Diskret auf zwei Rumpfketten

Das überregionale Deutschlandradio ist nun auf Sendung

Von Waldemar Schmid
07.01.1994 •

Zwei Tage vor Heiligabend war sie zu Ende, die endlose medienpolitische Hängepartie um den „nationalen Hörfunk“, wie das geplante Gebilde noch bis vor kurzem genannt wurde: Die Landtage von Sachsen und Thüringen berieten und verabschiedeten am 21. und 22. Dezember als letzte Länderparlamente die beiden Staatsverträge über die neue Körperschaft des öffentlichen Rechts. Einen Tag vor Heiligabend traf sich der zukünftige Verwaltungsrat des Deutschlandradios in der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei in Mainz. Bei diesem Treffen wurde ZDF-Intendant Dieter Stolte zum Vorsitzenden des Gremiums und damit auch zum kommissarischen Intendanten benannt. Die bisherigen Sender Deutschlandfunk, RIAS und DS Kultur, bis zum 31. Dezember 1993 um 0.00 Uhr mit jeweils eigenen Vollprogrammen, erstanden unmittelbar darauf neu mit zwei Programmen, über ein Jahr später allerdings als ursprünglich geplant.

Nicht nur die Anstaltserrichtung hatte zuweilen wie eine zeitlich überdehnte Politgroteske gewirkt, auch die (vorläufige) Erarbeitung der beiden Programme hatte insbesondere in Berlin zuweilen skurrile Züge angenommen. Dort spielen allerdings die politischen Herkünfte der Mitarbeiter in den beiden Anstalten eine überragende Rolle, nicht nur der Umstand, dass zwischen Nalepastraße (DS Kultur) und Kufsteiner Straße (RIAS) mehr als eine Autofahrstunde liegt. Früher lagen Welten und eine Mauer dazwischen, über die nicht wenige der jetzigen RIAS-Mitarbeiter aus der DDR geflohen waren; heute schwebt zudem über mehreren der DS-Kultur-Mitarbeiter das Damoklesschwert der Gauck-Behörde. Von der Psychologie her ist die Vereinigung der beiden Berliner Sender ein Unding: Wer würde es anderswo den Mitarbeitern von zwei Rundfunkanstalten, die bis vor drei Jahren gegeneinander „Frontfunk“ machten, zumuten, von irgendeinem Neujahrstag an aus Gründen purer Geschäftsmäßigkeit als eineAnstalt reibungslos miteinander zu funktionieren?

Gemeinsames Dach, getrennte Programme

Dass das Berliner Programm die Vernarbungsgeschichte der beiden Deutschlands am Fall einer Rundfunkanstalt vertretungsweise aufzeigt, ist einer der wichtigen Aspekte. Ein anderer ist, dass die bisherigen Anstalten aus sehr unterschiedlichen Rechtskonstruktionen kamen: der Deutschlandfunk (DLF) aus Bundesrecht, der RIAS aus alliiertem Recht und DS Kultur als Überrest des DDR-Rundfunks aus der bereits Rundfunkgeschichte gewordenen Abwicklungs-„Einrichtung“ von Rudolf Mühlfenzl, die letzte rundfunkrechtliche Aufräumaktion nach dem Kehraus von 1989.

Die drei bisher eigenständigen Anstalten stehen nun unter dem gemeinsamen Dach von ARD und ZDF und unter Länderhoheit. Das berührt einen weiteren Aspekt: Die Ambitionen des ZDF, auf dem Weg über die Teil-Treuhänderschaft für DS Kultur einen Fuß in den Hörfunk zu bekommen. Die Mainzer hatten zunächst für eine klare organisatorische Zuordnung jeweils eines Senders zum ZDF bzw. zur ARD plädiert. Nun fungiert ZDF-Intendant Dieter Stolte neben seinem Vorsitz beim Deutschlandradio-Verwaltungsrat (ohne Aussicht auf den Vorsitz soll er gar nicht in den Verwaltungsrat gewollt haben) bis zur Wahl des eigentlichen Intendanten auch als kommissarischer Intendant dieses Doppelradios.

