Thea Dorn/Hermine Huntgeburth: Männertreu (ARD/HR)

Ein Leichnam namens Medienöffentlichkeit

25.07.2014 •

Das ist, zunächst einmal, ein Film, der sehr viele Assoziationen weckt. Das Sujet und der Stil lassen an die Netflix-Serie „House of Cards“ denken, der Protagonist Georg Sahl verweist in Teilen seines Egos auf eine Gestalt wie Dominique Strauss-Kahn, seine beruflich-soziale Position erinnert an Frank Schirrmacher, die politische Eskalationsebene verweist auf andere deutsche Fernsehfilme, die reale politische Skandale aufgriffen: „Der Minister“ (vgl. FK-Heft Nr. 11/13), „Der Rücktritt“ (vgl. FK-Heft Nr. 9/14) und „Die Spiegel-Affäre“ (vgl. FK-Heft Nr. 19/14). Was „Männertreu“ im Vergleich zu den letztgenannten Filmen heraushebt, ist die souveräne fiktionale Konstruktion eines Falls und einer Figur, mit der mediale Mechanismen, ein Machtbehauptungsmilieu und eine erregte Öffentlichkeitszone erkundet und befragt werden können.

Dieser Georg Sahl (Matthias Brandt) wird somit zu einer Sonde, mit der man mentale Prägungen der Bundesrepublik erkunden kann – wenn man will. Dieser Typ schillert. Er ist der letzte große Zeitungsmann, ein bürgerlich-liberaler Souverän, der sein Blatt als letzte Bastion gegen den kulturell-geistigen Verfall betrachtet. Die Rede stets geschliffen, das Einstecktuch blitzt blütenweiß, die Frisur wirkt so befestigt, als könne mit ihr die sittlich-ethische Verluderung des Landes gestoppt werden. Ein großer Kopf! Ein Typ in Fraktur, ein Pflichtpflanzmeister, der sich an Kants Maxime „Ich kann, weil ich will, was ich muss!“ festhält. Diesen Leitsatz trägt er immer bei sich, auf einem zusammengefalteten Zettel, den ihm, so die oft erzählte Privatlegende, sein Vater zugesteckt hat.

Der Sohn Thomas Sahl (Maxim Mehmet) kennt alle Selbstdarstellungstricks des Vaters und verabscheut dessen erotische Libertinage. Vor dem sexuellen Heißhunger des Mannes ist niemand sicher und die Volontärin Nina, die glaubt, ihn ganz allein zu besitzen, unterliegt einem gewaltigen Irrtum, nicht nur weil sie lediglich eine von vielen vielen Affären ist, sondern auch weil Sahls Georg Ehefrau Franziska (Suzanne von Borsody) als duldsame Mitwisserin agiert und dessen wilde Samenverschleuderung eher als Vitalitätsnachweis betrachtet und nicht als Malheur. Gegen dieses Glanzpaar, das nach außen wie eine Festung agiert, ist kaum anzukommen, zumal Franziska eine erfolgreiche Anwältin ist. Nur mit dem Staat, das haben sich beide geschworen, wollten sie nie ins Bett gehen.

Da erreicht den eitlen Zeitungsmonarchen über die einflussreiche Bürgermeisterin Frankfurts (Margarita Broich) die Nachricht, dass ihn die Bundeskanzlerin zum Bundespräsidenten machen will, er sei der „Herzenskandidat“ der Kanzlerin und das ist für den ewig virilen Kerl geradezu ein institutionalisierter Dauerorgasmus. Dafür lässt sich der lendenstarke Meinungsführer sogar ins ungeliebte Fernsehen bitten, wo er der Talkshow-Moderatorin Helen Winter (Claudia Michelsen) erst Rede und Antwort steht und nach der pfauenhaften Selbstauffächerung in der Garderobe an die Wäsche geht.

Dieser genialische Gockel scheint alles im Griff zu haben, doch da macht ihm die besitzergreifende Volontärin einen Strich durch die Rechnung. Als Sahl das Techtelmechtel mit ihr beendet, dreht sie durch, läuft in hysterischer Erregung auf die Straße, wird überfahren und fällt ins Koma. Wird sie überleben? Die Medien riechen Lunte, die Meute stürzt sich auf den Kandidaten. Ist er sauber? Ist er ein notorischer Fremdgänger? Ein Heuchler? Öffentlich ein verlogener Pflichtprediger und privat moralisch verkommen?

Es ist ein großes Vergnügen jetzt zuzusehen, wie die Affäre ins Rollen kommt, wie sie instrumentalisiert wird, wie sie eingehegt und bewältigt werden soll. An diesem Punkt weitet sich das Thema durch Introspektion, denn die politisch-mediale Bühne wird mit dem familiären Bezugsrahmen verknüpft. Sohn Thomas, der den Unfall der Volontärin durch eine gefälschte E-Mail maßgeblich mitverschuldet hat, muss erfahren, dass auch seine Frau einst ein Verhältnis mit seinem Vater hatte und wendet sich angewidert von seiner Mutter ab, die wie eine spurenbeseitigende Putztruppe agiert, um den Ruf und die Chancen ihres Mannes zu wahren.

