Weg mit der Taxifahrer‑Mentalität

Interview mit dem Produzenten Leopold Hoesch von Broadview TV

Von Reinhard Lüke
14.12.2012 •

14.12.2012 • Leopold Hoesch, 43, ist Gründer und – gemeinsam mit Sebastian Dehnhardt – Geschäftsführer der Produktionsfirma Broadview TV GmbH. Seit 1999 produziert das Kölner Unternehmen mit 15 fest angestellten Mitarbeitern Dokumentationen in den Bereichen Zeitgeschichte und Kultur vornehmlich für öffentlich-rechtliche Sender. So arbeitet Broadview TV unter anderem mit der Redaktion Zeitgeschichte beim ZDF zusammen und produzierte für den früheren ZDF-Theaterkanal (heute: ZDFkultur) die Reihe „Theaterlandschaften“. Hinzu kommen zahlreiche Einzelproduktionen wie etwa 2011 der Kino-Dokumentarfilm „Klitschko“. Arbeiten des Unternehmens wurden mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Zu den preisgekrönten Produktionen gehörten „Das Wunder von Bern“ (Deutscher Fernsehpreis 2004), „Das Drama von Dresden“ (International Emmy Award 2005), „Das verflixte dritte Tor“ (Bayerischer Fernsehpreis 2007), „Das Wunder von Leipzig – Wir sind das Volk“ (Rockie Award 2010), „Klitschko“ (Romy Award 2012) und „Drei Leben: Axel Springer“ (Deutscher Wirtschaftsfilmpreis 2012). Leopold Hoesch ist Mitglied der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen und des Beirats des deutschen Biography Channels. Zudem vertritt er die International Academy of Television Arts & Sciences als Botschafter in Deutschland. Reinhard Lüke traf Leopold Hoesch zum Interview. • FK

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FK: Herr Hoesch, wie und warum wird man eigentlich Dokumentarfilm-Produzent? War das bei Ihnen ein Jugendtraum oder sind Sie da mehr oder weniger reingerutscht?

Hoesch: Das mit dem Jugendtraum kommt der Sache in meinem Fall ziemlich nahe. Wie bei vielen beginnt der Traum mit dem Kapitel der Schauspielerei, in diesem Zusammenhang hat sich bei mir sehr schnell der Beruf des Produzenten als eigentlicher Destinationsort meiner Träume herauskristallisiert. Aber sicherlich habe ich damals unterschätzt, mit welchen Schwierigkeiten und Widerständen man in Deutschland als Filmproduzent zu kämpfen hat. So ist das halt mit Jugendträumen, wenn sie wahr werden.

FK: Haben Sie sich dann an einer Filmhochschule eingeschrieben, um Ihrem Traumjob näherzukommen?

Hoesch: Nein. Ich habe ein Ökonomie-Studium mit dem Schwerpunkt Lateinamerika absolviert und als ‘Diplom-Regionalwirt Lateinamerika’ abgeschlossen. Erst viel später wurde mir klar, wie sinnvoll diese Ausbildung für meinen Job war. Ein fünfjähriges Studium generale mit Geschichte, Politik, drei Sprachen, Literatur und Volkswirtschaft – wer hat das schon? Jura wäre eigentlich die einzige Alternative gewesen. Im nächsten Leben vielleicht.

FK: Leisten Sie sich in Ihrer Produktionsfirma Broadview TV keinen hauseigenen Juristen?

Hoesch: Wir hatten zu Beginn eine Juristin, aber leider hat sie uns der WDR abgeworben. Das Angebot konnte sie aus finanziellen Erwägungen nicht ablehnen. Zum Glück haben wir ein gutes Netzwerk an Kanzleien, die diesen Bereich für Broadview TV abdecken.

FK: Die dürften beim Dokumentarfilm „Klitschko“, Ihrem bisher aufwändigsten Projekt, gut zu tun gehabt haben. Eigentlich hätte man hinter einer TV-Produktion über die zwei boxenden Brüder ja RTL als Auftraggeber vermutet. Schließlich gilt der Sender als eine Art Heimatkanal für Vitali und Wladimir Klitschko, weil er all ihre Kämpfe überträgt. Doch der Film ist gänzlich ohne Fernsehgelder entstanden. Wie kam es dazu?

