Stadt, Land, Haus – So wohnt Deutschland. 20‑teilige Nachmittagssendereihe mit Mareile Höppner (ARD/RBB)

Gucken und quizzen

25.09.2018 • Auf dem Wohnungsmarkt herrscht derzeit sowas wie Krieg. Harte Konflikte toben zwischen Mietern, Bauherren und Vermietern. Am 15. September demonstrierten in München 10.000 Menschen gegen Mietwucher. Es soll die größte Mieterdemo gewesen sein, die die superteure Bayern-Metropole je gesehen hat. Und genau in diese Stimmungs-, ja, Notlage hinein sendet das Erste Programm der ARD nun mit der vom RBB zugelieferten 20-teiligen Reihe „Stadt, Land, Haus – So wohnt Deutschland“ ein Kontrastprogramm rund ums Wohnen, das nicht weiter entfernt sein könnte von den aktuellen Problemen.

Der Großteil von „Deutschland“ wird sich in den hier vorgestellten Privathäusern und Privatwohnungen, die allesamt bewohnt und damit auf dem Markt nicht zu haben sind, kaum wiederfinden. Spektakulär umgenutzte Architekturträume wie eine ehemalige Brauerei, eine profanierte Kirche und ein von Metall umbautes Holzhaus befinden sich darunter. Auch die 340-Quadratmeter-Neubauvilla am Tegernsee oder der im Mid-Century-Stil durchdesignte Zwillingsbau mit Indoor-Pool in Berlin entsprechen ebensowenig dem 2ZKB-Durchschnittsmaß. Es sind, so wird es formuliert, „die spannendsten Immobilien des Landes“, in die die Moderatorin Mareile Höppner je zwei Kandidatenpaare zum kombinierten Gucken und Quizzen einlädt. Deren Hauptaufgabe ist, den Wert von Haus und Inventar möglichst genau zu schätzen.

In je drei Objekte pro Folge geht es auf Entdeckungstour und schnell wird klar: Solche Hausgäste möchte man selbst nicht unbedingt in denen eigenen vier Wänden haben. Sie werfen sich auf Betten, steigen auf Tische, öffnen Schubladen und Schränke, beschnuppern Sofas für den Echt-Leder-Check und suchen Kissen nach Labels ab. Den größten Spaß scheint dabei allen das Probeliegen in der (trockenen) Badewanne zu machen. Ob „Micky-Maus“-Nippes, goldene Wasserhähne oder Eames-Clubsessel – jedes Detail wird von den Kandidaten kommentiert und begutachtet. Die Regie blendet dann und wann ein Preisschild ein, das die vorherige Schätzung bestätigt oder korrigiert. Die besten Schätzer gewinnen nach sechs Fragen (für eine Quiz-Show bescheidene) 1000 Euro.

„Guess This House“ (ungefähr übersetzt: „Errate, was dieses Haus kostet“) heißt die Formatvorlage aus Großbritannien, die von der Berliner ITV-Tochter Imago TV auf deutsche Fernsehverhältnisse umgewandelt wurde. Dem Auftraggeber RBB war die im Original sehr laute Quiz-Dynamik, angepeitscht von einer exaltierten Moderatorin, womöglich too much. „Stadt, Land, Haus“ setzt da mehr auf chillige Wohnfühl-Atmosphäre. Während in der britischen Fassung die Zeituhr tickt und die dortigen Kandidaten wie Gerichtsvollzieher die Häuser stürmen, haben die hiesigen die Ruhe weg zum Stöbern und Schwärmen, so wie Kandidat Walter in der Tegernsee-Villa, der nach der Besichtigung zum Urteil kommt: „Ich finde das irgendwie geil, dieses Haus.“

Unter Audience-Flow-Gesichtspunkten ist da sicher viel richtig gemacht worden. Gut zehn Jahre lang hatte die ARD werktags die Sendestunde vor 17.00 Uhr mit ihren heiter-possierlichen Zoogeschichten bestückt und zumindest in den Anfangsjahren damit einen Bombenerfolg beim Publikum gehabt, der die Senderkonkurrenz, zumal das ZDF, das Fürchten lehrte. Doch das Zuschauerinteresse an den Tierdokus ließ nach. „Nashorn, Zebra & Co.“ (ARD/BR) war die letzte Sendung ihrer Art und kam im Schnitt auf 660.000 Zuschauer bei einem Marktanteil von 5,8 Prozent.

„Stadt, Land, Haus“ (Folgen 1 bis 9: durchschnittlich 480.000 Zuschauer, Marktanteil: 4,5 Prozent) hält, zumindest ästhetisch, den Bruch zum Vorgängerformat minimal und arbeitet mit ähnlichen Mitteln weiter: heiter-possierlich der Duktus auch hier, angefangen vom blinki-bunten Vorspann über die schmunzelmusikalische Untermalung bis zum wohltemperierten Off-Kommentar, der manchmal so klingt, als hätte die Redaktion Texte von Wohnmagazinen kopiert (etwa: „Schlichte Eleganz bestimmt im Haus das ganze Design“, oder: „Zweimal zwei Meter schaukelnder Schlafkomfort   ein Cashmere-Topper macht’s besonders kuschelig“). Das kuschelige „Schöner-Wohnen“-Flair toppt nur noch die professionell gut gelaunte und als Fachfrau für den Boulevard bekannte Moderatorin Mareile Höppner („Brisant“, ARD/MDR) mit ihrer Abschiedsgrußformel „Wohnen Sie wohl!“.

Keine Frage, einen gewissen Lerneffekt kann man „Stadt, Land, Haus“ nicht absprechen. Der RBB, der seinen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag offenbar sehr ernst nimmt, lässt hier natürlich auch „Experten“ sprechen: die Architektur-Professorin Petra Kahlfeldt und den aus Antiquitäten-Shows wie „Bares für Rares“ (ZDF) bekannten Kunsthistoriker George Mullen, die ihr Wissen über Häuser („am Zenit des heutigen Zeitgeistes“) und Inventar („Man muss nicht reich sein, um einen Beuys zu besitzen“) in Kurzeinblendungen teilen. Dazu werden per Infotafel Landkarte und Statistik dargereicht, wo der durchschnittliche Quadratmeterpreis in einer Metropole oder Region gerade liegt. Mehr Kommentar zur Wohnkrise ist allerdings nicht drin, die ja selbst der Moderatorin nicht entgangen ist: In einem Nebensatz erwähnt Höppner einmal, dass sie in Leipzig nach einer Immobilie gesucht habe und daher wisse, dass die Preise „auch dort anziehen“.

Und so gleitet „Stadt, Land, Haus“ auf einer glattpolierten Oberfläche daher, die mit der Realität der allermeisten Zuschauer wenig zu haben dürfte, aber zumindest gedanklich Flucht(t)räume öffnet. Kandidatin Romy aus Leipzig brachte den Reiz des Formats wohl am besten auf den Punkt: „Für uns ist es spannend, einfach mal in andere Häuser zu schnuppern, zu gucken, wie leben andere Menschen. Vielleicht können wir uns was abgucken.“

25.09.2018 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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