Vom Filmpaten zum großen Zampano: Die ZDF‑Dokumentation über Leo Kirch ist von einem milden Blick geprägt

13.12.2017 • Wenn es um Leo Kirch geht, der seine Karriere einst als Filmhändler begann, dann liegen Vergleiche mit Filmfiguren nahe. Im 2002 erschienenen Buch von Thomas Clark über Kirch besagte bereits der Titel „Der Filmpate“, dass Clark ihn mit Don Vito Corleone vergleicht, der in Francis Ford Coppolas Kinoklassiker „Der Pate“ von Marlon Brando dargestellt wurde. In der dreiviertelstündigen Dokumentation, die Michael Jürgs zusammen mit Berthold Baule für das ZDF realisierte und die am Dienstag (12. Dezember) um 22.45 Uhr ausgestrahlt wurde, weist ebenfalls der Titel auf eine Filmfigur hin, mit der Kirch eine gewisse Ähnlichkeit verbinden soll: „Der große Zampano“, so nennt sich der fahrende Jahrmarktartist, den Anthony Quinn in Fellinis Spielfilm „La Strada“ spielte.

Der Wechsel vom „Paten“ zum „Zampano“ ist nicht zufällig. In den Jahren nach dem Zusammenbruch des Kirch-Konzerns im Frühjahr 2002 hatte man ja dank des folgenden Insolvenzverfahrens erstmalig einen gewissen Einblick in das verschwiegene Imperium bekommen, was eine kritische Bilanz nicht nur seiner Geschäfte, sondern auch seiner politischen und wirtschaftlichen Tricks ermöglichte. Damals erschien Leo Kirch als der große Strippenzieher, der nicht nur Film- und Fernsehproduzenten, Redakteure und Intendanten tanzen ließ, sondern auch so manchen Politiker. Die Fernsehdokumentation des Journalisten Michael Jürgs (Baule war für die visuelle Gestaltung zuständig) versucht im Abstand der Jahre – auch zum Tod von Leo Kirch im Jahr 2011 – die Gesamterscheinung dieses Mannes zu würdigen. Der Blick ist milder gestimmt, arbeitet die Widersprüche und Gegensätze des Charakters Kirch und seiner Handlungen heraus und endet in einer melancholischen Beschreibung des Niedergangs, so wie Zampanò am Ende des Fellini-Films erkennen muss, dass er in der wohl wichtigsten Begegnung seines Lebens versagt hat.

Dieser Ansatz der Dokumentation ist legitim. Tatsächlich gelingt es Jürgs, mittels vieler Interviews mit (ausschließlich) Männern, die mit Kirch zusammenarbeiteten oder ihm als Konkurrenten gegenüberstanden, ein facettenreiches Bild von Kirch zu zeichnen. Nichts daran ist neu, wenn man einmal von der Schlusspointe des Films absieht, auf die noch zurückzukommen sein wird. Alles das konnte man in den zahlreichen Publikationen lesen, die seit 1976, als der „Spiegel“ in einer legendären Titelgeschichte zum ersten Mal auf den Filmhändler Kirch und dessen Einfluss besonders im ZDF hingewiesen hatte, erschienen sind. Aber Jürgs hat diese diversen Informationen gut und meist auch sachgenau verdichtet. Deutlich wurde die für die junge Bundesrepublik typische Aufsteigerbiografie eines Mannes, der – 1926 geboren – zur Flakhelfergeneration gehörte, der also noch im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkriegs zur Wehrmacht eingezogen wurde, der dann nach dem Krieg sich als Unternehmer seiner selbst begriff, der mit allem nur Möglichen handelte, bis er ein erstes Filmrecht kaufte – nämlich das für jenen Film „La Strada“, von dem sich Jürgs seine Vergleichsfigur borgte.

