Internet‑Erfolg und DAB‑Misere

10 Jahre Deutschlandradio: Markenidentität und Ost‑West‑Integration

Von Waldemar Schmid
09.01.2004 •

Es ist bei Radioprogrammen wie bei Autofirmen: Die Entwicklungsabteilung sorgt für Neues. Der „Arbeitsgruppe Programmentwicklung“ beim Köln-Berliner Deutschlandradio (DLR) gehören zwei Dutzend Leute an. Die treffen sich mehrmals jährlich und erspüren Neuerungsbedarf für die beiden Programme Deutschlandfunk (DLF) und Deutschlandradio Berlin. Auch für dieses Jahr sind Programmergänzungen vorgesehen, besonders für das Deutschlandradio Berlin.

Es war vor zehn Jahren, als aus RIAS Berlin und dem Ost-Berliner Deutschlandsender Kultur (DS Kultur) jenes provisorische Programm Deutschlandradio Berlin entstand. Nach und nach entwickelte man dazu ein Programmkonzept. Es war ein schwieriges Cohabitat nicht nur in ‘Rundfunk-Gesamtberlin’, sondern auch zwischen Berlin und Köln: Von insgesamt 1300 Beschäftigten beim neuen DLR Berlin und beim bestehenden Kölner Deutschlandfunk, der nun ebenfalls unter der Dachmarke Deutschlandradio firmierte, mussten 590 wegrationalisiert werden, denn das neue Zwei-Programme-Haus sollte staatsvertragsgemäß nur noch zusammen 710 Festangestellte in beiden Städten haben.

Heute ist das damalige Chaos schon Medienzeitgeschichte und die traditionellen Dezember-Gespräche der Deutschlandradio-Chefetage mit der Medienfachpresse geben am Ende eines Jahres stets Aufschlüsse über Aspekte der Arbeit und der Selbsteinschätzung im Sender. So ruhte 1996 das Augenmerk auf den vergleichsweise geringen Kosten für die DLR-Programme (vgl. FK-Heft Nr. 51/96). 1999 stand die deutsch-deutsche Integration als wesentliche Funktion der Sendungen der beiden Programme im Fokus (vgl. FK-Heft Nr. 2/00). Im Jahr 2001 schließlich lag der Schwerpunkt auf dem hohen Niveau der DLR-Programme, die man beide in die Kategorie Kulturradios sortiert sehen möchte (vgl. FK-Heft Nr. 51/01). Und Ende 2002 verwies man auf die synergieschaffenden Kooperationen mit Radios, Zeitungen und Kulturinstitutionen (vgl. FK-Heft Nr. 3/03).

Edle Klientel, mickrige Frequenzen

Auf die Festigung der „Markenidentität“ des Senders ist die Leitung des Deutschlandradios penibel bedacht. Das hat seine Gründe in den kleinen Quoten der beiden Programme, die vom Publikum zu leicht überhört würden, wenn nicht die Klientel eine besondere wäre. Es hören die Informationseliten in Politik und Wirtschaft zu. Dort wie auch bei den Kultureliten sind die DLR-Programme geschätzt, im parteipolitischen Spektrum unterschiedlich, weil die politische Information der beiden Programme als linkslastig gilt.

Man wünscht sich beim Deutschlandradio über die Eliten und deren Umfelder hinaus (natürlich) noch wesentlich mehr Hörer. Die gibt es jedoch nur, wenn die Programme überall auf UKW empfangbar und wenn sie in Teilen populär sind. Die Popularität wurde etwa mit großen Magazinstrecken vergrößert, UKW-Frequenzen wurden jedoch zum knappen Gut. 131 Frequenzen für den Deutschlandfunk und 133 für das Deutschlandradio Berlin sind den Zahlen nach zwar eindrucksvoll, aber das relativiert sich sehr, wenn man sieht, wie mickrig die Sendeleistungen zum Teil sind und wie löchrig die Frequenzbedeckungen. Ein Ausweichen in die Technik des Digital Audio Broadcasting (DAB) – immerhin ist das Deutschlandradio in allen DAB-Betriebsgesellschaften Teilhaber und sendet seine zwei Programme bundesweit auch digital – hilft nicht. Denn hier bleibt es bei der Misere, dass nach wie vor massenhaft die DAB-Empfangsgerätekäufer fehlen.

Stattdessen werden die DLR-Live-Streams monatlich (im November 2003) von statistisch 370.000 PC-Nutzern im Internet gehört. 90 Prozent davon nutzen ein DLR-Programm täglich; jeder vierte gab an, eines der Programme nicht über UKW empfangen zu können. Das Internet wird somit für Interessierte zum Ausweichmedium. Und es wird zum Radio-on-demand. Einzeln abgerufen wurden im November 2003 knapp 6 Mio Einzelseiten des Deutschlandradios, Anfang 2003 waren es erst 2,3 Mio.

