Henrike Sandner: Ingmar Bergman – Herr der Dämonen (3sat) 

Die Geister, die er rief

16.07.2018 • Gibt es Anzeichen für bleibenden Ruhm? Wann hat es ein Künstler geschafft? Wenn Chronisten seinen Vornamen weglassen und nur noch ehrfürchtig von „dem Bergman“ sprechen wie von „der Dietrich“?! Vielleicht eher, wenn ein Regisseur wie Woody Allen das Finale seiner Erfolgskomödie „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ zu einer einzigen Hommage an die Bildsprache des besagten spröden Filmkünstlers namens Ingmar Bergman werden lässt. Oder wenn man noch zu Lebzeiten mit der Auszeichnung „Bester Regisseur aller Zeiten“ geehrt wird, die Ingmar Bergman im Jahr 1997 in Cannes erhielt. Dann wird offenbar: dieser Schwede war ein herausragender Filmregisseur, dessen Arbeiten bis heute nachwirken.

100 Jahre wäre Bergman am 14. Juli 2018 geworden. Der, der mit gesegneten 89 Jahren bereits am 30. Juli 2007 auf seiner Lieblingsinsel Fårö starb. Der 100. Geburtstag des Regisseurs provoziert nun geradezu eine weitere Auseinandersetzung mit seiner Person und seinen Werken, auch wenn darüber in den vergangenen Jahrzehnten schon alles geschrieben, gezeigt und gesagt wurde, was zu sagen ist. Etwa in den Dokumentarfilmen „Die Frauen in Ingmar Bergmans Filmen“ (1992/93, Regie: Katja Raganelli, ARD/Eins Plus) und „Ingmar Bergman – Über Leben und Arbeit“ (1998, Regie: Jörn Donner, Arte) oder in Margarethe von Trottas höchst persönlichem Essayfilm „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“, der aktuell im Kino zu sehen ist. Und nun also die Dokumentation „Ingmar Bergman – Herr der Dämonen“ auf 3sat zum Einhundertsten, die der Drei-Länder-Sender zur samstäglichen Primetime ausstrahlte, gefolgt von der 164 Minuten langen Kinofassung von Bergmans Film „Szenen einer Ehe“.

„Herr der Dämonen“ ist eine eindrücklich bebilderte Lebensgeschichte Bergmans, die von Corinna Harfouch als Sprecherin der Dokumentation vorgetragen wird. Der Film ist weder ein TV-Pendant zu von Trottas „subjektiver Spurensuche“ noch ein epischer „Das-ist-Ihr-Leben“-Rundumschlag. In kurzen 60 Minuten will die Autorin Henrike Sandner dem Zuschauer einen groben Überblick über Bergmans Leben und Wirken geben. Ein mutiges Unterfangen, das aber über weite Strecken als geglückt betrachtet werden kann. Im Gegensatz zum Ansatz von Margarethe von Trotta bekommt der interessierte Laie nicht nur Lust auf eine Auseinandersetzung mit dem Werk des Künstlers, sondern eben auch eine Vorstellung davon, was Bergman ausmachte, was für ein Mensch er war.

Der Zuschauer erfährt, dass die Geschichten in den Filmen des Regie-Meisters vor allem von (Gott-)Suchenden, von Gescheiterten und von Überlebenden des ‘Gefühlschaos’ handeln. Doch in den Werken wie „Das siebente Siegel“, „Licht im Winter“, „Persona“, „Die Stunde des Wolfs“, „Szenen einer Ehe“ oder „Fanny und Alexander“ geht es nicht nur um Tod, Teufel und die eigenen Dämonen, sondern insbesondere auch um das Aufarbeiten der Biografie ihres Schöpfers. Bergman ist der Getriebene, der sich mit seinen Filmen zu therapieren sucht.

Der Schaffensprozess des Seelendramas „Persona“ mit seinen beiden Lieblingsdarstellerinnen Bibi Andersson und Liv Ullmann (mit beiden war er auch liiert) habe Bergman, so die Dokumentation, nach langer Krankheit auch im wörtlichen Sinne das Leben gerettet. Der fürs Fernsehen auf nahezu fünf Stunden ausgedehnte Beziehungskampf „Szenen einer Ehe“ (mit Liv Ullmann und Erland Josephson) sei die Aufarbeitung von Bergmans sechs intensiven Ehen gewesen. Der kunstvolle Horrorfilm „Die Stunde des Wolfs“ (mit Liv Ullmann und Max von Sydow) thematisiert just jene Dämonen, die den geplagten Regisseur in den Wachphasen langer Winternächte aufgelauert seien.

Bergman war vor allem ein Meister der schwarzweißen Tragödie, als andere schon längst in Technicolor drehten. Dass er auch schwarzweiße Komödien gemacht hat, findet in Henrike Sandners Film (Produktion: Broadview TV) keinen Raum. Der Autorin geht es einzig um die Geister, die ein Weltberühmter in seiner langen Karriere gerufen hat und nie losgeworden ist.

16.07.2018 – Jörg Gerle/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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