Einmalige Laborbedingungen

Der Übergang des Kölner Deutschlandfunks in das Deutschlandradio verlief weit geordneter als in Berlin, kannte aber dennoch medien- und personalpolitische Fußnoten: Die erheiterndste war gewiss jene Pressekonferenz von Noch-DLF-Intendant Edmund Gruber am 28. September 1992, eigens einberufen für die „Praktisch-tot“-Erklärung des nationalen Hörfunks durch Gruber, einen Tag vor seiner ersten Abwahl. Aber erst am 7. Oktober 1992 – nach zweimaligem Gremien-Lufttransportaufwand und akribisch zelebrierten Säkularritualen – war Edmund Gruber als DLF-Intendant und damit als Verfechter eines personell „schlanken“ DLF-Konzepts im Umfeld der multilateralen Basteleien am nationalen Hörfunk entlassen, seine Auferstehung als CNN-Deutschland-Chef unterblieb und das von ihm totgesagte Deutschlandradio lebt jetzt.

Über kaum ein anderes medienpolitisches Projekt dieser relativ bescheidenen Größenordnung ist so ausdauernd berichtet worden wie über das jetzt „DeutschlandRadio“ genannte und seit dem 1. Januar 1994 existierende Unternehmen mit seinem Hörfunk-Doppelprogramm. Das lag daran, dass auch für Außenstehende die Laborbedingungen, unter denen es entstand, einmalig waren wie kaum anderswo und gleichzeitig meist schön zutage traten. Hingebungsvoll wurden Fragen erörtert wie etwa: Wer kann ein solches nationales Radio – von den sozialpolitischen Erfordernissen abgesehen – überhaupt wollen? Wer kann behaupten, es zu benötigen, und wer wird es hören? Wer hat am meisten Furcht vor diesem Radio, seinen Aufgaben, seinen möglichen Erfordernissen und seinen möglichen Erfolgen und somit Quoten? Wer hatte jemals eine Vision von der unverwechselbaren Gestalt und Funktion eines solchen nationalen Radios? Jemand in Berlin oder in Köln? Kann ein Kunstprodukt dieser Art, geboren aus medienpolitischer Springprozession und sozialer Fürsorgepflicht, überhaupt Elan entwickeln? Wie ist das, wenn kein Grundversorgungsauftrag geduldet wird, mit der verbleibenden Integrationsfunktion? Könnte Hörfunk heute überhaupt (neben dem Fernsehen) eine Integrationsrestfunktion haben und musste wegen der vermuteten marginalen Restwirkung ein derart aufwendiges Umstrukturierungsprocedere in Bewegung gesetzt werden? Warum dann unbedingt zwei Programme, wenn die UKW-Frequenzen schon für eines nicht reichen und die Landespolitiker besonders in den Südstaaten gegen weitere Frequenzen für das neue Radio sind? Schnee von gestern ist das nun alles.

Die medien- und programmpolitischen Risiken

Im gerade vergangenen Herbst hatten die angesammelten Restgelder aus dem Jahr 1992 für das überregionale Radioprojekt schon erstmals als Finanzpflaster hergehalten, um mit knapp 233 Mio DM ein ARD/ZDF-Finanzloch mit zu stopfen (vgl. FK-Hefte Nr. 45/93, 49/93 und 51-52/93). Kein Präjudiz für vergleichbare Spielchen in weiterer Zukunft? Und falls die bundesdeutsche Gesellschaft oder irgendein profilierungsbedürftiger Medienpolitiker irgendwann einmal zur Kenntnis gibt, dass die „Integration“ Deutschlands nun vollendet sei? Welche Aufgabe wird für das Deutschlandradio sodann definiert, welche theoretische Legitimation zumindest?

