ARD-Hörspieltage 2018: Hauptpreis erstmals für ein Stück des Österreichischen Rundfunks

30.11.2018 • Mit dem Hörspiel „Die Schuhe der Braut“, das von der österreichischen Autorin Magda Woitzuck stammt, ist erstmals eine Produktion des Österreichischen Rundfunks (ORF) mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet worden. Der mit 5000 Euro dotierte Preis wurde im Rahmen der 15. ARD-Hörspieltage verliehen, die vom 7. bis 11. November im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) stattfanden.

Magda Woitzuck erzählt in ihrem Stück die Geschichte eines Kämpfers der Terrororganisation, die sich selbst Islamischer Staat (IS) nennt. Der Mann wird in ein Loch hinabgelassen, um die Leiche eines vom IS getöteten ausländischen Journalisten zu bergen, für die ein Lösegeld bezahlt worden ist. In dem Loch trifft der IS-Kämpfer auf eine enthauptete Braut, die nach ihren Schuhen verlangt. Erschüttert verlässt er das Loch als „Abtrünniger“ und beschließt zu fliehen. Auf dem Weg nach Deutschland trifft er auf einen abgestumpften Polizisten, einen abgewrackten Arzt und eine aufgeregt schnatternde Journalistin mit Schreibblockade.

Die Jury des Wettbewerbs bescheinigte dem mit dem Hauptpreis der ARD-Hörspieltage ausgezeichneten Stück, dass es „die Schrecken des Realen überformt und durch seinen grotesken Humor Distanz schafft“. Das Hörspiel von Magda Woitzuck basiert auf realen Vorkommnissen. So ist das „Loch“, in dem der IS seine Leichen entsorgt hat, keine Metapher, sondern existierte wirklich; es lag etwa 60 Kilometer entfernt von der ehemaligen IS­Hochburg Rakka in Syrien.

Christoph Buggerts spätes Meisterwerk

Mitglieder der Jury waren in diesem Jahr der Literaturvermittler Thomas Böhm (Vorsitzender), die Autorin Kirsten Fuchs, die für die kurzfristig verhinderte Lyrikerin Nora Gomringer eingesprungen war, die Schauspielerin Bibiana Beglau, der Komponist Ludger Brümmer und der Hörspielkritiker Jochen Meißner (der auch MK-Autor ist). Neben dem Preisträgerstück wählte die Jury noch die sprach- und klangexperimentelle „Phänomenologie der Kürze in 39 Versuchen“, die der Komponist Hermann Kretzschmar unter dem Titel „Das Bad im Knall“ für den Südwestrundfunk (SWR) produziert hat, unter die Top 3 des Wettbewerbs.

Zu den besten drei Stücken zählte für die Jury außerdem das Hörspiel „Ein Nachmittag im Museum der unvergessenen Geräusche“ von Christoph Buggert, das Katharina Bihler und Stefan Scheib, die das Liquid Penguin Ensemble bilden, für den Saarländischen Rundfunk (SR) inszeniert haben. Der mittlerweile 81-jährige Christoph Buggert, Romancier, Hörspielautor und lange Jahre Hörspielchef des Hessischen Rundfunks (HR), erzählt in seinem biografisch grundierten Text von den Geräuschen des Krieges, die ihn geprägt haben und reflektiert diese Schallereignisse zugleich als Grundelemente des Hörspiels.

Buggerts spätes Meisterwerk platzierte sich auch beim Wettbewerb um den „ARD Online Award“, dem Publikumspreis der Karlsruher Hörspieltage, unter den Top 3. Bei diesem Wettbewerb kann vor Ort in Karlsruhe wie auch im Internet abgestimmt werden. Ein weiteres Stück unter den Top 3 war hier das Hörspiel „Bei Trost“ (vgl. MK-Kritik), das von Bernadette Sonnenbichler nach Naema Gabriels Graphic Novel „Sinus“ für den Hessischen Rundfunk (HR) inszeniert wurde und aus der Perspektive eines erwachsen werdenden Kindes erstaunlich leichtfüßig von der bipolaren Störung seiner Mutter erzählt. Der mit 2500 Euro dotierte Publikumspreis ging an die von Felix Kubin für den Norddeutschen Rundfunk (NDR) bearbeitete, aus dem Jahr 1909 stammende dystopische Erzählung „Die Maschine steht still“ von Edward Morgan Forster (vgl. MK-Kritik).

Schauspielerpreis für Aljoscha Stadelmann

Bereits im Vorfeld war bekannt gegeben worden, dass der Deutsche Hörspielpreis für die beste schauspielerische Leistung an Aljoscha Stadelmann verliehen werde. Er wurde in Karlsruhe für seine Rolle eines schlaflosen Mannes in Christine Wunnickes von Radio Bremen produziertem Zwei-Personen-Stück „Alles Rumi“ ausgezeichnet. Alleinige Jurorin für diesen Preis war die Schauspielerin Bibiana Beglau.

Außerdem wurde bei den ARD-Hörspieltagen noch der mit 5000 Euro dotierte Deutsche Kinderhörspielpreis vergeben. Er ging an die Autorin Gudrun Hartmann für ihre Hörspielbearbeitung „Eine Hand voller Sterne“ nach dem gleichnamigen Buch von Rafik Schami (Produktion: HR/WDR). Den traditionell von einer Kinderjury vergebenen Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe, der mit 2000 Euro dotiert ist, erhielt das vom HR und vom Bayerischen Rundfunk (BR) produzierte Hörspiel „Ab nach Paris!“ von Bernd Gieseking. Der mit 1000 Euro dotierte Preis „ARD PiNball“ für freie Produktionen ging an Nick-Julian Lehmann, Till Großmann, und Marie-Charlott Schube für ihr Kurzhörspiel „Nur Berlin ist auch zu viel #3“.

Insgesamt etwa 10.000 Hörer haben dieses Jahr die ARD-Hörspieltage besucht und neben den insgesamt zwölf Wettbewerbsstücken aus Deutschland, Österreich und der Schweiz das umfangreiche Beiprogramm gehört. Teil dessen war unter anderem die Live-Aufführung des Hörspiels „Moabit“ nach der Erzählung von Volker Kutscher. „Moabit“ (Hörbearbeitung: Thomas Böhm) erzählt die Vorgeschichte zu Kutschers erfolgreichem Kriminalroman „Der nasse Fisch“, der jetzt unter diesem Titel auch als achtteilige Hörspielserie inszeniert wurde (Produktion: Radio Bremen/WDR/RBB, Regie: Thomas Quabeck). Die Serie ist seit dem 30. September komplett in der ARD-Audiothek abrufbar und wird zwischen Ende Oktober und Mitte Dezember von allen ARD-Landesrundfunkanstalten auch in deren Radioprogrammen ausgestrahlt. Der Roman „Der nasse Fisch“ war unter dem Titel „Babylon Berlin“ von ARD und Sky mit hohem Aufwand auch bereits fürs Fernsehen adaptiert worden war (vgl. MK-Artikel).

30.11.2018 – MK

Print-Ausgabe 24/2018

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