Misstrauen, Neid, Kontrollwahn

Eine Binnensicht: Zum Wulf-Mathies-Bericht über den WDR

Von Sabine Rollberg

31.10.2018 • Monika Wulf-Mathies hat am 12. September 2018 in Bonn ihren Abschlussbericht mit den Ergebnissen ihrer Untersuchungen zu den Fällen sexueller Belästigung im WDR vorgelegt. Der Bericht trägt den Titel „Mehr als #MeToo“ – Die Verantwortung des WDR als Arbeitgeber“ und er zeigt auf, dass die Entwicklung im WDR in den vergangenen Jahren dazu geführt hat, dass der Sender als Arbeitgeber im Management ein desolates Bild abgibt. Es gebe Machtmissbrauch und Diskriminierung, so Wulf-Mathies. Sie forderte deshalb eindringlich einen Kulturwandel beim WDR (vgl. diesen MK-Artikel). Auf die Veröffentlichung des Prüfberichts von Wulf-Mathies haben zwei frühere Mitarbeiter des WDR mit reagiert. Sie schildern ihre persönlichen Erfahrungen beim WDR und setzen sie in Relation zum Bericht von Wulf-Mathies. Eine Binnensicht kommt von Sabine Rollberg, die als Redakteurin und Auslandskorrespondentin 38 Jahre lang beim WDR arbeitete und Anfang 2018 in Pension ging. Rollberg lehrt als Professorin für Künstlerische Fernsehformate an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. Eine Sicht von außen, das heißt, die eines freien Mitarbeiters, steuert Hektor Haarkötter bei (vgl. diesen MK-Artikel). Er ist heute an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg Professor für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt politische Kommunikation und war früher viele Jahre als freier Mitarbeiter für den WDR tätig. • MK

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Monika Wulf-Mathies hatte den Auftrag übernommen, die Fälle sexueller Belästigung im WDR und den Umgang des Senders damit zu untersuchen. Im September hat sie auf einer Pressekonferenz in Bonn ihren Abschlussbericht vorgelegt und sie hat dem WDR die Leviten gelesen. Es herrsche am Rhein ein Klima der Angst, des Machtmissbrauchs und der Diskriminierung. Die vom Intendanten beauftragte ehemalige EU-Kommissarin hat sich offenbar nicht vom Charme Tom Buhrows einfangen lassen. Dieser hat zwar auf der Pressekonferenz in Bonn sehr betroffen geschaut, aber sofort betont, an seinem Personaltableau nichts verändern zu wollen.

Ich selbst habe in meinen insgesamt 38 Jahren im WDR vieles erlebt, wovon die Rede in besagtem Bericht ist; zu betonen ist dabei allerdings, dass meine negativen Erfahrungen sich ausschließlich auf die letzten Jahre beziehen. Auch ich darf als ehemalige Mitarbeiterin des Hauses nicht über darin involvierte Personen sprechen. Eine allgemeine Bestätigung des Berichts von Monika Wulf-Mathies klingt dann nur feige und nichtssagend. Es ist außerdem gefährlich, in Zeiten einer manipulierten Gegenöffentlichkeit der rechten Szene, die öffentlich-rechtlichen Sender zu kritisieren, denn man wird dann auch sofort in eine Ecke mit denen gestellt, die „Lügenpresse“ schreien.

Ich bin ein bekennender Fan unseres Rundfunksystems und nach wie vor den Briten dankbar, dass sie uns dieses öffentlich-rechtliche Modell nach dem Zweiten Weltkrieg vermacht haben. Dennoch nagen Zweifel in mir, warum es in den vergangenen Jahren beim WDR so schlecht gelaufen ist, dass Monika Wulf-Mathies zu solch vernichtenden Aussagen gelangt. Ich habe von vielen meiner früheren WDR-Kollegeninnen und -Kollegen gehört, dass sie diesen Bericht als vielleicht die letzte große Chance sehen, entscheidende Veränderungen herbeizuführen, um den WDR, den wir so geschätzt haben, zukunftsfähig zu machen. Es geht mir um die Frage, wie ein weltoffener, liberaler Sender, der für sein herausragendes Programm, sein gutes Betriebsklima, die Qualität seiner Belegschaft, sein einzigartiges Redakteurstatut und vieles mehr bekannt war, zu einer Anstalt verkommen konnte, deren Führungskräfte laut Wulf-Mathies soziale Kompetenz und Managementqualitäten vermissen lassen.

