Peter Güde/Pia Strietmann/Peter Stauch: Falk. 6-teilige Serie (ARD/WDR) 

Vielleicht wird’s ja noch was

12.07.2018 • „Der hört auf keinen! Das ist Falk!“ So wird Rechtsanwalt Falk (Fritz Karl) von seiner Chefin Sophie Offergeld (Mira Bartuschek) eingeführt – noch einmal für all jene, die es bis zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nicht geschnallt haben sollten: Falk, dessen Vorname keine Rolle spielt, ist ein Exzentriker und Dickkopf der hartnäckigeren Sorte. Immerhin hat man zu diesem Zeitpunkt bereits einiges über ihn erfahren. Etwa das ausführliche Ankleideprozedere des stilbewussten Sonderlings (bunt gemusterte Socken zu Hochwasserhosen, Taschenuhr, Siegelring), der zusammen mit seiner Schildkröte in einem leicht ranzigen Hotel lebt. Oder Falks panische Angst davor, wie sein Vater in jungen Jahren dement zu werden, was ihn Tag für Tag in die Praxis seiner Hausärztin treibt. Oder sein übergriffiges Verhalten in seinem einstigen Lokal, in dem er sich trotz Hausverbots noch immer wie der Chef benimmt.

Aber: Man will ja alle Zuschauer mitnehmen bei der ARD. Weshalb man die Charakterzüge der handelnden Personen und besonders gerne auch die Witze mehrfach erklärt bzw. wiederholt – schließlich soll auch der noch lachen dürfen, der gerade eben ein Bier holen war. Auf der anderen Seite wiederum fehlt es dann aber bei manch seltsamen Drehbucheinfällen an weiteren Erklärungen: So bleibt beispielsweise völlig unklar, aus welchen Beweggründen Sophies Vater (Peter Prager) Falks einstiges Lokal gekauft hat. Wieso Offergeld senior, der eigentlich im Ruhestand weilt, den unberechenbaren Falk unbedingt in seine Düsseldorfer Kanzlei zurückholen möchte, obwohl weder Falk selbst noch die neue Kanzleichefin Sophie Lust darauf haben. Oder weshalb in der ersten Folge („Saubere Wäsche“) der amtierende nordrhein-westfälische Ministerpräsident seiner Liebe zu Dessous ausgerechnet in einem lokalen Fetischladen mit schmierigem Verkäufer frönt – dass davon eher früher als später Fotobeweise auftauchen und ihn erpressbar machen, scheint bei so viel Leichtsinn fast unvermeidlich zu sein.

Das alles ist schade, denn natürlich klingt die Ausgangslage erst einmal vielversprechend: Der eigentlich immer tolle österreichische Schauspieler Fritz Karl als spleeniger Anwalt mit Hang zu höchst unkonventionellen Arbeitsmethoden, dazu der Autor Peter Güde, der an Serien wie „Mord mit Aussicht“ (ARD), „Stromberg“ (Pro Sieben) und „Pastewka“ (Sat 1) mitschrieb und sie mitproduzierte, sowie bewährte Komödien-Nebendarsteller wie Peter Prager – das hätte ja was werden können. Oder sagen wir’s so: Vielleicht wird’s ja auch noch was (je nachdem, ob die ARD die Serie fortsetzt, was derzeit noch unklar ist).

Denn tatsächlich findet eine gewisse Qualitätssteigerung statt, je mehr man voranschreitet beim Schauen der bislang sechs Folgen „Falk“ (Regie führte bei den ersten beiden Episoden Pia Strietmann, bei den anderen vier Folgen Peter Stauch). Zwar waren die Gastauftritte von Roberto Blanco und Hugo Egon Balder in den Folgen 4 und 5 einigermaßen albern, ansonsten aber schien „Falk“ mit fortlaufender Ausstrahlung doch noch langsam zu sich selbst zu finden, sprich: zu einer bei aller behaupteten Exzentrik zwar konventionell gemachten, aber ordentlichen Primetime-Serie, die auf dem einstigen „Mord-mit-Aussicht“-Sendeplatz am Dienstagabend bisher nicht an die komödiantischen Höhen ihres Vorgängers aus der Eifel anschließen kann, aber zumindest ihre guten Momente hat. (Die Drehbücher schrieb Peter Güde auf Basies der Serien-Idee von Stefan Cantz und Jan Hinter.)

Am lauwarmen Urteil hat übrigens explizit auch der lustlos wirkende Hauptdarsteller seinen Anteil. Der sonst oft fantastische Fritz Karl agiert hier, so hat man den Eindruck, tendenziell gelangweilt. Eben so, als würde er dem Drehbuch, das er da mit Leben füllen soll, selbst nicht viel abgewinnen können. Denn dass es sich bei „Falk“ nicht um die Neuerfindung der öffentlich-rechtlichen Anwaltsserie handelt, wie vom Marketing des Ersten suggeriert, ist ohnehin schnell klar. Ebenso wenig aber reicht „Falk“ (Bavaria Fiction) mit seinen klamaukigen Plots und plumpen Dialogen an große Vorbilder wie „Liebling Kreuzberg“ (ARD) heran. Und natürlich erst recht nicht an die BBC-Serie „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch (der wie Falk nicht mit Menschen kann, diese aber, wie der Düsseldorfer Anwalt, dennoch in Sekundenbruchteilen zu durchschauen vermag). Klar, das sind große Vergleiche – aber wieso muss ein deutscher „Sherlock“ eigentlich so völlig jenseits des Vorstellbaren liegen?

Dass es trotz alldem ab Folge 3 ein bisschen aufwärts ging mit „Falk“, lag auch an der Liebesaffäre, die die Titelfigur mit der verheirateten Ärztin Sabine (Marie-Lou Sellem) einging: Das gegenseitige Aneinander-Herantasten ist schön schwebend erzählt, nicht so holzhammermäßig wie vieles andere hier. Auch verkörpert Marie-Lou Sellem überzeugend und sympathisch eine Frauenfigur, der man gerne zusieht. Hingegen Sophie wie auch Trulla (!), Falks Assistentin, bestätigen so ziemlich jedes peinliche Frauenklischee: Während Sophie als exaktes Gegenbild zum megacoolen Falk komplett überfordert, zickig und stets an der Grenze zur Hysterie agiert (was nicht Darstellerin Mira Bartuschek, sondern dem Drehbuch anzulasten ist), springt die Frau mit dem unsäglichen Namen Trulla (gespielt von Alessija Lause) jedes Mal, sobald Falk auch nur mit dem Finger schnipst. Eine weitere erfreuliche Ausnahme bildet neben der Ärztin nur Sophies Tochter Marie, die sich halbwegs klischeefrei verhält und von Sinje Irslinger mit großer Begabung und Natürlichkeit verkörpert wird. Insgesamt ist hier aber dennoch ein erstaunlich gut gefülltes Reservoir an weiblichen Stereotypen zu konstatieren, das schon lange als völlig überholt gelten durfte.

Noch enervierender als das hier transportierte Frauenbild ist bei dieser Serie übrigens nur die ewig gleiche, fröhliche Musiksoße, die über nahezu jede Szene gegossen wurde: Der Zuschauer könnte ja schließlich vergessen, dass es hier etwas zu schmunzeln gibt.

12.07.2018 – Katharina Zeckau/MK