Der Facettenreichtum dieses Films, seine stimmige Vielstimmigkeit, die Organizität der Gewerke beruhen zunächst auf dem wunderbar fasslichen und kenntnisreichen Drehbuch von Thea Dorn, die durch ihr Beobachtungs- und Artikulationsvermögen die Sphäre, um die es geht, vollends trifft. In den Stimmen und Szenen ihrer Figuren kommt ein reicher Erfahrungsschatz zum Ausdruck, hier stecken Witz und boshafte Miniaturen, hier finden sich satirische Schnitte in das Fleisch eines lebenden Leichnams namens Medienöffentlichkeit; das ist eine schmerzhaft professionelle Vivisektion.

Auf dieser Basis operieren die Schauspieler mit der ihnen eigenen Kunst und Rücksichtslosigkeit. Matthias Brandt macht seine ambivalente Figur für den Zuschauer wirklich begegnungsoffen, er nimmt diesen Georg Sahl an, zeigt ihn als Feldherrn und Snob, als Schwächling und Monster der Wiederauferstehung, als bedenkenlos elastischen Charakter, aber auch als standfesten, sich treu bleibenden Selbstversorger, der Mut zeigt im Angesicht der Mainstream-Meute und tyrannischen Durchschnittsmeinung. Dabei liefert er ihn nicht an eine grob wirksame Parodie aus, sondern er verteidigt ihn durchaus als Mensch und vielgestaltigen Charakter.

Natürlich, Sahl ist der Protagonist, aber er ist auch so hoch wirksam, weil er in einem Ensemble steckt und steht, weil er umgeben ist von starken Frauenfiguren, die allesamt stimmig sind als realitätssatte Knotenpunkte und die von ihren Darstellerinnen faszinierend präsent verkörpert werden. Claudia Michelsen ist eine herrlich charakterlose Karrieristin, skrupellos, ungemein geschmeidig, eine coole Zockerin. Margarita Broich agiert schwungvoll als einflussreiche Strippenzieherin, sie ist eine herrlich selbstverständlich starke Frauenfigur, ganz ohne Zicken und Allüren, so klar und stark wie Jahrzehnte lang nur Männer agieren durften.

Diese Charakterpräsenz, diese unweinerliche Festigkeit zeigt auch Suzanne von Borsody als Ehefrau. Sie lässt ahnen, dass die Vielweiberei ihres Mannes nicht ganz spurlos an ihr vorübergeht, aber sie beurteilt ihn und sich niemals miefig bürgerlich oder gluckenhaft. Sie ist – darin ihrem Mann sehr gleich – eine Kriegerin, eine Meinungsführerin und Anwältin des eigenen Selbst- und Familienbildes. Ihre Energien stehen denen ihres Mannes kaum nach. Auch dank Suzanne von Borsody begegnet sich dieses Figurenpaar nahezu auf Augenhöhe. Fabelhaft besetzt ist nicht zuletzt Maxim Mehmet als Sohn Thomas, ein weicher Typ, ein Intriganten-Amateur, kein Rebell der Familie, sondern ein widerstrebend Angepasster, der sich freikämpfen müsste, um ganz zu sich selbst zu kommen.

Dass man jeder dieser Figuren folgen, dass man sich auf ihre Perspektiven einlassen kann, dass sich ihre Blickwinkel widerstreitend ergänzen und verschränken, ist auch ein Verdienst der ingeniösen Regie von Hermine Huntgeburth, die die identitätspolitische Dynamik dieses Figurenkarussells so richtig beatmet und befeuert. An diesem Punkt erinnert „Männertreu“ auch an die unvergesslich starken „Familienkreise“ (vgl. FK-Heft Nr. 34/03) von Stefan Krohmer und Daniel Nocke, ein Film, der erzählend in ähnliche Tiefenschichten vorstieß. Die Szenen, die öffentlichen und privaten Räume wirken, auch dank der Ausstattung und der mal nervös beweglichen, mal nuanciert ruhend beobachtenden Kamera (Sebastian Edschmid), ungemein glaubhaft: Es ist nämlich ein eigenes Kunststück, im Fernsehfilm den Gestus einer Talkshow realistisch einzufangen oder das vielstimmige Flirren und die angespannte Erwartungsklaue einer Pressekonferenz überzeugend einzufangen, eine behauptete Dringlichkeit wirklich dringlich erscheinen zu lassen: Hier ist es sehr gelungen.

Was sich die Autorin Theo Dorn wünscht, wissen wir nicht. Aber man kann die letzte Pressekonferenz des Georg Sahl, mit der er als Kandidat für das Bundespräsidentenamt abtritt, auch als provokante Antithese zur präsidialen Weinerlichkeit eines Christian Wulff im Augenblick seines Abtritts lesen. Mit aasigem Charme und unerschütterlicher Selbstgewissheit tritt dieser Mann vor die Medien und setzt sich noch im Fallen ein Denkmal, das ihn wieder nach oben trägt. Diese Lust, seine Lust kennt noch kein Ende.

• Text aus Heft Nr. 30-31/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

25.07.2014 – Torsten Körner/MK

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