Wenn ein Prominenter anklopft

Betrachtungen zur ARD-Reportage-Reihe „#Beckmann“

Von René Martens
12.06.2015 •

12.06.2015 • „Er gewährt uns nach wochenlangem Zögern ein Interview“ – das ist eine dieser angeberischen Floskeln, die man in Fernsehbeiträgen eigentlich nicht mehr hören will. Aber Reinhold Beckmann möchte man es beinahe durchgehen lassen, als er mit diesen Worten ein Gespräch mit dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis einleitet. Das Interview ist Teil des Films „Griechenland zwischen Urlaubsparadies und Albtraum“, der vierten Folge des vom NDR verantworteten Reportage-Formats „#Beckmann“, die das Erste Programm am 8. Juni ausstrahlte. Die Macher versuchten hier, unter anderem mit Hilfe der Gesprächsausschnitte mit Varoufakis, ein differenziertes Bild von der Lage in Griechenland zu zeichnen. Der Presenter Beckmann sprach auch mit Überlebenden des Massakers von Distomo, das die SS 1944 verübte, und mit Mitarbeitern eines Armenkrankenhauses, das Griechen ohne Krankenversicherung behandelt und auf Medikamentenspenden angewiesen ist.

„Griechenland zwischen Urlaubsparadies und Albtraum“ war der bisher beste Film der Reihe „#Beckmann“ – was allerdings kein allzu großes Kunststück war angesichts der Qualität der vorherigen Reportagen. Das Presenter-Format, produziert von der Firma Beckground, läuft seit dem 23. Februar, vorgesehen sind zehn 45-minütige Folgen pro Jahr. Den Auftakt machte „Unser Krieg? Deutsche Kämpfer gegen IS-Terror“ (vgl. MK 5/15). Die Regelsendezeit ist 20.15 Uhr. Der dritte Film der Reihe („Trauma Einbruch“, 27.4.) lief allerdings erst um 20.30 Uhr im Anschluss an einen „Brennpunkt“ über das Erdbeben in Nepal – und die aktuelle Folge kam nach einer Sondersendung zum G7-Gipfel. In letzterem Fall war der „Brennpunkt“ aber bereits eingeplant, weshalb die Griechenland-Reportage nur eine halbe Stunde lang war.

Einbruch, Wunderheiler, Drogenguru

Bei „#Beckmann“ arbeitet der Presenter mit dem Hashtag vor dem Nachnamen jeweils mit einem Koautor zusammen. Bisher kam als Beckmanns Partner zweimal Helmar Büchel zum Einsatz, bei der ersten und der vierten Folge. Er ist – so viel lässt sich sagen – ein produktiver Filmemacher. Von ihm gab es, jeweils bei Arte, neben den Reportagen für „#Beckmann“ im vergangenen halben Jahr noch „Kill Zone USA“ zu sehen, einen sehenswerten Dokumentarfilm über den Waffenwahn in den USA (Sendetermin: 2.12.2014), und den Beitrag „Im Sog der Salafisten“ (5.5.2015; Produktionsjahr 2013). Bei der „#Beckmann“-Folge „Trauma Einbruch“ fungierte Rainer Nadollek, studierter Kriminologe und Geschäftsführer der Eschnapur Medienproduktions GmbH, als Koautor, beim zweiten Film „‚Ich mache dich gesund!‘ – Scharlatane und falsche Helfer“ (23.3.) war es Tom Ockers.

Zum letzteren Film über die Wunderheiler lässt sich nur eines positiv vermerken: Die Recherchen des Filmteams trugen dazu bei, dass die Staatsanwaltschaft Solothurn Ermittlungen gegen „den Drogenguru von Lüsslingen“ einleitete, wie es der Zürcher „Tages-Anzeiger“ nach der Sendung formulierte. Das bezog sich darauf, dass ein Mitarbeiter der „#Beckmann“-Redaktion undercover Beweismaterial gegen einen Schweizer Wunderheiler gesammelt hatte, der Patienten die nicht legale Droge Ecstasy schlucken lässt.

