USA: Hintergründe zur Emmy-Nominierung der Netflix-Serie „House of Cards“

02.08.2013 •

In den hermeneutischen Disziplinen sollte es selbstverständlich sein – und doch sehen sich Wissenschaftler immer wieder bemüßigt, daran zu erinnern, dass, wie beispielsweise Rainer Leschke schreibt, „die Verkündung von Medienrevolutionen stets mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden“ sollte. Denn eine solche Proklamation wird zumeist getätigt, um sich genauere historische Untersuchungen zu ersparen. Die hier gemeinte Revolution hat keine Vorgeschichte, bleibt in der Regel bloße Behauptung und macht die Argumentation einfach, weil sie keine Belege erfordert.

Genau dieses Verfahren ist im Journalismus gängige Praxis. Eine Nachricht – englisch: „News“! – verkauft sich besser, wenn ihr Inhalt als in übertragenem Sinne revolutionär, als voraussetzungslose Neuerung hingestellt werden kann. Viele freiberufliche Journalisten dürften dieses Moment bereits verinnerlicht haben: Texte, die das Unerhörte, nie Dagewesene thematisieren, lassen sich leichter absetzen als solche, die ein Phänomen historisch und gründlich einordnen. Das wäre sachlich korrekt. Aber langweilig.

Revolutionen sehen anders aus

Behauptete (Medien-)Revolutionen können zu Medienlegenden werden und werfen erneut verkaufsträchtige Texte ab, wenn sich der Jahrestag einer solchen Premiere feiern lässt. Auf diese Weise kursiert zum Beispiel bis heute, dass „Je später der Abend“ (gestartet im Dritten Fernsehprogramm des WDR) Deutschlands erste Talkshow war, dass der damalige RTL-Chef Helmut Thoma die „werberelevante“ Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen erfunden habe, dass Deutschlands erste Discothek in Aachen stand. Jüngst feierte „welt.de“ die Unterhaltungssendung „Frauentausch“ (RTL 2) als Deutschlands „älteste Dokusoap“. Alles falsch, alles leicht zu überprüfen. Aber, liebe Leserschaft, dies ist keine Wissenschaft, sondern Journalismus: When the legend becomes fact, print the legend.

Gerade erst konnte man wieder Zeuge eines solchen Vorgangs werden. Es ging um einen Fernsehpreis in den USA. In dem Zusammenhang war, zum Beispiel in einer Überschrift der „Offenbach-Post“, wörtlich von einer Revolution die Rede: „Revolution bei den Emmys: Das gab’s noch nie“. Und auf der Webseite der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ): „Revolution bei den Emmys: Erstmals Internetserie nominiert“. „Spiegel Online“ meldete: „Die Netflix-Serie wurde als erste Serie, die nur über das Internet ausgestrahlt wurde, nominiert.“ Und schon bewegen wir uns im Bereich der Falschinformation.

In den zitierten Texten, die im Kern auf die Nachrichtenagentur dpa zurückgehen, ist die Rede von der US-Fernsehserie „House of Cards“. Genauer gesagt vom Remake. Denn ursprünglich, das heißt 1990, war „House of Cards“ ein (später fortgesetzter) Vierteiler der britischen BBC, der in Deutschland unter dem Titel „Ein Kartenhaus“ 1992 im Ersten ausgestrahlt wurde. Die Romanvorlage stammt von Michael Dobbs. Er und der britische Drehbuchautor Andrew Davies erhielten bei der amerikanischen Neuproduktion jeweils den Titel eines Executive Producers.

Die US-Version von „House of Cards“ wurde in den Vereinigten Staaten von keinem Fernsehsender mit klassischer Programmstruktur, sondern von dem Web-Filmanbieter Netflix im Streaming-Verfahren (Video-on-Demand) distribuiert. Daraus resultierte dann, was man bei wohlwollender Interpretation ein Missverständnis nennen könnte und was in folgendem Satz mündete, der, da er in vielen Medien wortgleich erschien, wohl von der dpa stammen dürfte: „‘House of Cards’ mit Kevin Spacey ist im herkömmlichen Sinne kein Fernsehen.“

„Created for Television“

Es ließe sich trefflich darüber philosophieren, was Fernsehen im herkömmlichen Sinne ist, aber begnügen wir uns mit den Fakten. Die Rechte an „House of Cards“ (US-Produktion) wurden von der unabhängigen Produktionsfirma Media Rights Capital (MRC) erworben und zum Paket geschnürt: Beau Willimon wurde als Hauptautor angeworben, David Fincher als Regisseur des Pilotfilms sowie Koproduzent, Kevin Spacey als Hauptdarsteller und Koproduzent, wobei Spacey zudem mit seiner eigenen Produktionsfirma Triggerstreet Productions beteiligt ist. Erst nach umfassenden redaktionellen und inhaltlichen Vorarbeiten wurde das Projekt zu Markte getragen. Mehrere Fernsehsender waren interessiert, darunter auch der weltweit operierende Pay-TV-Kanal HBO.

