Der unregulierte Gedanke

Ein Intendant mit Eigensinn: Im August wäre Hans Abich 100 Jahre alt geworden

Von Norbert Schneider

10.08.2018 • Im September 1978 widmeten sich die „Mainzer Tage der Fernsehkritik“ einmal mehr der Fiktion, „Wirklichkeit und Fiktion im Fernsehspiel“ lautete der Tagungstitel. Nach Günter Rohrbach, Heinz Ungureit und Eckart Stein, nach Helmut Krapp, Hellmuth Benesch und Hans Janke hatte Hans Abich am letzten Tag das letzte Wort. Der Titel seiner Rede war „Plädoyer für die Phantasie“. Auf seine typische Art, abwägend, scheinbar aus der Hand formulierend, halb mit sich selbst im Gespräch, halb mit dem Publikum, und auf eine selten angenehme Weise eitel befasste Abich sich mit dem, was ihn ein Leben lang am meisten interessiert hat: mit der Phantasie als der Kernkraft des Erzählens, mit dem Geist des unregulierten Gedankens, mit der Lust an der Überraschung, dem Willen zum Risiko. Das war auch die Gegenrede eines Seiteneinsteigers gegen Rundfunkroutine, die Warnung, alles auf das Gezählte und Berechenbare zu setzen, auf das unanstößig Gewaschene und Gekämmte, auf eine Vorstellung, die die alten Griechen „rechtwinklig an Leib und Seele“ (was hier eine freie Übersetzung des „kalòs kai agathòs“ ist) genannt haben.

Hans Abich hielt diese Rede zehn Wochen nach seiner Pensionierung. Sie schlug den Bogen zurück zu dem ersten Beruf, dem sich der junge Jurist unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs zugewandt hatte, als den Menschen ein nahrhaftes Hemd näher war als ein phantasievoller Rock. Zusammen mit Rolf Thiele hat er 1946 die Produktionsfirma Filmaufbau GmbH (Göttingen) gegründet und mit großem Kino, von der „Nachtwache“ bis zu den „Buddenbrooks“, das Erzählen von Geschichten, in Sprache und Bilder gefasste Phantasien, zu seiner Sache gemacht.

Ein Medium für Überraschungen

Es war kein Dementi dieser Leidenschaft, als der Geschichtenerzähler Abich, im Sinne des von ihm geschätzten (und verfilmten) Thomas Mann ein „raunender Beschwörer des Imperfekts“, erst Berater, dann Programmdirektor und schließlich Intendant von Radio Bremen wurde. Abich hat die Pflichten dieser Ämter aufs Genaueste wahrgenommen. Doch er hat immer erkennen lassen, dass der Rundfunk für ihn nicht nur gut war für die verlässliche Zeitansage, die täglich wiederkehrende „Tagesschau“ (Abich hat bei der ARD später die „Tagesthemen“ eingeführt!), sondern dass er auch ein Medium für Überraschungen sein sollte, für unglaubliche Geschichten, ein Ort für das Ausleben der Phantasie. Abich wollte nicht schon am Anfang – einer Sache so gut wie einer Geschichte – wissen, wie das Ganze enden würde.

Auch nachdem er 1973 ‘Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen’ wurde, Nachfolger von Lothar Hartmann und Vorgänger von Dietrich Schwarzkopf, hat er dieses Amt nicht einfach als eine gut geölte Schaltzentrale für das Gemeinschaftsprogramm der ARD (was ja auch schon eine sehr spezielle Phantasie erfordert hat) verstanden und geführt. Das auch. Darin war er ganz der schlesische Preuße. Doch war ihm ebenso wichtig, Fernsehen als kulturelles Ereignis zu inszenieren, als einen Ort, an dem die großen Geschichten von heute erzählt werden, ein Massenmedium einerseits mit verlässlichen Abläufen und wiedererkennbaren Inhalten, aber zugleich ein Medium, in dem Dinge vorkommen mussten, die man nicht für möglich gehalten hätte.

Nicht alle Kollegen haben das gut gefunden. Für die meisten war der kürzeste Weg von A nach B immer auch der richtige. Abich dagegen, der Mann mit Eigensinn, hat die (längeren) ungeraden Wege gesucht. Er wollte mehr entdecken als das Absehbare. Er liebte es, im Ungeklärten, im Unabgeschlossenen zu stochern, zu fischen, zu gründeln und dabei unerwartete Entdeckungen zu machen. Das war, wenn ich (mich) an Hans Abich erinnere, das Besondere an ihm. Das hat ihn zu einer der herausragenden Persönlichkeiten gemacht, die den Nachkriegsrundfunk, vor allem das öffentlich-rechtliche Fernsehen, geprägt haben.

