Nährboden für Talente

Österreichische Hörspieltage 2019 in Hainburg an der Donau

Von Angela di Ciriaco-Sussdorff
05.07.2019 •

Im niederösterreichischen Hainburg an der Donau, etwa halbwegs zwischen Wien und der slowakischen Hauptstadt Bratislava gelegen, gibt es mit der „Kulturfabrik“ einen historisch und architektonisch interessanten Ort, an dem in diesem Jahr zum dritten Mal nach ihrem Umzug von Berging (Niederösterreich) die österreichischen Hörspieltage stattfanden (vom 23. bis 26. Mai). Inzwischen haben sie in ihrer wechselvollen Geschichte das legendäre „Schwabenalter“ erreicht. In diesem Alter, ab 40 nämlich, wird man dem süddeutschen Volksmund zufolge klug und weise.

Das zeigt sich nicht zuletzt an dem Geschick, mit dem die drei österreichischen Tagungsmacher auch in diesem Jahr wieder den Fachkongress mit Expertise und unaufdringlicher, aber souveräner Leitung durchführten. Unterstützt wurden sie dabei vom Verband der Dramatikerinnen und Dramatiker (Sitz: Wien), der Kunstsektion des österreichischen Bundeskanzleramts, dem Land Niederösterreich und der Verwertungsgesellschaft Literar-Mechana. Die Tagungsleiter Kurt Reissnegger, Leiter der Abteilung Literatur und Hörspiel des Österreichischen Rundfunks (ORF), Robert Woelfl als Theaterautor und Vorstandsmitglied des Dramatikerverbandes, und Elisabeth Zimmermann als Redakteurin und Produzentin beim „Ö1 Kunstradio“ haben auch in diesem Jahr wieder an die 30 Autoren, Redakteure, Regisseure, Komponisten und Performer eingeladen, sich mit neuesten Produktionen oder in statu nascendi befindlichen Projekten zu beteiligen.

Relikte der frühen Jahre

„Eingeladen“ darf dabei im Wortsinne verstanden werden, da die Einladung auch die Kosten für Fahrt und Aufenthalt beinhaltet. Es kann nicht deutlich genug gesagt werden, wie bemerkenswert diese (vor allem im Bereich der Kunst) so selten gewordene Großzügigkeit ist. Die Einladung gilt für sämtliche Teilnehmer, also auch für Redakteure der deutschsprachigen Sender. Umso erstaunlicher, dass nicht mehr als drei Redakteure bzw. Dramaturgen Produktionen ihrer Häuser vorstellten. Schamvolle Zurückhaltung der öffentlich-rechtlichen Anstalten, die keine „Außenfinanzierung“ annehmen wollen, kann nicht der Grund sein. Wenn die Sender Präsenz zeigen wollten, könnten sie die Spesen ja durchaus übernehmen und den Gastgebern nicht zur Last fallen. Dann aber hätten ihre Mitarbeiter die Chance, nicht zuletzt junge, neue Talente kennenzulernen und sich sowohl mit denen als auch mit Kollegen anderer Sender zu Kooperationen zu verabreden. Es ist zu wünschen, dass sich dieses Desiderat dann einmal im kommenden Jahr einlöst.

So blieben die Kreativen weitgehend unter sich. Gespräche und Diskussionsbeiträge verliefen dabei auffallend artig. Vielleicht hat sich auch der Diskussionsstil in den letzten Jahren geändert. Man gibt sich stets wohlwollend dem Gesprächspartner und Konkurrenten gegenüber. „Eigentlich“ und „irgendwie“ sind häufig handzahme Meinungsattribute, wo man sich durchaus auch Biss und Trennschärfe hätte vorstellen können. Giftzahn und Anarchie sind Relikte der frühen Jahre der österreichischen Hörspieltage. Vielleicht ist das gut und wohlerzogen. Aber ein bisschen mehr rhetorische Würze könnte in Zukunft nicht schaden.

Bis zu sechs Produktionen am Tag waren zu hören, eingeführt und begleitet von wechselnden Moderatoren. Ein komplettes Stückeverzeichnis kann hier nicht aufgeführt werden, doch bleiben einige Hörspiele, Kompositionen und Performances mehr in Erinnerung als andere.

Aufsehenerregendes von Noam Brusilovsky

Magda Woitzuck darf man als junge Autorin bezeichnen, die ihren bisherigen Weg mit Hilfe der österreichischen Hörspieltage machen konnte. Ihr Stück „Die Schuhe der Braut“ war zwar keineswegs ihr erstes Hörspiel, jedoch das erste, das wegen seiner Fulminanz, seines Schrecken und seiner Subtilität als Produktion des ORF im November 2018 den Hörspielpreis der ARD gewann und im Monat zuvor für den Prix Europa nominiert war (vgl. diesen MK-Artikel und diese MK-Meldung). Sie hatte das Stück drei Jahre zuvor in Berging als Manuskript vorgestellt – ein Zeichen dafür, dass eine solche Tagung auch ein Nährboden für Talente sein kann.