Hoesch: Ich war mir mit meinem Partner, dem Regisseur Sebastian Dehnhardt, von Beginn an einig, aus dem Stoff einen klassischen Kinofilm zu machen. Denn uns war klar: Sobald wir uns mit einem Sender einlassen, wird man uns zwingen, eine herkömmliche Fernsehdokumentation zu drehen – was wir auf keinen Fall wollten. Also haben wir den Film komplett unabhängig finanziert. Natürlich in der Hoffnung, die Produktion dann nach der Kinoauswertung an möglichst viele Fernsehsender im In- und Ausland verkaufen zu können. Keine risikolose Strategie.

FK: Und haben sich Ihre Hoffnungen hinsichtlich der Kinoauswertung erfüllt?

Hoesch: Wir waren in der Top Ten der deutschen Kinocharts. Für einen ersten Kinodokumentarfilm sind 50 000 Zuschauer – so viele sahen den Film in Deutschland – ein Erfolg. Hätte es etwas mehr sein dürfen? Ja. Im Ausland sind unsere Erwartungen aber restlos erfüllt worden.

FK: Wie ist es dort gelaufen?

Hoesch: Besser, als wir es je zu träumen gewagt hätten. Um nur zwei Highlights zu nennen: „Klitschko“ ist der erste deutsche Film, der jemals an den amerikanischen Pay-TV-Sender HBO verkauft wurde und der dort in deutscher Sprache mit englischen Untertiteln zu sehen war. Auch ist mir kein unabhängiger deutscher Dokumentarfilm bekannt, der – wie „Klitschko“ – von einem Hollywood-Studio vertrieben wird. Und dass deutsche Kino-Dokus die Filmförderung zurückbezahlen, ist, glaube ich, auch eher die Ausnahme.

Das Kuriosum beim „Klitschko“-Film

FK: Inzwischen hat „Klitschko“ ja auch eine Ausstrahlung im deutschsprachigen Fernsehen erlebt. Die fand allerdings beim kommerziellen österreichischen Sender Servus TV statt. Ein deutscher Fernsehsender zählt, soweit bisher bekannt, noch immer nicht zu den „Klitschko“-Abnehmern. Oder hat sich daran inzwischen etwas geändert?

Hoesch: Leider nicht. Das ist die Ironie der Geschichte. Als wir die Bankkredite für die Produktion aufgenommen und mit persönlichen Bürgschaften besichert haben, war der Verkauf ans deutsche Fernsehen in unserer Kalkulation so etwas wie eine „g’mahde Wies’n“, um es mal auf gut Bairisch zu sagen. Schließlich hatten wir zu diesem Zeitpunkt mit mehreren deutschen Sendern bereits lange Jahre erfolgreich zusammengearbeitet und auch fast alle relevanten Preise schon einmal gewonnen. Der heutige Stand der Dinge sieht allerdings so aus, dass „Klitschko“ dank Universal Pictures praktisch in jedem Land der Welt gesendet wird, nur nicht in Deutschland.

FK: Haben Sie eine Erklärung für dieses Kuriosum? Könnte es sein, dass ARD und ZDF den Film nicht wollen, weil sich die Klitschkos an die private Konkurrenz gebunden haben, und dass andererseits im Sendeschema von RTL für einen 110-minütigen Dokumentarfilm schlicht kein Platz ist?

Hoesch: Da mag etwas dran sein. Allerdings sind die Klitschkos ja zum Beispiel bei „Wetten, dass..?“ immer sehr gern gesehene Gäste und von unserem Auftritt beim Tribeca Film Festival haben auch alle möglichen ARD- und ZDF-Sendungen umfänglich berichtet. Und bei Günther Jauch stört die ARD der RTL-Faktor ja offenbar auch nicht. Ich habe lange über die Frage nachgedacht, aber bis heute keine plausible Antwort darauf gefunden. Ich denke, ein guter Film bleibt ein guter Film, und dass „Klitschko“ ein guter Film ist, haben uns alle Kritiker bestätigt. Wenn der ins System des deutschen Fernsehens keinen Eingang zum Marktpreis findet, ist das ein weiterer Beleg dafür, dass, wie in Oligopolen üblich, nicht die Anbieter, sondern die Nachfrager den Markt machen. Ob das gut oder schlecht ist und ob es für die Gesamtwohlfahrt noch effizientere Wirtschaftsmodelle als das Oligopol gibt, kann man in jedem Wirtschaftsfachbuch nachlesen.