Die zunächst auf 26 Episoden angelegte Serie ging dann in den USA an den Meistbietenden, nämlich Netflix. Laut „Variety“ zahlte das Unternehmen 100 Mio Dollar für die Distribution auf dem US-Markt. Die Rechte für die DVD-Vermarktung und den Verkauf in weitere Länder blieben bei MRC und wurden an andere Partner veräußert. Darum läuft „House of Cards“ außerhalb der USA zumeist in gewohnter Manier im Fernsehen. Die Zuschauer werden keinen Unterschied bemerken, zumal die Serie, vergleicht man sie etwa mit „House of Lies“ (in Deutschland bei ZDFneo) oder „Scandal“, gestalterisch erstaunlich konventionell geraten ist. Die deutschen Erstausstrahlungsrechte an „House of Cards“ besitzt der Pay-TV-Sender Sky Atlantic, der über Sky Go auch einen Abruf per Computer, Apple-Geräte und Xbox ermöglicht.

Produktionsseitig verhält es sich also mit „House of Cards“ nicht anders als mit anderen Fernsehserien. Wie die Urheber selbst ihr Werk beurteilen, lässt sich dem Vorspann entnehmen: „Created for Television by Beau Willimon“, ist dort zu lesen. Eine markante Auffälligkeit gab es freilich bei der Vermarktung durch Netflix. Der Anbieter stellte alle 13 Folgen der ersten Staffel gleichzeitig zum Abruf zur Verfügung, eine Abkehr also von der konsekutiven Ausstrahlungsfolge klassischer Anbieter.

Der Hang zur Kurzfassung

Bleibt die Behauptung der revolutionären Entwicklung beim US-amerikanischen Fernsehpreis Emmy. Es gibt bekanntlich nicht nur eine Emmy-Verleihung, sondern deren mehrere, zum Beispiel die Primetime-Emmys, die Daytime-Emmys und die Internationalen Emmys. Die Veranstaltung mit dem größten Glamourfaktor ist die Vergabe der Primetime-Emmys, die in die Verantwortung der Academy of Television Arts & Sciences (ATAS) fällt. Im Bereich der von der Partnerorganisation National Academy of Television Arts & Sciences (NATAS) veranstalteten Daytime-Emmys werden nach einer entsprechenden Änderung der Statuten bereits seit 2006 Auszeichnungen auch für reine Internet-Produktionen vergeben. 2007 etwa waren Web-Dramaserien wie „Prom Queen“, „Sam Has 7 Friends“ und „Satacracy 88“ nominiert, im Bereich Comedy „Baxter & McGuire“, „Honesty“ und andere. Zu den Abspielkanälen gehörten die Webseiten etablierter Bezahlsender ebenso wie reine Internet-Anbieter wie MySpace.

Kurzum: Die US-Version von „House of Cards“ ist nicht die erste Internet-Erzählserie, die für einen Emmy nominiert wurde, und sie wäre im Erfolgsfall auch nicht die erste, die einen solchen Preis erhielte. Für die Geschichtsbücher: „House of Cards“ war die erste beim Internet-Streamingdienst Netflix uraufgeführte Erzählserie, die in der Kategorie „Outstanding Drama Series“ für einen Primetime-Emmy nominiert wurde. Netflix ist zudem mit „House of Cards“ sowie der Gefängnisserie „Orange is the New Black“, der Horrorserie „Hemlock Grove“ und der ursprünglich beim Network Fox (in Deutschland bei Comedy Central) beheimateten und von Netflix fortgeführten Dramedy „Arrested Development“ im diesjährigen Wettbewerb auch in anderen Kategorien vertreten (vgl. FK-Heft Nr. 30/13). Aber zugegeben: Das alles liest sich lange nicht so süffig wie „Revolution bei den Emmys“. Insofern kann man den Hang zur Kurzfassung schon verstehen.

 

• Text aus Heft Nr. 31/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

 

02.08.2013 – 2.8.13 – Harald Keller/FK