Aus der freien Szene kam diesmal Tom Heithoff, der in Hainburg sein witziges, sozialpolitisch jedoch aufrichtig unnachsichtiges Hörspiel „Dummrum“ in Personalunion als Autor, Regisseur und Produzent vorführte. Ein erfreulicher Beitrag und das umso mehr, als dieses Hörspiel als reine Autorenproduktion seinen Weg in das öffentlich-rechtliche Medium gefunden hat. Deutschlandfunk Kultur sendete das 55-minütige Stück mit Urs Stämpfli in der Hauptrolle am 7. Januar dieses Jahres, wenn auch erst zur nicht gerade populären Sendezeit um 0.05 Uhr.

Aufsehen erregte – neben einer Reihe anderer Hörspiele etwa von Birgit und Anatol Kempker, von Ulrike Janssen und Marc Matter, von Stefan Weber sowie einer Adaption von Ernst Toller – eine Produktion des Deutschlandfunks (zusammen mit dem SWR): „Der Tod des Iwan Iljitsch – Sterben in Bern“ von Noam Brusilovsky, dem 1989 in Israel geborenen, seit 2012 in Berlin lebenden Theater- und Hörspielregisseur. Das Stück basiert auf einer gleichnamigen Novelle von Leo Tolstoi. Zusammenarbeit und Realisierung beschrieb in Abwesenheit des erkrankten Autors die Dramaturgin und Deutschlandfunk-Redakteurin Sabine Küchler kenntnisreich und engagiert. Brusilovsky hatte für das von ihm nach dem gleichnamigen Roman von Tomer Gardi inszenierte Stück „Broken German“ (SWR) im Jahr 2017 den Deutschen Hörspielpreis der ARD erhalten (vgl. MK-Meldung). Sabine Küchler konnte sich für den Autor, ihre intensive dramaturgische Arbeit und ihren Sender über die große Anerkennung des Hainburger Plenums für das neue Brusilovsky-Stück freuen.

Das Leben des Joseph Roth

Frieda Paris, die als Lyrikerin unter dem Namen Friederike Schempp bekannt ist, steuerte mit „Ruhepuls, Rom“ auf den diesjährigen österreichischen Hörspieltagen eine akustische Vedute der besonderen Art bei, poetisch und gleichzeitig experimentell. Deutschlandfunk Kultur traf mit dem Engagement von Anouschka Trocker als Regisseurin für dieses Stück eine kluge, synergetische Wahl. Nebenbei fand Frieda Paris, 1986 in Ulm geboren und in Wien lebend, auch Zeit, die Tagung in den sozialen Medien abzubilden, kurz und knapp auf Twitter.

Mit den Arbeiten von Ulrike Haage und Alexander Stankovski trafen in Hainburg Radioproduktionen aufeinander, die gegensätzlicher nicht hätten sein können. Ulrike Haage, Jazz-Pianistin und Komponistin, führte spannend und auch für musikalisch weniger Gebildete jederzeit nachvollziehbar in ihre Arbeitsweise an laufenden Projekten ein. Eindrucksvoll dabei vor allem die Auseinandersetzung mit Etel Adnan, in Frankreich lebender Lyrikerin und Malerin, vor 94 Jahren im Libanon geboren. Antipode dazu war Alexander Stankovski, 1968 in München geboren und seit 1974 in Wien lebend. Strukturell und klanglich völlig anders arbeitend, bettet er Gedichte eines Freundes in ein Klanggewebe ein, dessen strukturelle und intellektuelle Klarheit gefangen nahm. Beide Musiker konnten mit ihren Radioarbeiten den Begriff „Hörspiel“ ausweiten zu dem, was es ist und bleibt: die einzig genuine Kunstform, die das Medium Radio hervorgebracht hat.

Nicht unerwähnt bleiben soll eine akustische Biografie von besonderem Gewicht: „Drinnen, bei mir, bin ich sehr traurig“ ist eine dichte, fesselnde Chronik des unglücklichen Lebens des großen österreichischen Prosaautors Joseph Roth. Helmut Peschina hat sie im Auftrag des ORF aus Anlass von Roths 80. Todestag zusammengetragen (der Schriftsteller starb am 27. Mai 1939 in Paris). Peschina besitzt eine der größten europäischen Privatsammlungen zu diesem Autor und kennt dessen Werk wie kaum ein anderer. Obwohl ursprünglich nicht vorgesehen, wurde die ORF-Produktion in Hainburg als ‘Ersatz’ für die krankheitsbedingt ausgefallene Aufführung von Ulrich Bassenges Hörspiel „Rauschunterdrückung. Ein Aufnahmezustand“ vorgestellt, eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR) und des Schweizer Rundfunks SRF. Das diesjährige Primat des Beginns und des frühen beruflichen Weges wurde durch die Präsentation der Arbeiten eines der ganz Großen keineswegs konterkariert, sondern unterstrichen.

05.07.2019/MK

Print-Ausgabe 19/2019

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