Trotz der Düpierung eines „Drogengurus“: Die Wunderheiler-Reportage war in vielerlei Hinsicht unausgegoren. In dem Film wurden nur Einzelfälle aneinandergereiht, eine dramaturgische Idee war nicht zu erkennen. Rätselhaft war zuweilen die Bildgestaltung: Ein Interview mit einer Zeugin, die der erwähnte Schweizer „Drogenguru“ mehrere Jahre lang in sogenannter psycholytischer Therapie ausgebildet hatte, fand an einem Schiffsanleger statt. Als atmosphärische Einstimmung dienten Bilder eines Fischers, der gerade an Land zurückkehrte und seine Beute dort ablegte. Ein Bezug zum Thema des Films ließ sich da nicht erkennen. Formal gesehen, war der Film über die Wunderheiler nicht einmal eine Presenter-Reportage, die typischen Elemente – ob man sie nun mag oder nicht – fehlten. In der dritten und vor allem der vierten Folge von „#Beckmann“ änderte sich das: Nun sah man Reinhold Beckmann, wie er gestikulierend eine Straße entlangschlenderte oder resolut ins Bild schritt, um direkt an die Zuschauer gerichtet etwas zu erklären oder zusammenzufassen.

Der dritte Film „Trauma Einbruch – Hilflos gegen Diebesbanden?“ erwies sich inhaltlich als recht krude Mischung. Es ging keineswegs nur um die im Titel genannten traumatisierten Verbrechensopfer, sondern etwa auch um „grenzüberschreitende Armutskriminalität“. Außerdem versuchte Beckmann sich als Reality-TV-Akteur – er fuhr mit Zivilfahndern, die tagsüber Einbrecher aufzuspüren versuchten, durch Hamburg – und ließ („Da machen wir mal ’nen Selbstversuch“) Fachleute Terrassentüren aufbrechen, um Hausbesitzern ihren Leichtsinn zu demonstrieren. Diese Passagen wirkten unfreiwillig komisch.

Eine Art Joachim Gauck der ARD

Eine zentrale Rolle in „Trauma Einbruch“ spielten Mitglieder einer Bürgerwehr aus dem an der deutsch-polnischen Grenze gelegenen Dorf Sophiental, die teilweise nicht vertrauenserweckend wirkten. Beckmann bezeichnete sie launig als „Volkspolizisten neuer, ganz anderer Art“. Vernarrt schien der Presenter in die Frage zu sein, ob Diebesbanden aus dem Osten der „Kollateralschaden“ der Grenzöffnung seien. Man hatte aber auch das Gefühl, es sei ihm, dem Ex-Hippie, unangenehm, dass der Film in Richtung Pegida-Fernsehen abgleiten könnte. Weshalb Beckmann dann zweimal betonte, so lange es „soziale Ungleichheit in Europa“ gebe, werde es auch Menschen geben, die sich durch Diebstahl Geld verdienten. Eine Reportage über Menschen, die durch Einbrüche traumatisiert wurden, hätte möglicherweise ihre Berechtigung, ebenso eine über Bürgerwehren, die glauben, die Polizei tue zu wenig. Man kann sich auch gut einen Magazinbeitrag vorstellen, der Zuschauern Tipps gibt, wie man sich vor Einbrechern schützt. Aber muss man all diese (und noch mehr) Aspekte in einen Film packen?

Von Mängeln war auch der halbwegs zufriedenstellende Griechenland-Film nicht frei. So sprach Beckmann im Zusammenhang mit NS-Verbrechen unter anderem von „Dämonen der Vergangenheit“. Und einmal sah man ihn, wie er einer Überlebenden des Distomo-Massakers die Hand hält. Doch möglicherweise versteht sich Reinhold Beckmann, der langjährige ARD-Talker, ja als eine Art Joachim Gauck der ARD.