Keine kommunizierenden Röhren

Einige Tage bevor der Abschlussbericht von Monika Wulf-Mathies veröffentlicht wurde, waren Nachrufe auf zwei frühere WDR-Kollegen veröffentlicht worden, auf den Filmspezialisten Helmut Merker und auf den früheren Fernsehspielchef Gunther Witte. Die Beschreibungen dieser gerade Verstorbenen machten deutlich, was es heute nicht mehr im Sender gibt. Diese Kollegen waren hochkompetent, sowohl inhaltlich als auch sozial. Sie waren intelligente Gentlemen. Kein Chef der Welt hätte sich erdreistet, ihnen in Details ihres Programm hereinzureden, kein Fernsehdirektor wäre ihren Argumenten gewachsen gewesen, denn das, was diese beiden mit Verantwortungsgefühl gemeinsam mit künstlerischen Filmemachern produziert haben, war sehr durchdacht. Natürlich gab es dabei auch mal Irrtümer, Fehler oder Missgeschicke, aber darüber hätte man sich dann ausgetauscht, vertrauensvoll und kollegial. Es herrschte ein Umgangston des gegenseitigen Respekts.

Vielleicht verkläre ich die alten Zeiten und Programme. Aber wenn ich Studierenden Filme aus diesen Jahren zeige und den Kontext schildere, dann können sie alle nicht glauben, was damals möglich war. Nun werden die heutigen Hierarchen einwenden, die Zeit des Redakteursfernsehens sei vorbei, sie wüssten durch die Einschaltquoten genau, was das Publikum wolle, und ihre Aufgabe sei es, die Wünsche der Zuschauerschaft zu bedienen. Hatte nicht Jens Jessen, als er im Jahr 2000 Feuilletonchef der „Zeit“ wurde, schon von den „Quoten-Idioten“ geschrieben?

Ich will hier keine ausgelutschte Quotendiskussion beginnen, wir wissen alle, dass sich die Fernsehlandschaft extrem verändert hat. Mein Anliegen ist es, hier und heute noch einmal die Frage zu stellen, ob eines der Heilmittel, das der WDR zu Beginn der 1990er Jahre auf die Bedrohung durch die privaten Sender angewandt hat, richtig war? Damals wurden die Fachredaktionen weitgehend abgeschafft und parallel wurden die vertikalen Machtstrukturen ausgebaut, es wurde also die mittlere Hierarchie verstärkt. Jeder Hierarch baute sein kleines Imperium auf. Monika Wulf-Mathies nennt das „Silostrukturen“ – es sind keine kommunizierenden Röhren, sondern alles Machtapparate, mit eigenen Personalakten und Personalreferenten. Die eigentliche Personalabteilung kann Schulungen und Coachings anbieten; da diese freiwillig sind, tangieren sie die parallele Struktur der hierarchischen Personalführung aber nicht. Mich hat nie ein Vorgesetzter nach einem Feedback gefragt und in meinen 38 WDR-Jahren habe ich nur ein einziges Mitarbeitergespräch gehabt und dabei ging es mit keinem Wort um das Verhalten eines Vorgesetzten, obwohl Mitarbeitergespräche von der WDR-Personalabteilung mit einem bestimmten Verlauf vorgesehen.

