hat sie sich dort unverzichtbar gemacht auf dem Terrain der Politsatire. Und zumindest ein bisschen von diesem politischen Geist umwehte auch die zweite Folge ihrer Sat-1-Show. Nur wenige Tage, nachdem Kanzlerin Angela Merkel ihren Rücktritt als Parteivorsitzende der CDU erklärt hatte, antwortete das Hill-Team auf diese Breaking News mit einem „Merkel-Musical“, das vorgab, ins innerste Seelenleben der „mächtigsten Frau der Welt“ hineinzuschauen. Die sehr schlanke Comedienne schlüpfte ins Kanzlerin-Kostüm, ließ die Raute Raute sein und tanzte sich mit dem „Mecklenburger Tanz-Quartett“ ins Saturday Night Fever. Eine fabelhafte Nummer mit Showtreppe, nur vorproduziert. Auf der Bühne im Studio hätte sie womöglich noch mehr gewonnen.

16.11.2018 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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