Die desillusionierte Flakhelfergeneration war nicht zynisch, aber sie verstand das Leben und die Wirtschaft als ein Spiel, in dem man hasardieren kann und muss. Kirch arbeitete stets unter hohem Risiko, alle seine großen Geschäfte waren nur möglich, weil ihm erst Privatleute und später viele Banken enorm hohe Kredite zu Verfügung stellten. Jürgs erinnerte daran, dass Kirch bereits 1960 einen ersten Konkurs hingelegt hätte, wäre es ihm nicht in letzter Minute gelungen, ein Filmpaket an die ARD zu verkaufen. Und sein Imperium krachte 2002 zusammen, als der Springer-Verlag eine Verkaufsoption bezüglich der Pro Sieben Sat 1 Media AG zog, was bedeutete, dass Kirch in diesem Moment die Aktien zu einem extrem überteuerten Preis zurückkaufen musste, was ihn als Folge dessen zugleich die letzten Sicherheiten kostete, nämlich seinen Anteil an Springer-Aktien. Des Satzes, den kurze Zeit später der damalige Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer in eine Fernsehkamera sagte, dass „der Finanzsektor“ nicht mehr bereit sei, dem Medienunternehmen weitere Kredite zu Verfügung zu stellen, hätte es gar nicht mehr bedurft, um den Absturz von Leo Kirch auszulösen. (Der Satz kostete die Deutsche Bank am Ende über 800 Mio Euro, von denen sie sich einen Bruchteil von ihrem ehemaligen Vorstand Breuer zurückholte.)

Wie es Leo Kirch gelang, für seine riskanten, oft überteuerten Einkäufe immer wieder Kredite zu erhalten und als Sicherheit dafür seinen Stock an Film- und Serienrechten anzubieten, der sich am Ende als bei weitem nicht so wertvoll erwies, wie er ihn den medienunerfahrenen Bankern stets dargestellt hatte, erfuhr Jürgs nicht. Denn die Omertà, das Schweigegebot, das auch die Mafia des Don Corleone in „Der Pate“ kannte, gilt ebenfalls für die ehemals leitenden Mitarbeiter des Kirch-Konzerns. Viele von ihnen wollten Jürgs für seine Dokumentation (Produktion: Ziegler Film) keine Auskunft geben und die, die wie Thomas Haffa oder Bodo Scriba vor der Kamera sprachen, steuerten eher Anekdoten zur Person Kirch bei als Informationen zu seinen Geschäftspraktiken.

Dass Jürgs die Widersprüche in den Aussagen beider nicht aufdeckte, ist allerdings verblüffend. „Wie“, hätte er beispielsweise Scriba fragen können, „hat denn Leo Kirch darauf reagiert, als Sie, werter Herr Scriba, als Erster und als Letzter aus der Führungsriege einmal Auskunft vor einer EU-Kommission über den Konzern gegeben hatten?“ Und Haffa hätte er niemals die sinngemäße Behauptung durchgehen lassen dürfen, dass er seit der Gründung der Lizenzhandelsfirma EM-TV nichts mehr mit Kirch zu tun gehabt habe. Denn ein Teil jener Tricks, mit denen der Aktienkurs des Haffa-Unternehmens einst in unendliche Höhen geschraubt worden war, konnten nur mit Hilfe von Leo Kirch durchgeführt werden.

Das Filmporträt ist als Presenter-Reportage angelegt, so dass man oft auch Michael Jürgs betrachten kann, etwa wie er durch den Geburtsort von Kirch schlendert oder wie er mit den Prominenten der Medienbranche über Kirch parliert. Das ist insofern merkwürdig, als diese Überpräsenz von Jürgs in entscheidendem Gegensatz zu dem Objekt seiner Betrachtung steht: Leo Kirch machte sich in der Öffentlichkeit extrem rar, so dass auch dieser Film auf jene seltenen und  bekannten Bilder zurückgreifen muss, auf denen Leo Kirch verewigt ist. Vielleicht basierte sein Erfolg genau darauf, dass sich Kirch in einer so eitlen und selbstbezogenen Branche stets im Hintergrund hielt und von dort seine Strippen zog.

Ans Ende hatte Michael Jürgs die einzige neue Information platziert. Er hatte sie insofern gut vorbereitet, indem er zuvor mehrfach eine Charakterisierung des ehemaligen ZDF-Intendanten Dieter Stolte aufgegriffen hatte, dass Leo Kirch ein „sehr gläubiger Katholik“ sei. Denn am Schluss seines Films (1,37 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,4 Prozent) zeigte Jürgs das Foto eines Mannes, der wohl ein unehelicher Sohn von Leo Kirch ist und von dem man bislang nichts wusste. Was Jürgs da machte, hatte etwas Rechthaberisches an sich, als sollte der Glaube Kirchs dadurch in Zweifel gezogen werden. Aber auch der tiefste Glaube schützt vor der Sünde nicht.

13.12.2017 – Dietrich Leder/MK