Ein Programmdirektor kommuniziert nur über soundsoviele Zwischenhierarchen mit einem Redakteur oder einer Redakteurin. Und die sind heute zumeist Allrounder, sie sollen in allen Programmbereichen einsetzbar sein. Redakteure sind heute zwar – positiv gesehen – flexibel, aber damit auch austauschbare Figuren geworden. Ihre jeweilige Fachkompetenz gegenüber Vorgesetzen ist somit ausbaufähig. Früher gab es Historiker in der Geschichtsredaktion, heute gibt es nicht mal mehr eine Geschichtsredaktion. Heute gibt es im WDR-Fernsehbereich – und das wurde von Monika Wulf-Mathies mit am heftigsten kritisiert – keine Fachredaktionen mehr für bildende Kunst, Musik, Theater… 

WDR-Hierarchen in verschiedenen Gremien

Ein Autor hat es inzwischen fast immer gleichzeitig mit zwei Redakteuren zu tun, der freie Mitarbeiter ist aufgrund dessen automatisch in einer Position der Schwäche. Alle Fragen werden so als Kompromisse ausgehandelt, wenn sie überhaupt verhandelt und nicht bestimmt werden. Der freie Autor hat kaum Chancen, sich durchzusetzen. Die Redaktionsleitung über den beiden Redakteuren ist dann die letzte Instanz. Sie nimmt jeden Beitrag noch einmal ab. Dies höhlt das seit 1980 bewährte Redakteursstatut des Senders aus, nimmt dem eigentlich fürs Programm Verantwortlichen die Kompetenz. Oft genug willkürlich entscheidet diese Leitung dann, Text, Musik, Schnitt, Grafik oder was auch immer zu ändern. Das wird dann nicht einmal mit dem Autor besprochen, das wird angeordnet. Der Filmemacher, der ja meist der wirkliche Experte zu dem entsprechenden Thema ist, wird nicht gefragt. Radikale, mutige, eigensinnige Filme, wie es gerade eine Veranstaltung der Dokumentarfilminitiative fordert, kommen so nicht zustande. Sie waren einst das Aushängeschild des WDR. Die Redakteurvertretung hat sich mit der Frage, ob es mit dem Statut übereinstimmt, dass sich ein Redaktionsleiter vorbehält, die redaktionelle Abnahme seines Mitarbeiters für nichtig zu erklären und den Beitrag verändern zu lassen, bisher nicht befasst, weil kein Redakteur, der davon betroffen ist, sich bisher an die Vertretung gewandt hat.

Das ist ein Beleg der herrschenden Angst, die Monika Wulf-Mathies in ihrem Abschlussbericht benannt hat. Die Redakteure scheuen Konflikte. Wieso waren ihre Kollegen in früheren Zeiten mutiger? Weil sie bessere und unbefristete Verträge hatten? Weil sie heute vereinzelt sind und jeder nur für sich kämpft? Weil sie an Beispielen älterer Kollegen gesehen haben, wie diese schikaniert, ausgegrenzt und an ihrem Fortkommen gehindert und dann sogar krank wurden? Hierarchen des WDR sitzen gleichzeitig auch in verschiedenen Gremien, also etwa bei der Filmstiftung oder im Grimme-Institut. Wenn man nicht in ihrer Gunst steht, dann hat man nirgendwo in diesem Bundesland eine Chance. Das haben jüngst auch vier nordrhein-westfälische Filmverbände in einem offenen Brief zur „Ballung von Macht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“ aufgezeigt (vgl. MK-Dokumentation).

Die Verbesserung von innerbetrieblichen Strukturen und Kommunikationsmöglichkeiten sind eine große Hilfe. Aber emotionale Viren werden in einem Unternehmen von Menschen verbreitet, daher kann die Hoffnung für den WDR vor allem darin bestehen, dass die Vorgesetzten, die bisher ihren Cocktail aus Misstrauen, Neid und Kontrollwahn durch die Klimaanlage in alle Räume geblasen haben, in Zukunft daran gehindert werden, dies weiterhin zu tun. Unsouveräne Leute verdienen keine Macht über Menschen.

31.10.2018/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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