Christian Schnalke/Carlo Rola: Die Mutter des Mörders (ZDF)

Gute Ansätze

18.09.2015 •

Mit ihrem bescheidenen Job im Supermarkt bringt die alleinerziehende Mutter Maria (Natalia Wörner) ihren Sohn Matis durch. Der 20-Jährige ist geistig zurückgeblieben, seine mentale Entwicklung entspricht in etwa der eines Kleinkindes. Diesen retardierten Zustand führt das Krimi-Drama „Die Mutter des Mörders“, das Carlo Rola nach einem Buch von Christian Schnalke inszenierte, recht eindringlich vor Augen: Während Matis tagtäglich zusammen mit anderen Behinderten zu seiner Arbeit in eine Spezialwerkstatt chauffiert wird, erzählt der halbseidene Busfahrer David Bacher ihnen anzügliche Anekdoten. Besonders ein dreckiger Blondinenwitz hat es Matis angetan – obwohl Bacher ihn gar nicht zu Ende erzählt.

Als der Junge seiner Mutter beim Abendessen mit tief empfundener Begeisterung die Frage stellt: „Was sagt eine Blondine, nachdem sie erfahren hat, dass sie schwanger ist?“, ist Maria über diese Zote aus dem Munde ihres Sohnes zunächst sichtlich konsterniert. Da sie ihn aber ernst nimmt, geht sie auf das mit dem Witz implizierte Rederitual ein. Also fragt sie nach, was die Blondine denn sagt. Das ratlose Gesicht des Jungen, der nicht versteht, dass jeder Witz erst durch eine entsprechende Pointe entsteht – auch wenn sie im Fall dieses Blondinenwitzes ausgesprochen dämlich ist –, erweist sich als Schlüsselmoment. Der Film fügt hier geschickt die Puzzlestücke seiner Geschichte zusammen. Der Zuschauer bekommt nicht nur ein Gespür für die geistige Behinderung des Sohnes und das schwere Paket, das die Mutter mit diesem von Lucas Reiber eindrucksvoll verkörperten Jungen zu tragen hat. Als der Busfahrer Bacher (Axel Prahl) die schöne, blonde Nachbarin Lea (Jeanne Goursaud) mit einem ähnlich sexistischen Spruch nötigt, wird mit dem Blondinen-Thema ganz nebenbei noch ein weiterer wichtiger Handlungsstrang verknüpft.

In seinem ausführlichen Prolog hat der Film nämlich auch die aus der wohlhabenden Nachbarsfamilie stammende Lea eingeführt, eine verwöhnte Göre, die ihren Ex-Freund eiskalt abblitzen lässt und sich gegenüber den Avancen ihres zwielichtigen Schwimmlehrers Kreutzer (Rainer Strecker) recht uneindeutig verhält. Bald darauf liegt sie erschlagen im Garten. Aufgrund ihres negativ gezeichneten Charakters geht einem der Tod der hochnäsigen jungen Dame nicht allzu nahe. Umso überraschter ist man, dass der ermittelnde Polizist sich darein verbeißt, dass Matis der Täter sei: Auch ein geistig Zurückgebliebener könne morden. Damit wird ein selten aufgegriffener Aspekt des Themas Inklusion ausgeleuchtet. Und dank dieser nicht alltäglichen Mischung aus Krimi und Behindertendrama überrascht dieser ZDF-Film (Produktion: Network Movie).

Dass Matis seine Nachbarin, in die er verliebt war, tatsächlich umgebracht hat und Maria somit die Mutter eines Mörders ist, glaubt man jedoch keinen Moment. Das liegt weniger an der spannend eingefädelten Geschichte als an mehreren kleinen Schwächen der Regie, der es hier und da an inszenatorischem Esprit fehlt. Carlo Rola lässt Natalia Wörner, eigentlich eine der besten deutschen Schauspielerinnen, als Unterschicht-Mama immer ein wenig zu dick auftragen. Das gilt auch für Axel Prahl. Hätte man bei seiner Schlüsselfigur des proletenhaft-linkischen Busfahrers die liebenswürdigen Seiten etwas mehr betont, so wäre der Film noch abgründiger geworden. In Erinnerung bleibt Ernst Stötzner, der als Kommissar Simon zunächst einen veritablen Kotzbrocken gibt, am Ende jedoch wahre Größe zeigt.

Problematisch ist auch die soziale Situierung der Geschichte. Kann man sich für die bescheidene Entlohnung, die Maria für ihren Supermarktjob erhält, ein freistehendes Einfamilienhaus mit schönem Garten in einer gehobenen Wohngegend leisten? Die Dramaturgie des Films baut darauf auf, dass Reiche und sozial Schwache Tür an Tür wohnen. Diese Konstellation wirkt jedoch allzu konstruiert.

Beeindruckend ist ein anderer Aspekt, den das Psychodrama allerdings nur andeutet: Maria lebt mit ihrem geistig behinderten Sohn in einem symbiotischen Verhältnis. Als der Junge wie ein Schwerverbrecher abgeführt wird, rastet sie aus, denn noch nie wurde Matis von ihr mehr als nur ein paar Stunden getrennt. Hier nun ließe sich fragen: Hätte man nicht zumindest andeuten können, dass der überbehütete Junge dank der Durchtrennung der mentalen Nabelschnur hier vielleicht auch eine Entwicklung durchmacht, die ihm dank der übergroßen Nähe zur Mutter bis dahin versagt blieb? Mit dieser Assoziation hätte der Film noch eine weitere Dimension eröffnet. Denn nicht alle Seiten dieser Mutter sind positiv. Das zeigt sich, als sie von dem Busfahrer erpresst wird, den sie dann mit dem Spaten erschlägt und dessen Leiche sie erstaunlich professionell entsorgt. Hier wird Maria am Ende tatsächlich zur Monster-Mama…

So aber bleibt es bei guten Ansätzen, die, wenn man den Film als Gesamtgefüge betrachtet, nicht durchweg überzeugend umgesetzt sind. Immerhin halten die überraschenden Wendungen die Spannung hoch. Unter dem Strich ist „Die Mutter des Mörders“ (5,30 Mio Zuschauer, Marktanteil: 17,2 Prozent) ein solide inszenierter Fernsehfilm, der von einem guten Ensemble getragen wird.

18.09.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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