Und schließlich: Wo sind die Frequenzen, die die beiden Teilradios unter den potenziellen Nutzern bekannt machen könnten, bekannter jedenfalls als sie jenseits des publizistischen Eifers erscheinen, der um sie herum während der vergangenen drei Jahre entwickelt wurde? Derzeit besitzt das Kölner Programm 23 UKW-, sieben MW- und zwei LW-Frequenzen, das Berliner Programm 13 UKW- und fünf MW-Frequenzen sowie eine LW- und eine KW-Frequenz, insgesamt erschreckend wenig Ultrakurzwelle, bezogen auf das geeinte Deutschland. Ungleichmäßig platziert zudem und vor allem in der Anzahl ungerecht verteilt; das schafft böses Blut und für den kommenden Intendanten ein reiches Betätigungsfeld für die intensive Werbung um neue Frequenzen, wo auch immer. Wirkliche Hoffnung gibt – neben der Astra-Satellitenausstrahlung beider Programme – nur die Aussicht auf Digitalhörfunk (DAB), wobei dort die Verteilkämpfe wohl auf ein Neues starten werden.

Schließlich: Die Erfolgsaussichten

Es bleibt schwierig, den „Bedarf“ für ein solches, diskret auf zwei UKW-Rumpfketten sendendes Unternehmen zu definieren, das seinem Konzept nach werbefrei bleiben muss und das sich nicht einmal über kommerziellen Erfolg legitimieren könnte, so es ausreichende Quoten hätte. Wird die Medienpolitik dauerhaft herhalten, um diesen Hörfunk und seine monatliche 75-Pfennig-Zusatzgebühr zu stützen? Wird diejenige Schicht der Worthörer, die etwa das über alle Zweifel erhabene Wortprogramm aus Köln als Informationsquelle schätzt, einflussreich genug bleiben, um seinen Fortbestand zu sichern? Wird sich das neue Berliner Zwitterprogramm als kulturelles Ergänzungsprogramm genügend profilieren können, um medienpolitisches Standing zu bekommen? Wird es so bleiben, dass der Begriff „DeutschlandRadio“ zwei Programme bedeutet und dass man nicht bei passender Gelegenheit ein Programm kippt, um wenigstens eines zu retten?

So gesehen bleiben für das Deutschlandradio außerhalb des sozialpolitischen Aspekts, der finanziell eindrucksvoll ist und unter ausreichenden Ärgernissen über die mittlerweile drei Entstehungsjahre durchgefochten wurde, derzeit kaum mehr als reichlich vage Visionen von Integrationsradio; jede andere Funktion muss von den öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten bestritten werden, um deren eigene Grundversorgungsaufträge in den teuren Sendebereichen (Kultur und Bildung in den E-Musik- und Kulturprogrammen) nicht zu gefährden. Nicht viel Unterfutter also für solch ein publizistisches Nationalgebilde. Die Verantwortlichen werden für Anhänglichkeiten (nicht Abhängigkeiten) in der Politik sorgen müssen, sie werden für ihr(e) Radio(s) anderweitig publizistisch hochaktiv werden und bleiben müssen, die beiden Programme werden für sich selber werben müssen und hier wird es das relativ homogen gebliebene Kölner Programm wesentlich leichter haben als das Berliner Programm. Die Kölner werden wie bisher keine Gelegenheit auslassen, die Politikprominenz bei jeder sich bietenden Gelegenheit morgens aus den Betten zu holen und mit ihr nachrichtenfähige Interviews zu fabrizieren, wofür der Deutschlandfunk ja schon weit vor dem Vereinigungswunder beispielgebend geworden ist. Das Berliner Programm hat es da nicht nur wegen seiner zerklüfteten Programmphilosophie schwerer, sondern auch wegen der Berliner Luft, die wesentlich radio-aktiver ist als die schon frequenzmäßig hochbelastete Köln-Bonner Luft. In Berlin ist somit eine baldige Programmüberarbeitung vorstellbar, weil notwendig.

• Text aus Heft Nr. 1/1994 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

07.01.1994/MK

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