Zurück zu erwachsenem Journalismus

02.01.2018 • «Ich glaube, dass es kein Leitmedium mehr gibt seit geraumer Zeit. Bei mir stelle ich sogar fest, dass ich den gedruckten „Spiegel“ in letzter Zeit wieder etwas häufiger kaufe, vielleicht weil sich eine Repolitisierung in diesem Land ergeben hat und der „Spiegel“ übrigens, was die Texte anlangt, weder besser noch schlechter geworden ist – er ist eben nur noch ein Blatt unter vielen. Deswegen wird er heute anders wahrgenommen als 1985 oder 1965. Ich glaube, wenn ich den professionellen Journalisten einen Rat geben dürfte, unerbeten, ist es, sich wirklich auch auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren und solche Marken wie „Bento“ und „Spiegel Daily“ und das, was andere Blätter machen, wirklich sein zu lassen. Das führt zu einer Infantilisierung des Journalismus, der insgesamt wahrlich nicht schlechter geworden ist in Deutschland in den letzten Jahrzehnten. Aber es wird so wahrgenommen, dass es sehr viele Spielwiesen gibt, die es mit dem Publikum nicht mehr richtig ernst meinen. Also, mein Plädoyer ist: Zurück zu erwachsenen Medien, zu erwachsenem Journalismus, bei aller Liebe für Schülerzeitungen und den Kinderkanal, die ihre große Berechtigung haben, aber da findet mir zu sehr eine Vermischung statt. Der größte Scoop im letzten Jahr, fand ich, war diese Printausgabe von Jan Böhmermann, die er „Printo“ genannt hat und die ein, sag ich mal, ein Prank gegen „Bento“ war. Wenn ich das hier zitieren darf, ein kleines Zitat, ich weiß gar nicht, ob man das beim Deutschlandfunk darf: „Qualitätsjournalismus oder Arschfick – was ist geiler? ‘Bento’-Reporterin Miriam hat’s ausprobiert.“ Das finde ich ganz gut getroffen, das ist so der Ton, diese Ranschmeiße an ein jugendliches Publikum, bei dem der „Spiegel“ glaubt: ‘Wir bauen da so eine Generationskette auf und die kommen dann nachher vielleicht zum Print-„Spiegel“’ – das wird nicht passieren. Also, da wäre mein Ratschlag: In Teilen ein Rückzug in Würde und Ehren.»

Lutz Hachmeister, Direktor des Kölner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM), im Deutschlandfunk-Medienmagazin „@mediasres“ am 1. Januar 2018 in einem Medienjahresrückblickgespräch mit Moderatorin Brigitte Baetz

02.01.2018 – MK