ARD stellt überarbeitete „Tagesschau“‑App vor

30.12.2016 •

Als zumindest in einer Hinsicht weltweit einmalig betrachten die Verantwortlichen von ARD-aktuell die neue Version ihrer „Tagesschau“-App, die sie am 14. Dezember 2016 in Hamburg vorstellten und die seither auch in Funktion ist. „Wir sind die ersten, die hochkantige und horizontale Videos als Alternative anbieten“, sagte Christian Nitsche, der Zweite Chefredakteur von ARD-aktuell, bei der Präsentation im Hamburger Schanzenviertel. Er bezog sich dabei auf die auffälligste Neuerung: Auf der Startseite der erstmals seit ihrem Start im Dezember 2010 überarbeiteten „Tagesschau“-App gelangt man zunächst zu einem automatisch startenden, bildschirmfüllenden Video, das im Hochkantformat zu sehen ist.

Diese Neuerung rührt daher, dass die ARD bei Nutzerbefragungen festgestellt hat, dass die meisten Nachrichtennutzer „keine Lust haben, ihr Handy zu kippen“, wie es Andreas Lützkendorf formulierte, der bei ARD-aktuell, angesiedelt beim NDR in Hamburg, Leiter des Bereichs ‘Strategie und Innovation’ ist. Dreht man das Handy dennoch, läuft das Video im Breitbildmodus weiter. Diese Option, so die ARD, gebe es sonst bei keinem Nachrichtenanbieter, auch nicht in Großbritannien bei der BBC, die seit kurzem auf Hochkantvideos setzt.

Ergebnisse von Nutzerbefragungen

Auf die Besonderheit des hochkantigen Formats hatte die ARD vorher in einer Social-Media-Kampagne mit auf den ersten Blick rätselhaften Filmchen aufmerksam gemacht, in denen „Tagesschau“-Sprecher Jens Riewa und „Tagesthemen“-Moderator Ingo Zamperoni mitwirkten. „Es verletzt nicht unsere Seriosität, wenn wir auf Social Media mal eine Aktion mit Augenzwinkern machen“, sagte Riewa bei der Präsentation der neuen „Tagesschau“-App.

Die Filme, die die Nutzer zu sehen bekommen, wenn sie die App anklicken, sind jeweils zwischen 12 und 15 Sekunden lang. Wer das Thema des ersten Kurzclips nicht interessant findet, kann gleich zum nächsten Video nach unten wischen. Tippt man auf dem Smartphone das jeweilige Bild an, bekommt man ausführliche Texte zu sehen. Öffnet man die App indes auf dem Tablet, wird der ausführliche Text sofort neben dem Video eingeblendet. Im Menüpunkt „Alle Nachrichten“ kann der Nutzer zudem entscheiden, ob er News chronologisch oder nach persönlichen Interessen sortiert bekommen möchte. „Gefiltert“ würden die Nachrichten aber nicht, sagt Andreas Lützkendorf. Jeder Nutzer habe Zugang zu allen Nachrichten. Neu ist auch, dass die „Tagesschau“-App mehr regionale Inhalte anbietet, die von den Redaktionen der ARD-Landesrundfunkanstalten geliefert werden.

Lützkendorf sagte in Hamburg, in die Gestaltung der App seien mehrere Ergebnisse der Nutzerbefragungen eingeflossen. Es gebe drei Nutzertypen: jene, die „einen kuratierten Überblick“ wünschten, jene, die alle Nachrichten sehen wollen, und solche, „die gezielt nach einem Thema suchen“. Christiane Krogmann, Leiterin von tagesschau.de, sieht die neue App als ein Beispiel dafür, dass Fernsehen und Online „noch weiter zusammenwachsen“. Das Format „Tagesschau in 100 Sekunden“, zu sehen beim ARD-Nachrichtenkanal Tagesschau24, und die Videos für die „Tagesschau“-App würden „aus einem Workflow“ produziert.

BDZV: Auch neue App problematisch

Christian Nitsche, der Zweite Chefredakteur von ARD-aktuell, erwähnte bei der Vorstellung der App in Hamburg auch den seit mehreren Jahren laufenden Rechtsstreit mit den Zeitungsverlagen, die die „Tagesschau“-App als „presseähnlich“ kritisieren. Auch der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) stuft dies so ein. Nitsche versuchte dabei auch, ein bisschen gut Wetter zu machen. „In einer Zeit, die bestimmt wird von Fake News, braucht es viele Qualitätsmedien, nicht nur die öffentlich-rechtlichen. Wir und die Verlage brauchen einander“, sagte Nitsche auf der Pressekonferenz. Zu den rechtlichen Aspekten der neuen Version der „Tagesschau“-App sagte er konkret, die Verleger hätten seit jeher gefordert, man müsse beim Öffnen der App erkennen, dass sie von einem Fernsehprogramm stamme. Genau das löse die neue Version ein. Die überarbeitete „Tagesschau“-App sei „ähnlich problematisch wie zuvor“, sagte dagegen Helmut Verdenhalven, ‘Head of Media Politics’ des BDZV, gegenüber der Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“.

Das Oberlandesgericht (OLG) Köln hatte nach mehreren Instanzen zuletzt im September den acht klagenden Verlagen Recht gegeben und anhand einer bestimmten Ausgabe der „Tagesschau“-App aus dem Juni 2011 das Angebot als unvereinbar mit den Vorschriften des Rundfunkstaatsvertrags erklärt. Gleichzeitig hatte das OLG eine Revision nicht zugelassen. Der zuständige NDR hat daher für die ARD eine Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundesgerichtshof eingelegt, um doch noch eine Revision zu erreichen (vgl. MK-Meldung). Die „Tagesschau“-App gibt es seit Dezember 2010. Seitdem wurde sie insgesamt rund 11 Mio Mal heruntergeladen.

30.12.2016 – rm/MK