Die Akzeptanz der Programme über das Internet nimmt überdurchschnittlich zu. Bald will man den größten Teil des DLR-Textangebots in das Internet stellen. Hier hat beiderseits der Browser ein Umdenken stattgefunden: Noch 1996 hielt man die Deutschlandradio-Klientel für zu alt und radiotechnisch zu unbedarft für das Internet; heute sieht man im Internet ein künftiges Massenmedium neben der Radioverbreitung. Das sagt auch einiges über die DLR-Hörer aus. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) befürwortet in ihrem 14. Bericht die Fortführung des DLR-Online-Projekts und sieht hierfür statt bisher 2,45 Mio Euro (insgesamt für die Jahre 2001 bis 2004) künftig 5,07 Mio Euro vor (für 2005 bis 2008).

Die „Marke Deutschlandradio“ bedeutet, wie am 16. Dezember 2003 in Berlin beim jährlichen Gespräch mit den Journalisten bekräftigt wurde, Radioprogramme mit 65-Prozent-Ursendungsanteil allgemein, bei Wortsendungen beträgt dieser Anteil sogar 80 Prozent. Das gilt als Unterscheidungsmerkmal in der penibel betonten Nicht-Konkurrenz zu den ARD-Radioprogrammen. Dort beträgt die Wort-Ursendungsquote um die 25 Prozent. Somit positioniert sich das Deutschlandradio als Informationselite-Sender mit hohem Exklusivcharakter in Politik, Wirtschaft und Kultur. Außerdem ist es E-Musik-Mitproduzent, weil es als 40-Prozent-Gesellschafter der Berliner Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) im E-Musikbereich viel herstellen lassen kann (vgl. hierzu FK-Heft Nr. 27-28/98). Der Orchesterbetrieb durch ARD-Sender wird freilich neuerdings in Frage gestellt.

Intendant Elitz: Offen für Strukturveränderungen

Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz, Ende 2002 mit einer Amtszeit-Verlängerung bis 2009 bedacht, würde aber von den ROC-Anteilen kaum lassen. Auch deshalb, weil das Deutschlandradio dieser Musik-GmbH immer wichtiger wird, weil der Bund möglicherweise seinen ganzen 35-Prozent-Anteil zurückgibt. Dann müssten die übrigen Gesellschafter vertragsgemäß ebenfalls Anteile zurückgeben. Das wäre für das Berliner Musikleben eine katastrophale Perspektive. Deshalb sucht man einen anderen Teilhaber. Elitz plädiert dafür, dass das Land Brandenburg mit in die ROC GmbH einsteigt.

Dass der Ist-Zustand des Hauses Deutschlandradio kein Titel ist, auf dem man kompromisslos sitzen bleiben will, machte Intendant Ernst Elitz am 16. Dezember mit Blick auf die neuere Gebührendiskussion deutlich: „Wir sind für Strukturveränderungen, wenn sie schlüssig sind, durchaus offen“, ließ er wissen. Konkreter mochte er allerdings nicht werden. Immerhin musste sich das Deutschlandradio schon in der Gründungsphase mit der Reduzierung auf 710 Festangestellte enorm verschlanken. Die gesetzlich festgelegte Mitarbeiterzahl kann aber in Zeiten argusäugiger Mediensparpolitiker zum Vorteil geraten: Sofern im Verwaltungsbereich ein Stellenabbau erzwungen werden sollte, könnte die entsprechende Stellenzahl in den Programmbereich umgewidmet werden.

Dass die Legitimation des Doppelsenders neben den ARD-Radios immer Bestätigung braucht und erhält, zeigt eine Emnid-Studie vom November 2003. 548 Personen (208 Politiker, 192 Journalisten und 138 Wirtschaftsmanager) wurden nach ihrer Mediennutzung und speziell nach der von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Berlin befragt. Die beiden DLR-Programme erhielten dabei zu 71 Prozent das Prädikat „qualitativ anspruchsvoll“. Andere ARD-Radios erhielten diese Note zu im Schnitt 24 Prozent, kommerzielle Radios zu zwei Prozent, überregionale Tageszeitungen zu 62 Prozent. Bei der Frage der Ausführlichkeit schnitten die DLR-Programme (66 Prozent) und die Tageszeitungen (65 Prozent) am besten ab, die ARD-Radios stehen dort bei 20 Prozent, die Privatradios bei erneut bei zwei Prozent. In der Beurteilung zum Punkt „informiert tiefgehend über Hintergründe“ werden die DLR-Programme mit 57 Prozent knapp von den überregionalen Tageszeitungen (58 Prozent) überboten.

Ein Radiohaus sucht und findet Bestätigung bei aktiven Hörern und bei Medienforschern: Im Dezember 1999 war in einer anderen Emnid-Umfrage ermittelt worden, dass das Deutschlandradio mit seinen zwei Angeboten der „Integrationssender Nummer 1“ sei, also derjenige Hörfunkanbieter, der das politisch wichtige Zusammenwachsen von Ost und West am besten zu fördern in der Lage sei (vgl. FK-Heft Nr. 2/00). 

• Text aus Heft Nr. 2/2004 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

09.01.2004/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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