Unwiderstehliche Wortmeldungen

Es gab nicht viele dieser Intendanten, die nichts übrig hatten für System-Apologetik, für die machtvollen Selbstinszenierungen, die Anlass für die Vermutung gaben, sie seien in Wahrheit die Ministerpräsidenten. System-Apologetik war Abichs Sache so wenig wie der Rückzug in die Wagenburg. Kritik hat er geschätzt. Er hat sich für das scheinbar Verworrene interessiert, für das offenbar Unlösbare. Seine Botschaft war dann stets dieselbe: Wenn man sich auf Phantasie einlässt, gibt es für ein Problem immer mehr als nur zwei Lösungen.

Als Abich schließlich von beruflichen Erwartungen befreit war, hat er sich dem Lob dieser konstruktiven Phantasie entschlossen hingegeben, in zahlreichen Reden und Debattenbeiträgen. Er brachte mit seinem Engagement für eine advokatorische kirchliche Publizistik – gerne zusammen mit Anna-Luise Heygster (damals Leiterin der „Mainzer Tage der Fernsehkritik“) – seine evangelischen Brüder und Amtsträger aufs Allerfreundlichste und nicht völlig ohne Lust in Verlegenheit, etwa wenn er von „tadellosen Bischofsbulletins“ sprach, die keiner brauche. Solche Wortmeldungen hatten etwas Unwiderstehliches. Seinen Gremienkollegen haben sie so gut gefallen, dass sie sich viel von ihm haben sagen lassen – jedenfalls solange er dabei war.

Heute würde man Hans Abich einen Kommunikator, einen Netzwerker nennen. Er nutzte vor allem in seinem zweiten Leben als Pensionär seine über Jahrzehnte gewachsenen Kontakte, um Menschen zusammenzubringen, die zusammen etwas zustande brachten, was ihnen allein nicht gelungen wäre. Auf diese Weise entstand zum Beispiel das zweiteilige Doku-Drama „Reichshauptstadt – privat“ (ARD/NDR/SFB 1987), für das er Wolfgang Menge (Buch) und Horst Königstein (Regie) zusammengebracht und eine Fülle von prominenten Zeitzeugen versammelt hatte.

Fünf Minuten nach Mitternacht

Mit Gertraud Linz, Hermann Naber, Lore Naber und Dietmar N. Schmidt hat er den siechen Fernsehspielpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste (den es seit 1964 gab) 1989 von Frankfurt am Main nach Baden-Baden gebracht und daraus ein Festival gemacht. Diese Veranstaltung, das Fernsehfilm-Festival Baden-Baden, hat bis heute alle Krisen überlebt und lobt seit 2004 jedes Jahr im November auch einen Hans-Abich-Preis aus. Erster Preisträger war der Regisseur Dominik Graf, dessen Vater Robert Graf einst in dem von Abich produzierten Kinofilm „Wir Wunderkinder“ (1958) eine Rolle gespielt hatte.

Unvergesslich, für alle, die mitgespielt haben, war Abichs Rolle in den Planspielen der Zentralen Fortbildungsstelle für Programm-Mitarbeiter von ARD und ZDF (ZFP). Der machtlose Pensionär, der keine Posten zu vergeben hatte, wurde für die Redakteurinnen und Redakteure, die das Risiko dieser Art von spielerisch-wilder Fortbildung eingingen, gleichwohl eine fraglose Autorität. Sie haben ihn nicht nur respektiert, sie haben ihn verehrt. Noch heute höre ich ihn, wenn er, ein wenig heiser schon vom Reden am Tage, denen, die im „Hotel Sinai“ in der Rhön um ihn herum noch an der Bar saßen, fünf Minuten nach Mitternacht erklärt hat, er könne, leider, nur zur vollen Stunde zu Bett gehen. Und dann anfing, Geschichten zu erzählen, ganz im Sinne des ersten Satzes der Josephs-Tetralogie, der da lautet: „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“.

Am 4. August 1918 wurde Hans Abich in Schlesien geboren. Am 17. Juli 2003 ist er in Freiburg im Alter von 84 Jahren gestorben; beerdigt worden ist er auf dem Friedhof des Breisgau-Ortes Bollschweil, wo er in den letzten Jahren lebte. In diesen Tagen wäre Hans Abich 100 Jahre alt geworden.

10.08.2018/MK