Was das ZDF in absehbarer Zeit nicht wagen wird: „Die Sterntaler-Verschwörung“

08.05.2015 •

08.05.2015 • Am Mittwoch voriger Woche (29. April) wiederholte das ZDF zur besten Sendezeit einen Kriminalfilm von Dominik Graf: „Das unsichtbare Mädchen“. Dass der Film an diesem Tag erneut ausgestrahlt wurde, erklärt sich auch daraus, dass parallel die ARD das Pokalhalbfinale zwischen Arminia Bielefeld und dem VfL Wolfsburg (0:4) live zeigte. Gegen ein solches, hohe Aufmerksamkeit auf sich ziehendes Spiel setzt man keine Erstausstrahlung. Gründe zur Wiederholung jenseits der unbestreitbaren Qualität dieses Films hätte das ZDF aber schon früher haben können. Denn die Geschichte des Films, die auf einem Roman von Friedrich Ani beruht („Totsein verjährt nicht“), basiert zu einem großen Teil auf einer tatsächlichen Begebenheit, nämlich den in die Kriminalgeschichte eingegangenen „Fall Peggy“.

Im Jahr 2001 verschwand in einer oberfränkischen Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze ein neunjähriges Mädchen, das bis heute weder tot noch lebendig aufgefunden wurde. Das Mädchen galt als ermordet und als Täter war, nach einem Wechsel an der Spitze des Ermittlungsteams, letztinstanzlich ein junger Mann verhaftet und dann auch verurteilt worden, der geistig behindert ist. Die beteiligten Gerichte sahen ihn aufgrund eines Geständnisses überführt, das der Angeklagte aber mehrfach widerrief und das noch nicht einmal auf Tonband aufgezeichnet worden war.

Der Krimiautor Friedrich Ani hatte das alles in dem erwähnten Roman 2009 aufgegriffen; hier beginnt der Kommissar, der als Erster in der Sache ermittelt hatte und dann auf Druck des bayerischen Innenministers von dem Fall abgesetzt worden war, Jahre später erneut und klandestin mit Untersuchungen. Dieser Mann heißt bei Ani Polonius Fischer, eine Figur, die der Autor zuvor schon in anderen Romanen verwendet hatte. Das ZDF hatte 2008/09 zwei Romane mit Polonius Fischer (verkörpert von Hanns Zischler) verfilmen lassen, doch eine eigene Reihe wurde daraus letztlich nicht. Was vermutlich erklärt, dass „Totsein verjährt nicht“ eigenständig und ohne die Figur Fischer alias Zischler verfilmt wurde, was eine größere Umarbeitung des Romans verlangte.

Ina Jung, die mit Friedrich Ani das Drehbuch für die Inszenierung von Dominik Graf schrieb, hat mittlerweile mehrere Zeitungsberichte zum „Fall Peggy“ geschrieben. 2013 und also nach der Erstausstrahlung von „Das unsichtbare Mädchen“ (2012) legte sie zu dem Thema ein Buch nach, das sie zusammen mit Christoph Lemmer schrieb: „Der Fall Peggy. Die Geschichte eines Skandals“. Jungs Publikationen, Fernsehdokumentationen und Artikel in Tageszeitungen, die auf eine Fülle von Widersprüchen, Ermittlungs- und Justizfehlern hinwiesen, erzeugten ein solch starken Druck, dass im November 2013 das Verfahren wiederaufgenommen wurde, an dessen Ende das Gericht das Urteil gegen den verurteilten jungen Mann aufhob. Genau zu dieser Zeit wäre eine Wiederholung des Films von Dominik Graf aktuell gewesen.

Der reale Kommissar des „Falls Peggy“, der einst vom bayerischen Innenminister zur Beschleunigung des Verfahrens anstelle des kaltgestellten Kollegen eingesetzt worden war (und dessen von Ulrich Noethen gespielte Figur im Film „Das unsichtbare Mädchen“ am Ende erschossen wird), war später bei den Ermittlungen zu einer Mordserie beteiligt, deren Urheber er in der Türkei vermutete, weshalb er seine Untersuchungsgruppe „Bosporus“ nannte. Wie man heute weiß, handelte es sich um eine rassistische Projektion, denn die Mörder kamen mitten aus Deutschland. Es waren die Täter der rechtsradikalen Gruppe, die sich selbst NSU nannte. Über diesen realen Kommissar ist, soweit bekannt, bis heute nichts geschrieben worden. Als Reihenfigur für das ZDF taugte er nicht, auch wenn er stets an idyllischen Plätzen in Franken ermittelte.

Zu nahe will der Sender mit seinen Kriminalfilmen der Wirklichkeit normalerweise auch nicht kommen. Deshalb wird es spannend zu beobachten sein, wie das ZDF mit dem jüngsten Roman von Jan Seghers (ein Pseudonym des Schriftstellers und Kritikers Matthias Altenburg) umgehen wird. Bislang hat der Sender drei andere Romane um den von Seghers geschaffenen Frankfurter Kommissar Robert Marthaler produzieren lassen, die Hauptrolle spielt Matthias Koeberlin; die dritte Verfilmung „Ein allzu schönes Mädchen“ lief zwei Tage nach dem Graf-Film am 1. Mai bei Arte.

Aber warum sollte das ZDF Probleme bei der Verfilmung des jüngsten, im Dezember 2014 erschienen Romans „Die Sterntaler-Verschwörung“ bekommen? Weil Marthaler hier eine Verschwörung aufdeckt, die nahe, sehr nahe an der politischen Wirklichkeit Hessens angesiedelt ist und so etwas wie eine kriminalistische Erklärung von zumindest rätselhaften Vorgängen der hessischen Landespolitik liefert. Dies genau so zu erzählen, wie es in „Die Sterntaler-Verschwörung“ geschieht, wird das ZDF, dessen Aufsichtsgremien noch stark von Politikern (auch aus Hessen) bestimmt sind, in absehbarer Zeit nicht wagen. Jede Wette!

08.05.2015 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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