Late Night Berlin. Talkshow mit Klaas Heufer-Umlauf (Pro Sieben) / Ringlstetter. Personality-Show mit Hannes Ringlstetter und Carolin Matzko (BR Fernsehen)

Nachtunterhaltung mit Bart

14.04.2018 • Wir müssen reden. Reden über dieses ewige Jungs-Ding. Diesmal geht es aber nicht um Joko und Klaas (vgl. hierzu zum Beispiel diese MK-Kritik), also die bis neulich noch siamesischen Zwillinge der Pro-Sieben-Unterhaltung, sondern um den Kleinen mit Bart allein. Klaas Heufer-Umlauf ist ja jetzt im Fernsehen solo unterwegs. Sein Format „Late Night Berlin“ ist eine neue Nachtunterhaltung, die mit Schreibtisch, Live-Band, Talkgästen, Film-Gags und ein paar witzigen Eingangsworten zur Lage der Welt alle Merkmale einer Late-Night-Show erfüllt. Am Montag, den 12. März, ging’s los. Und dass noch in der Nacht der Premiere von „Late Night Berlin“ alle, also viele Twitterer, wie wild darüber redeten, lag an einem anderen dieser Late-Night-Jungs: ZDF-Bartträger Jan Böhmermann hat dem Pro-Sieben-Bartträger Heufer-Umlauf die Show gestohlen!

Und das ging so: Mit Unterstützung eines Autovermieters pfuschte „Böhmi“ in einer Werbepause von „Late Night Berlin“ dem Klaas mit einem frechen Spot in die Parade. Sinngemäß sagte Böhmermann, dass er es nicht nötig habe, sich wie andere im werbefinanzierten Fernsehen zu prostituieren. Daraus entwickelte sich dann „eine persönliche Sache“ (Heufer-Umlauf), auf die am Montag drauf bei Pro Sieben die Revanche folgte: Nicht nur rieb sich Heufer-Umlauf bei der Überleitung in die „spannende Werbung“ mit dem Mittelfinger (sic!) das linke Auge; er tat es dem „Ich-hab-Polizei“-Interpreten Böhmermann auch musikalisch gleich und rappte in einem Musikvideo: „Du hast Polizei – die hab’ ich auch.“

Macht schon Spaß, so ein Jungs-Ding über die Bande, vor allem wenn es die Protagonisten hüben wie drüben zur Hochform ihrer Schöpferkraft bringt. Nichtsdestotrotz drängt sich nach bisher zwei Ausgaben „Late Night Berlin“ die Frage auf: Mehr nicht? War’s das schon? Aus dem offenbar bis in alle Ewigkeit festgezurrten Korsett einer an US-Idolen orientierten, männlich dominierten Late Night bewegt sich Jokos bessere Hälfte nicht heraus. Dabei ist man anderes gewohnt: ungebremste Kreativität, so wie im – mittlerweile beendeten – Vorformat „Circus Halligalli“ zelebriert (vgl. FK-Kritik), für das Joko und Klaas gerade mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurden.

Brav, erwachsen, ja, fast schon Johnny-Carson-gesetzt gibt sich Alleinunterhalter Heufer-Umlauf jetzt. Aus „Circus Halligalli“-Zeiten rettete er (neben der Redaktion von Florida TV, der Produktionsfirma) die lustige, aber durchgenudelte Nummer herüber, Passanten Dialoge improvisieren zu lassen und diese im Voice-over auf Spielszenen zu übertragen. „Laberinth der Macht“ hieß der so entstandene Beitrag zum Auftakt von „Late Night Berlin“ – ein Statement zur schwierigen Regierungsbildung der vergangenen Wochen, keine Frage, klasse gemacht, unter anderem mit einem zum Martin Schulz geschminkten Heufer-Umlauf und dem echten Juso-Chef Kevn Kühnert.

