Daniel Speck/Gregor Schnitzler: Bella Germania. 3‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Emotionalität, Opulenz, Herzkino

31.03.2019 •

Bei dem dreiteiligen ZDF-Fernsehfilm „Bella Germania“ handelt es sich um eine drei Generationen umfassende deutsch-italienische Familiengeschichte, die zwischen den Jahren 1954 und 2013 spielt. Ihr liegt der im Jahr 2016 erschienene gleichnamige Roman von Daniel Speck zugrunde, der für die viereinhalbstündige Filmversion auch das Drehbuch verfasste (Produktion: Bavaria Fiction). Es geht um Begegnungen von Deutschen und Italienern und die Turbulenzen, die sich aus dem Aufeinandertreffen ihrer unterschiedlichen Lebensstile ergeben. Das Ganze wird erzählt in den drei Teilen unten den Kapitelüberschriften „L’amore – die Liebe“, „Il destino – das Schicksal“ und „Il segreto – das Geheimnis“.

Als zeithistorischer Hintergrund dient die Anwerbung italienischer Gastarbeiter, die ab Mitte der 1950er Jahre in die Bundesrepublik kamen. Doch beginnt die Geschichte mit einer Reise in umgekehrter Richtung: Der deutsche Ingenieur Alexander fährt in dienstlichem Auftrag von München nach Mailand mit dem Ziel, für sein Unternehmen BMW bei der italienischen Firma Iso eine Lizenz für deren Modell Isetta zu erwerben, das BMW für den deutschen Automobilmarkt produzieren will. Dabei verliebt Alexander sich in die italienische Dolmetscherin Giulietta.

Die Schauplätze des Films sind München, Mailand und Turin sowie ein Dorf in Sizilien. Aber es geht nahezu ausschließlich um deutsche Nachkriegsgeschichte. Sie spiegelt sich in den familiären Krisen und Konflikten, bei denen insbesondere folgenreiche Schwangerschaften eine bemerkenswert große Rolle spielen. Die politische Zeitgeschichte wird im Grunde genommen nur zitiert; sie dient vor allem dazu, dem jeweils geschilderten Zeitraum historische Patina zu verleihen. So verwendet der Dreiteiler beispielsweise nur wenig (bis gar keine) Filmzeit, um die gesellschaftspolitischen Ursachen und Hintergründe für bestimmte Erscheinungsformen und Entwicklungen darzustellen. Die reichen von der Tatsache, dass viele Italiener, die zunächst als Gastarbeiter angeworben wurden, sich bald mit eigenen Familienbetrieben in Deutschland selbständig machten, bis hin zur Thematisierung der linksradikalen Protestszene der 68er Jahre.

So erscheint etwa der Feinkostladen in München als gut funktionierender Dreh- und Angelpunkt des italienischen Familienclans ebenso schnell und voraussetzungslos auf der Bildfläche wie an anderer Stelle die linke Studenten-WG zur Keimzelle für politische Gewalttaten wird. Ausführlich dagegen schildert der Film die Genese allen Glücks und Unglücks, das den Protagonisten privat widerfährt. In dieser Sphäre entscheidet sich ihr Lebensschicksal; das Zusammentreffen der Kulturen manifestiert sich in der Liebe: Ein Mann steht da im Beziehungskonflikt zwischen zwei Frauen, die eine Italienerin, die andere Deutsche, und eine Frau ist hin- und hergerissen zwischen zwei Männern – der eine Italiener, der andere Deutscher. So sind eben die Gepflogenheiten in diesem Filmgenre, das man mögen muss. Das ZDF-Label dafür lautet „Herzkino“.

Die Erzählung setzt in der Gegenwart ein, mit Julia Becker (Natalia Belitski), die einen Auftritt bei einer Modepräsentation verpatzt, weil sie plötzlich von der Erinnerung an ein traumatisches Kindheitserlebnis eingeholt wird, das sie sich nicht erklären kann. Den Schlüssel dazu liefert der nach der Veranstaltung auftauchende, ihr bis dahin unbekannte Großvater Alexander (Joachim Bißmeier; als junger Mann dargestellt von Christoph Letkowski). Im Gespräch mit ihm wird nun in mehreren Etappen die Vorgeschichte filmisch erzählt. Und dann am Schluss, gegen Ende des dritten Filmteils, wird auch die Kindheitserinnerung, die Julia so aus der Fassung gebracht hat, aufgelöst.

Weitere wichtige Figuren sind Julias Großmutter Giulietta (Silvia Busuioc), deren Geschichte auch eine Emanzipationsgeschichte ist, Großonkel Giovanni (Alessandro Bressanello; als junger Mann gespielt von Denis Moschitto), der eine Einwanderergeschichte vertritt, und Julias Vater Vincenzo Marconi (Stefan Kurt; als junger Mann verkörpert von Kostja Ullmann). Dessen individuelle Geschichte hat tragische Züge, die jedoch in diesem Erzählzusammenhang eher ‘weich’ gezeichnet werden. Im Fokus steht vielmehr der schlussendlich geglückte Neuanfang einer Vater-Tochter-Beziehung zwischen Vincenzo und Julia. Für Julia hat die Rekonstruktion ihrer Familiengeschichte, zu der sie sich aufgemacht hat, auch eine therapeutische Dimension, denn sie kann nunmehr angstfrei auf die Modenschau-Bühne treten: Zukunft braucht eben Herkunft (so der vielzitierte Titel eines philosophischen Buchs von Odo Marquard, das allerdings diesen Zusammenhang eher ideengeschichtlich als biologisch betrachtet).

Den vielseitigen Verwicklungen in der Handlung entspricht eine Erzählweise, die immer wieder zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart (also 2013) angesiedelt ist, hin- und herspringt. Es ist bemerkenswert, wie gut es dem von Gregor Schnitzler inszenierten Film gelingt, diese Zeitsprünge zu bewältigen. Der Dreiteiler beherrscht sein Genre „Herzkino“, auch in seiner Bildersprache, denn die Bilder zeigen viel Emotionalität und Opulenz. Dabei schießen sie allerdings gelegentlich über ihr Ziel hinaus: Im Bemühen, das jeweilige Zeitkolorit möglichst typisch einzufangen, gerinnen sie so manches Mal zu recht abgenutzt wirkenden Klischees. Die Liebesthematik des Films wird immer wieder durch die Verwendung der Farbe Rot symbolisiert: rote Schule, rotes Kleid, rote Handschuhe und ein rotes Cabrio, das freilich Giulietta im Augenblick höchsten Glücks den Tod bringt.

31.03.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK