Polen: Der US-Konzern SNI übernimmt die TVN-Gruppe

10.04.2015 •

10.04.2015 • Der US-amerikanische Medienkonzern Scripps Networks Interactive (SNI) wird neuer Mehrheitseigner der polnischen Mediengruppe TVN. Damit wechselt erstmals in Polen einer der drei führenden Fernsehveranstalter den Besitzer. SNI setzte sich dabei überraschend gegen drei prominente Mitbewerber durch: gegen die US-Unternehmen Time Warner und Discovery und die deutsche Bauer Media Group. Bauer ist in Polen im Radio- und Zeitschriftengeschäft führend.

TVN gehört mit dem öffentlich-rechtlichen polnischen Fernsehen TVP und dem kommerziellen Konkurrenten Polsat zu den drei großen TV-Anbietern im Land. Im Jahr 2014 erreichte die TVN-Gruppe mit ihren zwölf TV-Programmen einen Marktanteil von insgesamt 20,9 Prozent. Zu den Sendern des Unternehmens gehören neben dem Hauptprogramm TVN mit einem Marktanteil von 11,7 Prozent unter anderem TVN 7 (früher RTL 7) mit 3,5 Prozent Marktanteil sowie der Nachrichtenkanal TVN 24.

Wie am 16. März mitgeteilt wurde, übernimmt Scripps Networks Interactive durch seine britische Tochtergesellschaft Southbank Media für 584 Mio Euro zu 100 Prozent die niederländische Investmentgesellschaft N-Vision. Über ihr Tochterunternehmen Polish Television Holding (PTH) hält N-Vision 52,7 Prozent der Anteile an der TVN-Mediengruppe. Zuvor hatte sich N-Vision und damit das Mehrheitsaktienpaket an TVN zu 53,2 Prozent im Besitz der polnischen ITI-Mediengruppe und zu 46,8 Prozent im Besitz des französischen Fernsehanbieters Canal plus befunden. Im Oktober 2014 hatten ITI und Canal plus beschlossen, die TVN-Mediengruppe zu verkaufen.

840 Mio Euro Schulden übernommen

SNI hat bei dem Deal auch die Schulden der Polish Television Holding und von TVN in Höhe von insgesamt 840 Mio Euro übernommen. Der TVN-Vorstandsvorsitzende Markus Tellenbach wertete die Vereinbarung mit dem US-amerikanischen Medienkonzern als „Ausdruck der Anerkennung der harten Arbeit und des Engagements aller TVN-Mitarbeiter bei der Schaffung des größten und bekanntesten Medienunternehmens in Polen“. Der 54-jährige Schweizer – der früher unter anderem für den deutschen Fernsehsender Vox und für die Kirch-Gruppe arbeitete – steht seit 2009 an der Spitze der TVN-Gruppe.

„Scripps Networks Interactive, ein Familienunternehmen mit einer 140-jährigen Geschichte auf dem Medienmarkt, ist der ideale Partner für die TVN-Gruppe und alle interessierten Aktionäre“, erklärte ITI-Präsident Bruno Valsangiacomo zu dem Verlauf von TVN. Der Schweizer Banker hatte 1991 zusammen mit den polnischen Unternehmern Mariusz Walter und Jan Wejchert (der 2009 verstarb) die ITI-Mediengruppe gegründet. Heute befinden sich die ITI-Aktien im Besitz von Bruno Valsangiacomo (23 Prozent), Mariusz Walter (30 Prozent) und Aldona Wejchert, der Witwe Jan Wejcherts, die mit 46 Prozent über den größten Anteil verfügt.

Im Jahr 1997 war die ITI-Gruppe in den polnischen Fernsehmarkt eingestiegen. Damals gründete sie das nach westlichem Vorbild unterhaltungsorientierte Programm Telewizja Nowa („Neues Fernsehen“), kurz TVN. 2011 wurde Canal plus (Vivendi) strategischer Partner von ITI; 2013 übernahm der französische Konzern mit 51 Prozent der Aktien den Mehrheitsanteil an der gemeinsamen Pay-TV-Satellitenplattform nc plus. Sie ist heute nach Cyfrowy Polsat der zweitgrößte Pay-TV-Anbieter in Polen.

Stärkung der internationalen Position

Kenneth W. Lowe, der Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzende von Scripps Networks Interactive, sagte zum Einstieg seines in Knoxville (Tennessee) ansässigen Unternehmens in den polnischen Fernsehmarkt: „Die Transaktion wird zu einem wichtigen Schritt bei der ständigen strategischen Verstärkung unserer internationalen Position.“ SNI hat sich 2008 vom Medienkonzern E.W. Scripps Company abgespalten. Dieses Unternehmen war 1878 vom Verleger Edward W. Scripps (1854 bis 1926) gegründet worden. Es befindet sich wie SNI noch im Besitz der Familie Scripps. Scripps Networks Interactive entstand 2008 aus dem Kabelfernseh- und Internet-Bereich des Scripps-Konzerns. Zu SNI gehören vor allem Lifestyle-Spartenkanäle wie HGTV, The Food Network und der Travel Channel. Im Jahr 2011 stieg SNI in Europa ein und erwarb in Großbritannien 50 Prozent der UKTV-Gruppe, an der auch die BBC beteiligt ist.

Die Vereinbarung, dass SNI über Southbank Media mehrheitlich bei der TVN-Gruppe einsteigt, bedarf noch der Zustimmung der Kartellbehörden in Polen und Großbritannien und der polnischen Rundfunkaufsichtsbehörde KRRiT. Hier werden jedoch nach Lage der Dinge keine Schwierigkeiten erwartet.

10.04.2015 – me/MK

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