Ebenso aus dem politischen Spektrum: Heufer-Umlaufs allererster Talkgast. Die gut fünf Minuten mit Anne Will gingen jedoch auf Seiten des Gastgebers (Premierenfieber?) in die Hose. Die ARD-Lady kam, sah und siegte, weil sie sich, wohlerzogen wie sie ist, partout nicht darauf einlassen wollte, über ihre eigenen Sonntagsgäste herzuziehen. Nicht viel erfolgreicher ging das Talkspiel mit Klaas’ früheren Viva-Wegbereiterinnen Heike Makatsch und Jessica Schwarz in Sendung Nr. 2 aus. Über das übliche PR-Gelaber der Sorte „Wir haben einen neuen Film und müssen darüber reden“ ging das Geplänkel nicht hinaus. Vorwerfen kann man Heufer-Umlauf das nicht wirklich. Das hat Late-Night-Tradition. Oder würde jemand ernsthaft behaupten, dass Harald Schmidt („Ich genüge mir selbst, außer Anne-Sophie Mutter ist da“) oder Stefan äh Raab äh erstklassige Gespräche führten?

Da schaut man sich doch lieber satt am ausgesprochen schönen Bühnenbild von „Late Night Berlin“. Teuer und edel sieht es aus. Mit Holz und Licht wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Besonders der Schreibtisch mit dem eingelassenen Frontmonitor, der mit der Videowand im Hintergrund eine ästhetische Einheit bildet, ist ein Hingucker. Und die cognac­farbenen XXL-Lederfauteuils erst! Sie signalisieren: Hier kann man gut sitzen, hier hat man Geld. Andererseits: Dass man auch mit bescheideneren Mitteln hervorragend, wenn nicht sogar überraschender latenighten kann, beweist ausgerechnet der Bayerische Rundfunk (BR) jeden Donnerstagabend in seinem Dritten Programm BR Fernsehen.

Die Sendereihe „Ringlstetter“, produziert von David Schalko (der im ORF die Late-Night-Show „Willkommen in Österreich“ macht), bringt im Wortsinn eine andere Farbe ins Genre ein: Mussten für die Ausstaffierung des Pro-Sieben-Pendants Dutzende Bäume fallen, griffen die bayerrischen Setbauer allenfalls großzügig in den Topf mit schwarzer Farbe. Eine sparsame, existentialistische Kulisse hat „Ringlstetter“, die aber womöglich nicht allein dem Spardiktat der Anstalt geschuldet ist, denn diese Kulisse bietet den Vorteil: Je dunkler der Hintergrund, desto heller leuchtet das Personal davor.

Der BR untertitelt die seit Dezember 2016 im Programm befindliche Sendung des Kabarettisten Hannes Ringlstetter als „Personality-Show“. Innendrin steckt de facto eine Late Night klassischen Zuschnitts mit dem hörbaren Unterschied, dass sie sehr Bairisch daherkommt. Egal. Dialekt muss sein im Seehofer-Heimatland. Nicht-Bayern wie zuletzt Lilo Wanders und Till Brönner werden trotzdem eingeladen. Und dem Niederbayern Ringlstetter haben sie außerdem eine astrein Hochdeutsch sprechende Assistentin zur Seite gestellt. Diese Carolin Matzko ist eine echte Entdeckung und mehr als blondgelocktes Accessoire, auch wenn die Regie ihr bloß den Platz hinter einer Theke zuweist. Denn anders als Klaas Heufer-Umlaufs Sidekick auf der Bühne, Redaktionsleiter Jakob Lundt, fällt „Bardame“ Matzko nicht durch knalligrote Jackets auf, sondern als ebenbürtige Sparringspartnerin – wenn es sein muss, sogar auf dem Eis: Nach dem Olympia-Gold für das deutsche Eiskunstlaufpaar Savchenko/Massot tanzten auch Ringlstetter/Matzko für einen Late-Night-Einspieler die Kür ihres Lebens, untermalt vom Originalkommentar aus Pyeongchang. Das war Spitze.

Nicht zuletzt bemerkenswert an dieser bayerischen Late-Night-Variante ist aber dies: Endlich traut sich mal wieder ein Sender, diesem Jungs-Ding in der Nachtunterhaltung Paroli zu bieten. Anke Engelke scheiterte ja einst auf dem von Harald Schmidt verlassenen Sat-1-Thron. Frauen könnten „nicht die Welt erklären“, wurde damals geschrieben. So ein Stuss. „Ringlstetter“ schaun!

14.04.2018 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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