Danke Deutschland. 6‑teilige Comedy‑Reihe (ZDF)

Ein Extra-Schuss Skurrilität

28.07.2018 •

28.07.2018 • Der Beginn der Verquatschung von Politik durch Ralf Kabelka datiert auf das Jahr 2000. Da zog sich der Komiker aus Paderborn einen Trenchcoat über, um sich in der Rolle des CDU-Landtagsabgeordneten Dr. Udo Brömme mit bis dato ungesehener Chuzpe an echte Volksvertreter heranzuschmeißen und sie zu nerven. Ob im Land- oder im Bundestag, gleich wurscht. Stets suchte dieser promovierte Abklatsch der Politikerkaste das Spontangespräch auf eine Art, die einen vortrefflich ins Grübeln darüber brachte, welche Seite wohl eher den Orden wider die Peinlichkeit verdient. Kabelka wurde als „Harald Schmidts Mann für die Außenpolitik“ berühmt (bis zum Ende der „Harald Schmidt Show“ 2014 gehörte er zu deren Gag-Team). Und Karrieren wie die von Lutz van der Horst oder Hazel Brugger in der „Heute-Show“ (ZDF), wo Kabelka selbst mittlerweile mitmacht, wären ohne diesen Doktor Brömme wohl nicht so gekommen.

An diese Ursprünge muss man zurückdenken, seit das ZDF sich Kabelkas Quatsch-Expertise nun in einem neuen Format auf dem Sendeplatz der sommerpausierenden „Heute-Show“ bedient. Ohne Trenchcoat und Doktortitel, dafür aber wieder mit dem widerstehlich drögen Charme einer Büroklammer spielt Kabelka den Moderator der Sketch-Show „Danke Deutschland“, während das sensationell eingespielte Sechserpack aus Sabine Vitua, Constanze Behrends, Lena Dörrie, Cem Ali Gültekin, Joachim Paul Assböck und Daniel Wiemer in die Rollen von Politikern, Wirtschaftsbossen, Reportern, Polizisten und einfachen Bürgern schlüpft. Kabelka klammert quasi die diversen Humorfilmchen zu einer Einheit zusammen, mit der das eine Ziel verfolgt wird: einmal „Danke“ sagen. Wem? Den Wirtschaftsbossen, Politikern und Lobbyisten, denn „die Baustelle Deutschland“ wäre, so Kabelka, „ohne ihren Einsatz, ihr Können und ihre übergroße Liebe zum Geld schon lange fertig“.

Unbestritten gibt es in Politik und Gesellschaft reparaturbedürftige Entwicklungen, die an Skurrilität eigentlich nicht zu überbieten sind, aber von „Danke Deutschland“ mit einem Extra-Schuss Skurrilität bedacht werden. Jahrzehnte dauert es etwa, bis die im Sketch „Kader Loth“ genannte Gesamtschule in Berlin durch die behördlichen Instanzen hindurch endlich einen neuen Garderobenhaken erkämpft. Die marode Schulsituation und der alltägliche bürokratische Wahnsinn – so irrsinnig witzig lässt sich das in einer Satiresendung kombinieren. Danke dafür. Übrigens auch für die hübsch umgesetzte „Aktenzeichen-XY“-Dramaturgie.

Beim Blick hinter die Kulissen der Berliner Republik knöpft sich „Danke Deutschland“ Themen vor, über die Deutschland spricht. Bienensterben und Brexit, Fake News und Mietpreisbremse, Diesel-Gate und #MeToo – diese Nähe zur Aktualität macht die Sendereihe reizvoll. Zum Auftakt ging es unter anderem um das schwedische Gesetz, das den Geschlechtsverkehr „vertraglich absichern soll“ (Kabelka). Wie die Umsetzung in der Praxis aussehen könnte? Als hätte David Hamilton die Bettszene weichgezeichnet, sieht man einem Paar beim Aushandeln der gegenseitigen „Verführungs- und Berührungserlaubnis“ zu. Aus dem schummrigen Nichts treten nacheinander ihr Notar, sein Anwalt, ein Trauma-Therapeut und die „Selbsthilfemännergruppe Erkelenz“ ans Bett, um zu bezeugen, dass beim „Vollzug der Paarungsvereinbarung mit eingeschränkter Restlaufzeit“ alles mit rechten Dingen zugeht. Sowas macht Lust auf mehr.

Die Gagschreiber von „Danke Deutschland“ (Produktion: Unique Media Entertainment/UME, Produzent: Wolfgang Link) testen allerdings die gesamte Humorspanne aus. Von feinsinnig bis grob und brachial; aber lahm können sie auch, wenn etwa zwei Abgeordnete aus dem Lift steigend über Rollstühle stolpern und der eine die andere aufklärt: „Da tagt der Ausschuss für Zukunft und Innovation der CDU.“

Zu selten gehen die Witze in „Danke Deutschland“ einen Weg, dessen Ende nicht abzusehen ist und wo der Zieleinlauf deshalb umso überraschender ist, wie in diesem Nonsens-Clip: Drei Bankräuber zanken heftig, ob sie im gestohlenen Diesel und ohne (auch das noch!) Umweltplakette zum Tatort fahren sollen. Der Umweltbewusste („Warum hast du kein Elektroauto geklaut?“) schießt zunächst hart gegen die „Scheiß-Autolobby“ – und dann seinen dieselsündigen Kumpel am Steuer tot. Die Kamera entfernt sich vom Geschehen und die Szenerie entpuppt sich als Wahlwerbespot von Bündnis 90/Die Grünen, der informiert, dass innerhalb der letzten zehn Jahr die Zahl der in Deutschland begangenen Banküberfälle um mehr als 50 Prozent gesunken sei: „Wir machen Deutschland sicherer.“

Und Kabelka? Er nervt irgendwie in seiner Rolle als Moderator, was vielleicht der Tatsache geschuldet sein mag, dass er hier in einer Inszenierung gefangen ist und seine Stärke nicht ausspielen kann: schlagfertig reagieren. Ausweislich des Nachspanns war Kabelka in „Danke Deutschland“ als Autor nicht aktiv. Andere, nämlich Ralf Betz, Linus Höke, Sylke Lorenz und Markus Schafitel, haben sich Kabelkas und überhaupt alle Witze ausgedacht, supervised von Elmar Freels und Stephan Denzer als Headautoren (wobei Letzterer in Personalunion auch Teamleiter aller Kabarett-Comedy-Satire-Sendungen im ZDF ist). Kabelkas Hang zum präpotenten Pennälerhumor haben sie gleichwohl gut, sprich: geschmacklos erfasst – in der Überleitung zum bereits beschriebenen #MeToo-Sketch kitzelte Kabelka, so machte es die Kameraperspektive glauben, die Spitzen zweier Kuppelbauten im Regierungsviertel, als wären es die Nippel einer weiblichen Brust. Hihihi, setzen, sechs.

Das große Interesse mit 3,56 Mio Zuschauern (Marktanteil: 16,1 Prozent) verdankte die Auftaktfolge von „Danke Deutschland“ bestimmt nicht diesem Nipple-Gate, sondern der Ausstrahlung unmittelbar nach der Live-Übertragung des WM-Viertelfinalspiels zwischen Brasilien und Belgien (1:2). Ohne Fußball ging’s dann für die Sketch-Comedy bergab, auf zuletzt nur noch 1,31 Mio Zuschauer (6,5 Prozent).

28.07.2018 – Senta Krasser/MK