Benjamin Hessler/Christoph Schnee: Größer als im Fernsehen (Arte)

Bescheidene Witzigkeiten

17.04.2019 •

Bei dem Plan, einen gigantischen Freizeitpark in der nordhessischen Provinz zu eröffnen, kann es sich doch eigentlich nur um eine Schnapsidee handeln. Sollte man meinen. Aber seit Klaus Sterns hinreißendem Dokumentarfilm „Henners Traum – Das größte Tourismus-Projekt Europas“ (vgl. FK-Kritik) weiß man, dass es solch ein Vorhaben wirklich mal gegeben hat. Ob Drehbuchautor Benjamin Hessler sich durch Sterns Film zu seiner Komödie „Größer als im Fernsehen“ inspirieren ließ, ist nicht bekannt und tut letztlich auch nichts zur Sache. Jedenfalls erscheint dieser Freizeitpark hier gleich mehreren Bürgern der fiktiven Gemeinde Körstel wie ein Sechser im Lotto.

Bürgermeister Schulz (Gustav Peter Wöhler) wittert den dringend benötigten wirtschaftlichen Aufschwung und auch Lisa (Janina Fautz) wäre auf einen Schlag all ihre Sorgen los. Nach dem Tod ihres Vaters hat die 24-Jährige ihr erfolgloses Studium in Berlin abgebrochen und ist in ihr Heimatdorf zurückgekehrt, um dessen Kneipe zu übernehmen. Was sie nicht geahnt hat: Die Spelunke ist total überschuldet. Und mit alternativen Gastro-Konzepten, an denen sich Lisa versucht, sind die Dörfler auch nicht zu locken. Da kommt der Investment-Manager mit seinem Freizeitpark-Projekt wie gerufen. Schließlich liegt auch das Grundstück mit der Kneipe auf dem avisierten Areal und könnte entsprechend lukrativ verkauft werden.

Es gibt nur ein Problem: Das Eigenheim einer gut situierten älteren Dame namens Eleonore (Marie Anne Fliegel) liegt ebenfalls auf dem Stück ausgeguckten Land. Und die Dame hat partout keine Lust, ihr Heim zu verlassen. Durch Zufall entdeckt Lisa, dass Eleonore für Nico Hölter (Dennis Schigiol) schwärmt, einen Sänger, der bei einer Castingshow im Fernsehen mal groß rausgekommen ist, inzwischen aber nur noch bei Eröffnungen von Baumärkten und Möbelhäusern gebucht wird. Wenn Lisa es schafft, so lässt Eleonore durchblicken, Nico zu einem Privatauftritt in deren Haus zu überreden, ja, dann könnte sie sich das mit dem Grundstücksverkauf nochmal überlegen.

Autor Benjamin Hessler und Regisseur Christoph Schnee haben ihr Händchen für Komödien mit regionalem Einschlag in der Vergangenheit nicht nur bei der Serie „Mord mit Aussicht“ (ARD/WDR) unter Beweis gestellt. Ihre neue Zusammenarbeit bei diesem Fernsehfilm gelangt jedoch über ein paar gute Ansätze und nette Gags kaum hinaus. Das betrifft beispielsweise die Kritik am Boom der Castingshows, die hier wenig pointiert ausfällt. Dass die meisten der dort gekürten vermeintlichen Superstars kurz darauf wieder komplett von der Bildfläche verschwinden oder eben mit Auftritten bei Geschäftseröffnungen über die Runden zu kommen versuchen, ist ein alter Hut. Und sonderlich originell ist Nicos Auftritt vor drei schmachtenden Teenagern im Möbelhaus auch nicht inszeniert. Dass der Barde seine Geschichte (und damit einen Großteil des Films) quasi rückblickend erzählt, während er irgendwo am Strand als Teilnehmer einer Show namens „Abgestürzt“ hockt, kann man hingegen als gelungene Persiflage auf die zunehmend hemmungslose Resteverwertungsstrategie à la Dschungelcamp sehen.

Ansonsten werden da zahllose, bescheidene Witzigkeiten aneinandergereiht. Während Lisa in Berlin im Internet ihre miserablen Klausurnoten einsieht, veranstaltet ein Paar im Nachbarzimmer enormes Beischlafgetöse. Als Lisa dann später Nico am Bahnhof von Körstel abholt, hält sie ein großes Pappschild mit seinem Namen hoch, obwohl sie erwartbar die einzige Person am Bahnsteig ist und auch sonst niemand aus dem Zug aussteigt. Und die drei Zecher, die da regelmäßig am Tresen hocken, gegen den Turbokapitalismus wettern und sich hartnäckig weigern, ihre Deckel zu bezahlen, nötigen einem spätestens beim zweiten Auftritt nur noch ein müdes Lächeln ab. Zudem sind auch die Nebenfiguren wenig markant gezeichnet. Der Bürgermeister strahlt fast fortwährend über beide Backen und der Freizeitpark-Manager wird auf eine Knallcharge reduziert.

Komplett rätselhaft bleibt jedoch die Figur der Eleonore. Wobei deren Charakterisierung durch die Dorfbewohner, denen zufolge sie früher Haie erwürgt und mit Diktatoren geschlafen haben soll, noch halbwegs originell ist. Aber warum sitzt die elegante Frau jeden Abend mit einem Buch allein an einem Tisch in der schäbigen Dorfkneipe und verleibt sich schweigend mehrere Gläser Whisky ein? Wegen der drei anderen tumben Stammgäste doch wohl kaum. Und da Geld bei ihr offenbar keine Rolle spielt: Warum bucht sie Nico nicht einfach für ein Privatkonzert, wo sie dessen Gage doch locker aus der Portokasse zahlen könnte? Und was soll der vermeintliche Gag, dass der Sänger, wenn schon nicht nackt, dann höchstens in Unterhosen vor ihr auftreten soll?

So plätschert dieser vom Hessischen Rundfunk (HR) produzierte, vorab bei Arte ausgestrahlte ARD-Fernsehfilm bis zum Happy-End allenfalls mäßig unterhaltsam dahin, wobei auch die Spielerei mit mehreren Zeitebenen dem Geschehen keine besonderen Glanzlichter aufsetzt. Alles in allem war’s ein netter, aber letztlich wenig überzeugender Versuch, Provinzkomödie mit ein bisschen Kritik am Kommerzfernsehen zu verbinden. (Im Ersten Programm der ARD wird der Film am 29. Mai um 20.15 Uhr ausgestrahlt.)

17.04.2019 – Reinhard Lüke/MK