Zu den grundsätzlichen Schwächen von „#Beckmann“ gehört, dass die Filme teilweise so wirken, als müssten sie unbedingt zu den „Check“-Formaten passen, die sonst um 20.15 Uhr am Montag in Ersten laufen – etwa „Der Geld-Check: Supermarkt oder Discounter?“ (18.5.) oder „Der Reise-Check: Sylt oder Rügen?“ (20.4.; vgl. auch MK 9/15). Wie unterscheidet man Scharlatane von – vermeintlich – seriösen Heilern? Wie sichere ich mein Haus so, dass ich Einbrechern nicht die Arbeit erleichtere? Solche Fragen verliehen den bisherigen Folgen von „#Beckmann“ starken Ratgeber-Charakter. Beim aktuellen Film erwies sich der Titel „Griechenland zwischen Urlaubsparadies und Albtraum“ als eine Mogelpackung, denn um die Frage, ob das Land noch ein „Paradies“ für deutsche Touristen sei, ging es – glücklicherweise – allenfalls am Rande. Es lässt sich jedoch darüber streiten, ob es vertretbar ist, mit solch einem Titel Zuschauer zu locken, um ihnen dann Informationen zu präsentieren, zu denen sie sonst keinen Zugang gefunden hätten.

Schwach war trotz des bekannten Presenter-Gesichts Beckmann bisher die Publikumsresonanz: Die ersten drei Sendungen verpassten knapp die Zwei-Millionen-Marke (Marktanteil: zwischen 5,7 und 6,0 Prozent), beim Griechenland-Film schauten 2,04 Millionen Menschen zu (6,9 Prozent). Die unterdurchschnittlichen Quoten fallen umso mehr ins Gewicht, als „#Beckmann“ dem Vernehmen nach aufgrund vergleichsweise hoher Kosten ARD-intern durchaus umstritten ist. Im NDR gilt intern die Faustregel, dass die Kosten einer „#Beckmann“-Sendung dem halben Jahresbudget der Sendereihe „Panorama – die Reporter“ entsprechen, dem halbstündigen Presenterformat der Dritten Programms NDR Fernsehens (zehn 30-minütige Folgen jährlich). Ist „#Beckmann“ ein teures Projekt, verglichen mit anderen 45-minütigen Non-Fiction-Produktionen der ARD?

Der öffentlich-rechtliche Finanzkreislauf

„Zur Höhe der Produktionskosten können wir uns mit Blick auf die vertraglich vereinbarte Verschwiegenheit zwischen den Vertragsparteien nicht äußern“, sagt NDR-Sprecher Martin Gartzke. Der NDR verrät nur, dass er „rund 57 Prozent“ der Produktionskosten trägt (der Rest wird gemeinschaftlich aus der ARD finanziert) und der Rundfunkrat des Senders das Programmvorhaben „#Beckmann“ am 26. September 2014 genehmigt habe. Ein bisschen mehr Transparenz täte dem NDR möglicherweise gut, denn ein Teil des Geldes, das Beckground erhält, verbleibt im öffentlich-rechtlichen Finanzkreislauf: Beckground gehört zur Hälfte Cinecentrum – einer Firma, die wiederum im Besitz der hundertprozentigen NDR-Tochter Studio Hamburg ist.

Auch Beckground will über die Summe, die man bekommt, nicht reden. Der bei der Firma für „#Beckmann“ zuständige Redaktionsleiter Ulrich Stein betont aber, es führe ohnehin in die Irre, die Kosten einer „normalen Reportage“ mit denen einer 20.15-Uhr-Filmproduktion zu vergleichen. „Zum Beispiel drehen wir fast immer mit mehreren Kameras, um Situationen besser visuell auflösen zu können“, erklärt Stein.

Überraschend ist allemal, dass die Verantwortlichen der ARD Jahrelang auf stur geschaltet haben, wenn renommierte Produktionsfirmen aus dem Dokumentationsbereich für gesellschaftspolitische Formate einen Sendeplatz um 20.15 Uhr forderten, die ARD-Leute aber plötzlich ihre Meinung änderten, als Reinhold Beckmann anklopfte, der als Reporter und Filmemacher eigentlich wenig Erfahrung vorzuweisen hatte und eine Redaktion für das Format erst aufbauen musste. Bei der Entscheidung für das Projekt „#Beckmann“ mag die Prominenz des Namensgebers, der ja auch die „Sportschau“ moderiert, eine Rolle gespielt haben. Die bisherigen Quoten der Sendung zeigen aber: Ein großer Name allein zieht mittlerweile nicht mehr.

12.06.2015/MK