Netflix startet deutsches Videostreaming‑Angebot

19.09.2014 •

Anlässlich seines Starts in Deutschland am 16. September hatte der US-amerikanische Videostreaming-Anbieter Netflix in Berlin eine ganze Wohnung hergerichtet. Die typische Netflix-Familie sollte in Form von Profilen simuliert werden: Zwei Mitarbeiter führten durch die Räume und zeigten, wie Papa Arthur im Wohnzimmer „House of Cards“ schaut und seiner Frau Lucia die preisgekrönte US-Serie empfehlen könnte, indem er seiner Gattin einen Hinweis auf ihren Fernseher im Schlafzimmer sendet. Wie der 17-jährige Sohn Till in seinem Zimmer über die Playstation über Netflix Serien guckt und wie die sieben Jahre alte Tochter Jolina sich auf dem Tablet durch das Kinderangebot des Streaming-Anbieters wühlt. Die Botschaft von Netflix: Für jeden ist das Passende dabei.

In einer Familie können vier Personen Netflix aber nur gleichzeitig nutzen, wenn das teuerste Abonnement gewählt wird: Für 11,99 Euro pro Monat kann auf bis zu vier Bildschirmen parallel geschaut werden, auch in HD und – zumindest wer ein dazu fähiges Fernsehgerät zuhause hat – in Ultra HD. Dafür sollte jedoch nicht nur der Schirm ultrahochauflösende Bilder liefern können, sondern auch die Internetleitung eine Bandbreite von mindestens 20 Mbit/s haben. Wer mit weniger Bildschirmen und Pixeln auskommt, kann Netflix auch für monatlich 7,99 Euro abonnieren (nur auf einem Gerät und nur in Standardauflösung kann geschaut werden) oder für 8,99 Euro (zwei Bildschirme, Filme und Serien in HD). Dafür reichen dann auch DSL-Verbindungen mit 3 bzw. 5 Mbit/s.

„Es geht nicht darum, einen deutschen Kanal aufzubauen“, sagte Netflix-Manager Neil Hunt in Berlin, „sondern 50 Millionen Kanäle für 50 Millionen Kunden.“ So viele Abonnenten hat Netflix derzeit in 47 Ländern, in denen das Unternehmen bisher vertreten ist. Hunt ist Chief Product Officer des im kalifornischen Los Gatos ansässigen Streaming-Anbieters. Für das deutsche Angebot sind nun die Benutzeroberfläche übersetzt, Untertitel geschrieben und – ganz wichtig – das Lastschriftverfahren als Bezahlungssystem hinzugefügt worden. Im Gegensatz zu allen anderen Ländern stünden die Verbraucher in Deutschland nicht so sehr auf Zahlungen per Kreditkarte, so Hunt.

Nutzungsdaten als Treibstoff

Doch viel wichtiger als die Bezahlmethode ist für Netflix sowieso das Datensammeln – und dieser Job hat hierzulande mit dem Start am 16. September erst richtig begonnen. Netflix ist eine Datenfirma, deren Algorithmen gefüttert werden wollen. Das ist der Treibstoff des Unternehmens. Schon vor dem Start hat Netflix diverse Daten gesammelt, um die Zuschauer in Deutschland besser zu verstehen: Bewertungen von Filmen und Serien im Netz, Zugriffszahlen auf illegale Streaming-Plattformen und Analysen von Werbevermarktern. Nun geht es darum, genau zu erfassen: Wer guckt bei Netflix was wie lange? Und wann? Ziel ist es, jedem Abonnenten genau solche Inhalte prominent anzuzeigen, die er mag – auch wenn er noch gar nicht weiß, dass er sie mag.

„Die Zuschauer in Deutschland sagen uns, was sie mögen“, sagt Ted Sarandos. Er ist bei Netflix für die Inhalte zuständig, kauft Film- und Serienrechte ein. Im Moment biete Netflix noch eine Art „repräsentativen Ausschnitt“ dessen, was den Menschen in Deutschland wohl gefallen könnte, so Sarandos. Doch mit den Daten, die ab jetzt erhoben werden, kann Netflix feststellen, welche Inhalte fehlen. In einem Jahr werde man deshalb ein doppelt so großes Angebot vorweisen können, verspricht Sarandos.

Im Moment versucht Netflix vor allem mit eigenproduzierten Serien zu punkten: „Orange is the New Black“, „Hemlock Grove“ und „Bojack Horseman“ werden über Netflix erstmals in Deutschland zu sehen sein. Bald sollen weitere Eigenproduktionen folgen. Zusätzlich im Angebot sind diverse weitere US-Serien und -Filme, die aber hier und da schon angeboten wurden. Netflix offeriert auch deutsche Produktionen. Hier sticht bislang recht wenig heraus: Die Serien „Stromberg“, „Pastewka“ und „Der Tatortreiniger“ sowie Til Schweigers Filme „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“ abrufen zu können, sind nette Möglichkeiten, mehr nicht.

„Wir möchten einen guten Start – und dann noch besser werden“, sagt Reed Hastings, der Chef und Gründer von Netflix. Dafür würden alle möglichen Serien permanent beobachtet: Was kosten die Rechte? Wie viele Abonnenten könnten die Serie mögen? Und wie viele neue Kunden ließen sich durch ihren Einkauf hinzugewinnen? Sobald erwartete Reichweite und der Rechtepreis zusammenpassen, schlägt Netflix zu.

Daten sammeln, die auswerten, passende Inhalte einkaufen und diese verbreiten – das ist das Geschäftsmodell von Netflix. Und derzeit scheint das keinem anderen Unternehmen nur annähernd so gut zu gelingen. Dass derlei Sammelleidenschaft in Deutschland nicht bei allen gut ankommt, weiß Technikchef Hunt, aber er versichert: „Wir verkaufen keine Daten – nicht um Werbung zu generieren noch für sonst irgendwas.“ Die Daten sollten nur für das beste Nutzungserlebnis sorgen. Außerdem lägen sie gut behütet auf Servern von Amazon in Irland. Ob diese Lagerung die Sorgen lindert, ist zu bezweifeln.

19.09.2014 – jük/FK

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