FK: War „Klitschko“ unterm Strich dennoch eine lohnende Investition? Was hat der Film überhaupt gekostet?

Hoesch: Rund eineinhalb Millionen Euro. Wir haben zwei Jahre gedreht, 140 Tage im Schneideraum verbracht und nach der Premiere auf dem Tribeca Film Festival unter anderem in Nordrhein-Westfalen, in Berlin, Los Angeles, Warschau, Kiew, London, Moskau und Rom glanzvolle Premieren gehabt. „New York Times“ und „Los Angeles Times“ haben den Film sehr gelobt, bei den Oscars sind wir in die vorletzte Runde vor der Nominierung gekommen. Reich wird man dabei trotzdem nicht. Schon weil wir für unsere Kredite bei den Banken teils absurde Zinsen zahlen mussten. Doch wir wollten nun mal aus diesem ‘betreuten Wohnen’ der gängigen Finanzierung durch Fernsehgelder ausbrechen. Wir haben dabei viel gelernt, etwas verdient und fühlen uns gestärkt, das jetzt gleich noch einmal zu machen, und zwar mit unserem neuen Projekt „Der perfekte Wurf – Die Dirk Nowitzki Story“.

Was den meisten Gebührenzahlern nicht bewusst ist

FK: Wie ist denn als Produzent Ihr grundsätzliches Verhältnis zum deutschen Fernsehen?

Hoesch: Ziemlich gut. Ich sage nur: Reisen bildet. Wir haben es bei den deutschen Sendern mit sehr engagierten und kompetenten Redakteuren zu tun. Angesichts der Qualitäten des deutschen Fernsehens in der Breite und in der Tiefe muss man sich im internationalen Vergleich überhaupt nicht verstecken. In diesem System als Dokumentarfilm-Produzent zu arbeiten, ist eine überaus privilegierte Position. Wenn Sie in diesem gut funktionierenden System allerdings einmal ihren zugewiesenen Platz verlassen möchten, wird es komplizierter – Oligopol halt.

FK: Seit der Gründung von Broadview TV im Jahr 1999 produzieren Sie und Ihre Kollegen Filme mit einer großen thematischen und formalen Bandbreite für öffentlich-rechtliche Sender. Darüber hinaus realisieren Sie aber auch Image-Projekte für Auftraggeber wie das Auswärtige Amt und die Europäische Union. Werden die wenigstens ordentlich honoriert?

Hoesch: Doch, doch, damit lässt sich durchaus Geld verdienen, das wird marktgerecht bezahlt. Aber es ist auch eine völlig andere Arbeit und definitiv nicht unsere Hauptbeschäftigung.

FK: Dann gibt es in Ihrem Portfolio noch die blaublütige Linie mit Dokumentationen über Königshäuser und Adelsdynastien. Wie sind Sie zu diesem Segment gekommen?

Hoesch: Es fing alles mit einem Film über die Familie Haniel an. Danach kam ein Film über die Familie Oetker. Aus der WDR-Sendereihe „Industrie-Dynastien in NRW“ wurden „Dynastien in NRW“ und dann „Adelsdynastien in NRW“ und dann für das Erste Programm der ARD „Deutsche Dynastien“. Ähnliche Formate haben wir auch für das ZDF produziert. Meine langjährige Kollegin Julia Melchior, die auch bei Live-Übertragungen von Hochzeiten und ähnlichem als Moderatorin in Erscheinung tritt, führt diesen Bereich bei Broadview TV sehr kompetent. Diese Formate werden äußerst gerne geschaut, erst letztlich hatten wir am Freitagabend im WDR Fernsehen die höchste 20.15-Uhr-Quote für eine Dokumentation seit Beginn der Aufzeichnungen. Es freut mich immer wieder, wenn uns für solche Filme Familien oder Familienmitglieder ihr Vertrauen schenken, die zuvor immer geschwiegen haben, wie zum Beispiel Friede Springer oder die Fürsten Lippe oder die Fürsten Salm-Salm.

FK: Im Spektrum Zeitgeschichte gab es lange Jahre eine enge Zusammenarbeit von Broadview TV mit dem ZDF und Guido Knopp, der Anfang kommenden Jahres in den Ruhestand geht.

