Kroymann. Politisch-satirische Sketch-Comedy mit Maren Kroymann (ARD/Radio Bremen)

Ganz die Alte

31.03.2017 •

Was für ein Comeback in der ARD! Maren Kroymann, eine Ikone der Fernsehfrauenbewegung, bewegt sich zackig im Elektro-Beat. Aufgedonnert wie ein Zwitter von Vivienne Westwood und Captain Future schleudert sie im Superwahljahr 2017 den jungen Leuten entgegen: „Ihr seid die geilsten, aber wir sind die meisten. Wir sind die Alten!“ Und macht im gleichen Atemzug „Oma und Opa“ verantwortlich für Brexit, Trump und AfD-Aufstieg. Das ist Maren Kroymanns (musikalisches) Statement zum Generationenkonflikt – yeah, das gefällt. Sehr sogar.

Kurzer Blick zurück. Maren Kroymann, inzwischen mit 67 im besten Renteneintrittsalter angekommen, hat bereits eine öffentlich-rechtliche Karriere hinter sich. Lange war sie die einzige Frau, die im Ersten und im Fernsehen überhaupt politisch-satirisch lustig sein durfte. Mitte der 1990er Jahre war das, mit der Radio-Bremen-Produktion „Nachtschwester Kroymann“. Damals, YouTube hat’s archiviert, erzählte sie ungeniert Toiletten- und Bindenwitze oder ließ ihre Bürofachkraft zum übergriffigen Kollegen sagen: „Sie gehören mal wieder so richtig durchgefickt.“ So viel Chuzpe von einer Frau unterhalb der Gürtellinie hatte Folgen: Der Weg wurde frei für Komikerinnen wie Anke Engelke, Annette Frier und Cordula Stratmann. Die letzteren beiden wirken nun auch in „Kroymann“ mit.

So spielt die Frier eine Psychologin, in deren Praxis die Satirikerin höchstselbst, also unter ihrem eigenen Namen, Hilfe für ihre „psychologischen Probleme“ vor der neuen Sendung sucht. Die „Therapiesitzungen“ bilden das Gerüst für die verschiedenen Spielsituationen, die inhaltlich miteinander korrespondieren und Kroymanns Lebensthemen verhandeln: tradierte Geschlechterrollen, Homosexualität, die Diskriminierung von Minderheiten. Neu hinzugekommen ist das Thema Altersrassismus – jenseits der 60 bietet sich das ja auch an. Als Kroymann zwei junge Dinger nach dem Weg zum Hauptquartier der Femen-Aktivistinnen fragt, die sie unterstützen will, bekommt sie zu hören: „Das Krematorium ist nebenan.“ Schon zuvor im Gespräch mit der Psychologin, die ihr vom Kämpfen abrät, weil man das doch, bitte schön, lieber den jüngeren Frauen überlassen und dafür früher ins Bett gehen solle, trotzt sie zurück: „Ich will nicht ins Bett, ich will auf die Straße.“

Ihren Schlachtruf könnte man freilich auch umdeuten: Ich, Maren Kroymann, will mich nicht aufs Altenteil legen, ich will zurück ins Fernsehen. Und das wäre wirklich nicht das Schlechteste. Denn der Einmal-Schuss „Kroymann“ – nur diese eine Folge war von Radio Bremen bisher eingeplant – zeigt: Das Format steht der seit einiger Zeit am Donnerstagabend auf verschiedenen Satirepfaden irrlichternden ARD ausgesprochen gut, auch wenn nicht ausnahmslos jeder Sketch Funken schlägt (die Erika-Steinbach-Nummer über deren Schwulenfeindlichkeit schwächelte). Maren Kroymann ist freilich ganz die Alte und das ist wichtig und genau richtig. Sie lässt nach wie vor Schärfe vor Milde walten. Dabei drückt und schreit sie nicht, wie das jüngere Fernsehfeministinnen mit Pussy-Furor gerne tun, sondern sie dosiert spitz und fein und schert sich auch keinen Deut um politische Korrektheit.

PC-Normen treibt sie sogar derart hinreißend grotesk auf die Spitze, dass man ihren Sketch mit den Schauspielern Burghart Klaußner, Jürgen Rißmann und Arved Birnbaum hier unbedingt rekapitulieren muss. Darin liefern sich im Angesicht zweier Chefs eine Bewerberin (Kroymann) und ein Bewerber (Rißmann) einen Wettstreit um einen Vorstandsposten: Wer kann die meisten „Behinderungen“ vorweisen und hat deshalb die besten Chancen auf den Job: die reife Businessfrau mit Harvard-Abschluss, die lesbisch, afroamerikanisch („Ich habe eine Pigmentstörung“) und autistisch ist, oder der Querschnittsgelähmte, dessen Großvater Jude war und der beim Bewerbungsgespräch spontan zum Islam konvertiert und sich zur SPD („Oh, das ist hart“) bekennt? Die sich zur Höchstform tourettierende Businessfrau aka Maren Kroymann macht schließlich das Rennen gegen die „verlogenen Arschgeigen“.

Neben Maren Kroymann haben Hans Zippert („Zippert zappt“ in der Zeitung „Die Welt) und Sven Nagel (ZDF-„Heute-Show“) an den Skripten für die Sketche mitgeschrieben. Die Umsetzung überließ Radio Bremen den derzeit hippsten und (was die Anzahl von Grimme-Preisen betrifft) erfolgreichsten Fernsehmachern, den Produzenten der Kölner Bild- und Tonfabrik („Neo Magazin Royale“, ZDFneo). Deren Handschrift ist in „Kroymann“ unverkennbar. Sie zeigt sich, allein optisch, bei den grafischen Elementen, die bei BTF-Produktionen immer so retro aussehen, als seien sie wie anno dunnemal in der Werkstatt entstanden. Schauspieler aus der WDR-Reihe „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von…“ machen mit, in der das BTF-Ensemble Sketch-Comedy noch geübt hat, die sie jetzt bei „Kroymann“ (940.000 Zuschauer, Marktanteil: 7,0 Prozent) pointensicherer weiterentwickelt.

Und nicht zuletzt sind Musikvideos (vor allem die mit Jan Böhmermann) eine Spezialität der Kölner Produzenten, Viralhitgarantie inbegriffen. Noch bevor die Kroymann-Sendung im Ersten lief, geisterte ihr „Wir-sind-die-Alten!“-Clip schon durchs Netz. Bei Facebook teilten ihn bis jetzt fast eine Million Fans. Dass die BTF-Truppe darin auch aus „Twix“ wieder „Raider“ macht, lohnt allein den „Like“-Klick.

31.03.2017 – Senta Krasser/MK

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