Hoesch: Das war über Jahre eine höchst intensive und angenehme Arbeit, weil Guido Knopp ein außergewöhnlich guter Redakteur ist. Er hat ein extrem gutes Gespür für Stoffe und hat so im ZDF unter seinem Namen eine tolle Marke aufgebaut und sie über all die Jahre brillant geführt. Schade, dass er geht.

FK: Wie ist es denn aus Ihrer Sicht grundsätzlich um das Dokumentarische im deutschen Fernsehen bestellt? Viele Kollegen klagen ja über gestrichene Sendeplätze und drastisch gekürzte Etats.

Hoesch: Ich empfehle all diesen Klagenden einen Besuch im Ausland. Wenn man sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den USA, in Frankreich, Italien oder im stets so gepriesenen Großbritannien anschaut, dann wird schnell deutlich, dass unser Fernsehen hinsichtlich seiner Breite und Tiefe absolut einmalig ist. Es gibt spezielle Leuchttürme, die vielleicht anderswo noch heller leuchten, doch das sind Einzelsegmente. Leider ist den meisten Gebührenzahlern überhaupt nicht bewusst, welch tolles Fernsehen sie mit ihrem Geld finanzieren.

FK: Sie klingen jetzt gerade wie ein öffentlich-rechtlicher Lobbyist…

Hoesch: Die Tatsache, dass dieses Fernsehen gut ist, heißt ja nicht, dass man es für das nicht gerade knappe Gebührenaufkommen, das an die Sender fließt, nicht noch besser machen könnte. Für Sparzwänge beim Programm habe ich, ehrlich gesagt, kein Verständnis. Nur aus meiner eigenen Beobachtung heraus sind bei den Dokumentationen die Budgets in den letzten Jahren um zirka 25 Prozent gesunken. Aber meine eigentliche Kritik setzt woanders an.

Da kann kein echtes Unternehmertum entstehen

FK: Nämlich? Wo liegen die Probleme?

Hoesch: Wir Produzenten müssen raus aus dieser Taxifahrer-Mentalität der Auftragsproduktionen. Die geht so: Kunde steigt ein, sie fahren ihn von A nach B, Kunde zahlt und Kunde steigt aus – Geschäft erledigt. Produzenten müssen Anreize haben, echte Unternehmer zu werden. Diese Anreize suchen sie im deutschen Fernseholigopol, liebevoll umschrieben als duales System, meist aber erfolglos. Solange die Sender auf dem Total-Buyout-Prinzip beharren, wonach Produzenten alle, wirklich alle Rechte an einer Produktion abtreten müssen, kann da kein echtes Unternehmertum, geschweige denn Wettbewerb entstehen. Was ARD und ZDF da über Jahre in ihren Schubladen horten, wird totes Kapital. Wenn man dieses Kapital von Anfang an bei den Produzenten beließe, könnten die damit wirtschaften und beginnen, echte Unternehmen zu werden, die auch den deutschen Markt besser machen würden. So jedoch stehen wir deutschen Produzenten international fast immer mit leeren Händen da und werden dafür eigentlich belächelt. Wenn man bedenkt, wie viel Geld in den deutschen Dokumentarfilm investiert wird und dass er gleichzeitig trotz seiner allseits anerkannten Qualitäten auf dem internationalen Markt so gut wie keine Rolle spielt, ist das ein ungesundes Missverhältnis. Und das hat nichts mit dem immer wieder angesprochenen Sprachproblem zu tun. Wir haben 2003 die Trilogie „Stalingrad“ produziert, bei der es uns ausnahmsweise gelungen ist, die Rechte zu behalten. Diesen Doku-Dreiteiler haben wir seitdem in 80 Länder verkauft und wir legen ihn zum 70. Jahrestag 2013 gerade neu auf.

FK: Gibt es denn Zeichen der Hoffnung, dass sich an diesem verkrusteten System in absehbarer Zeit etwas ändern könnte?

Hoesch: Es ist ein kleiner Fortschritt, dass sich die Produzenten zu einer Allianz zusammengeschlossen haben und nun mit einer Stimme sprechen. Das hat zwar fast 20 Jahre gedauert, es stärkt nun aber zumindest unsere Verhandlungsposition. Es gibt so etwas wie eine Politik der kleinen Schritte, doch ein Durchbruch ist da noch lange nicht in Sicht. Dabei wäre der Rechteverbleib der nicht ausgewerteten Rechte beim Produzenten eine Win-Win-Situation für Gebührenzahler, Sender und Produzenten. Und die weiteren am kreativen Prozess der Entstehung Beteiligten könnten über Verwertungsgesellschaften am Erfolg partizipieren. Was haben die Gebührenzahler davon, wenn Programme im großen Stil unausgewertet bleiben, die eigentlich international erfolgreich sein könnten? Filmexport ist Kulturexport, das sollte man nie vergessen!

FK: Aber was hindert die Sender, im Rechtebereich, sagen wir: kulanter zu werden?

Hoesch: In der Ökonomie der Sender macht es keinen Sinn, diese Rechte flächendeckend auszuwerten, das ist der Grund, warum sie es nicht tun. Für Produzenten hingegen würde es sehr viel Sinn machen. Argumente dagegen hört man viele. Richtig überzeugt hat mich noch keines, und besonders jenes der öffentlich-rechtlichen Sender nicht, das da besagt, man könne Rechte, die der Gebührenzahler bezahlt habe, nicht einfach dem Produzenten überlassen. Ich persönlich finde, dass man es dem Gebührenzahler schuldig ist, die tatsächlich vorhandenen Werte nicht ungenutzt zu lassen! Und wenn die Sender mal nicht auf ihre Verantwortung gegenüber den Gebührenzahlern verweisen, dann kommt das Argument, für den deutschen Film gebe es ohnehin keinen internationalen Markt und uns Produzenten fehle auf diesem Terrain doch jegliche Erfahrung. Aber woher soll ein Produzent seine Fähigkeiten im internationalen Geschäft haben, wenn er sein Handwerkszeug auf diesem Markt nie erproben durfte, weil er schlicht nichts zu verkaufen hatte? Warum lassen die Sender es uns nicht wenigstens versuchen?

Bewerbung um eine Drittsendelizenz bei RTL

FK: Vielleicht wären kommerzielle Sender in diesem Punkt ja kompromissbereiter. Aber mit denen haben Sie bislang noch nie zusammengearbeitet. Eine Grundsatzentscheidung?

Hoesch: Überhaupt nicht. Ich habe da keinerlei Berührungsängste. Es passte bislang einfach nicht. Was sicherlich auch damit zu tun hat, dass es bei den Privaten kaum Sendeplätze für dokumentarisches Fernsehen gibt, wie wir es machen. Broadview TV hat unlängst eine neue Firma namens „Lambda – Stories and News“ gegründet, mit der wir uns nun bei der NLM, also der Niedersächsischen Landesmedienanstalt, die in dem Fall rundfunkrechtlich zuständig ist, um eine Drittsendelizenz bei RTL bewerben. Sollten wir den Zuschlag erhalten, würden wir für das entsprechende Fenster bei RTL kleinere Reportagen produzieren.

FK: Überlegt man sich als Dokumentarfilm-Produzent irgendwann auch einmal, sich ins fiktionale Genre vorzuwagen? Oder gibt es da eine unverrückbare Grenze?

Hoesch: Gemeinsam mit dem US-Produzenten Steven Bawol gehen wir dieses Wagnis gerade ein. Weitere Partner sind der Emmy-Preisträger James Manos Jr., bekannt für seine Arbeit bei den „Sopranos“ und bei „Dexter“, und der englische Sender Channel Four. Zusammen entwickeln wir gerade eine Fernsehserie, sie hat den Arbeitstitel „Red Lights“.

FK: Worum geht es bei dieser Produktion?

Hoesch: Ein US-Investment-Banker mit russischen Wurzeln verlässt die Wall Street für einen hochdotierten Bankjob in Moskau. In Wahrheit nimmt er den Job aber nur an, um gerechte Rache an den Mördern seiner Familie zu verüben. Dafür nimmt er in Kauf, tief ins Moskauer Rotlicht abzutauchen und sein Handwerkszeug als Banker einzusetzen, um die Gunst der dortigen Oligarchen zu gewinnen. Als er beginnt, an seiner neuen Rolle Gefallen zu finden, ist es längst zu spät, jemals wieder an den Schreibtisch zurückzukehren. Orpheus steigt hinab in die Unterwelt.

FK: Wird es diese Serie irgendwann auch im deutschen Fernsehen zu sehen geben?

Hoesch: Hoffentlich. Aussichtsreiche Gespräche laufen gerade: The show must go on.

• Interview aus Heft Nr. 50/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

14.12.2012/MK

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