Der kleine Bruder

Ein Gemeinschaftsprojekt, das sich als Erfolg erwiesen hat: 10 Jahre „ARD Radio Tatort“

Von Andreas Matzdorf

27.02.2018 • Es gibt einen runden Geburtstag zu würdigen: Vor zehn Jahren, am 16. Januar 2008, begann im ARD-Hörfunk die Kooperation der Hörspielabteilungen beim Projekt „ARD Radio Tatort“. Seitdem gab es – bis auf drei Ausnahmen – jeden Monat einen neuen Krimi aus dieser Reihe mit dem jeweiligen regionalen Ermittlerteam. Die Ausstrahlungen erfolgen bei den beteiligten Programmen auf den jeweiligen Sendeschienen an verschiedenen Tagen zu unterschiedlichen Zeiten. Das Projekt „ARD Radio Tatort“ verzichtet auf Buchadaptionen, es werden ausschließlich Originalhörspiele in Auftrag gegeben. Jede Landesrundfunkanstalt bringt wie beim TV-„Tatort“ nach Gusto mehr oder weniger Regionalspezifisches ein.

Aufwendig beworben und vom populären Gütesiegel des großen Bruders aus dem Fernsehen gepusht, war bereits der Start des „ARD Radio Tatorts“ im Jahr 2008 sehr erfolgreich. Trotz technischer Probleme – der Streaming-Server soll zeitweise am Rande des Zusammenbruchs gewesen sein – freute man sich nach Ausstrahlung der Pilotfolge neben Hunderttausenden an den Radioempfängern über Zehntausende Online-Zugriffe. Im Sommer 2011 hieß es in einer ARD-eigenen Untersuchung, die Reihe habe bisher insgesamt über eine Million Hörer gefunden, von denen „mehr als die Hälfte ihr eine gute bis sehr gute Note“ ausgestellt hätten. Ob das von der Bewertung her wirklich ein so gutes Ergebnis war, sei einmal dahingestellt. Ende 2011 war bereits von einem Durchschnitt von einer Million Hörern plus 150.000 bis 200.000 Downloads je Folge die Rede. Aktuell werden für jede Folge mehr als eine Million Einschaltungen und rund 600.000 Online-Abrufe genannt. Für Hörspiele ist das sicherlich eine Traumquote. Ohne sich weit aus dem Fenster zu lehnen, kann man vermuten, dass dem Trend zum Radio-on-Demand entsprechend die Zahl der Downloads stetig gewachsen ist, während die Zahl der Radiohörer bestenfalls konstant geblieben ist.

Kein Unterhaltungsverbot

Während die Presse sich mit dem überwiegenden Teil der Radiomacher über das jahrelang angedachte, als dickes Brett gebohrte ARD-Gemeinschaftsprojekt freute, wurde in der Fachpresse zum Teil auch Kritik laut. Hörspielabteilungen kleiner Anstalten gehe durch diese Radiokrimireihe ein wesentlicher Teil des ohnehin geringen Hörspieletats flöten, der dann für Hochwertigeres fehle. Der Hörspielkritiker und MK-Autor Jochen Meißner sprach 2012 hinsichtlich des „ARD Radio Tatorts“ sogar von einer „Offensive der Mittelmäßigkeit“ (vgl. diesen Artikel) und stellte provokativ einen Zusammenhang her zum Trend der „Ent-Substantiierung und De-Intellektualisierung“ her.

Ob allerdings ausgerechnet der für intelligente Unterhaltung stehende, häufig mit sozialen Themen flirtende „ARD Radio Tatort“ für diesen Trend steht, darf man aber auch mal bezweifeln. Dann hätte „Professor van Dusen“ seinerzeit bereits den radiophonen Untergang des Abendlandes eingeläutet und Bastian Pastewkas neuzeitliche „Paul-Temple“-Produktion wäre der Sargnagel gewesen. Sicher, „Radio Tatorte“ bereichern weder die Radiokunst noch gewinnen sie renommierte Hörspielpreise. Das kann freilich nicht das einzige Bewertungskriterium sein, die öffentlich-rechtlichen Sender haben ja kein pauschales Unterhaltungsverbot. Und jenseits der Niveaufrage sind „Radio Tatorte“ für viele sicherlich so etwas wie die Einstiegsdroge zum Hörspielhören – was beispielsweise im WDR-Hörfunk früher der „Krimi am Samstag“ leistete, übernimmt heute der „ARD Radio Tatort“ als Flaggschiff: neue Hörer anziehen, ehemalige zurückholen.

Wie eine Einstiegsdroge fürs Hörspielhören

Die Frage, ob gut gemachte Radiounterhaltung überbewertet wird und ob kreatives Radioschaffen und Radiokunst angemessen und engagiert genug gefördert werden, ist nicht am Beispiel des „ARD Radio Tatorts“ festzumachen. Dagegen lohnt es sich angesichts des Jubiläums, ein bisschen zurückzudenken. Um 2008, als der „Radio Tatort“ geboren wurde, wurden gerade die ersten iPhones verkauft und die Smartphone-Revolution befand sich noch in den Startlöchern. Damals hatte sich bei allen großen Hörfunkprogrammen die Bereitstellung ausgewählter Sendungen via Podcast oder Download zwar ansatzweise etabliert, doch es war noch längst nicht selbstverständlich, ein Hörspiel nach der Ausstrahlung streamen oder herunterladen zu können. Heute dagegen ist das öffentlich-rechtliche Hörspielangebot dank überall verfügbarer Internet-Ausstrahlung und zahlreicher Download-Möglichkeiten schlicht riesig.

Dabei ist es jenseits der aktuellen Ausstrahlungen immer noch kaum möglich – meist wegen problematischer Rechteverwertungslage –, Tausende älterer Produktionen online zu Gehör zu bekommen, die nicht dem Mainstream entsprechen, seinerzeit nicht preisgekrönt wurden und daher vielleicht nie mehr gesendet werden. Statt der Konkurrenz der Sender wäre hier ein Mehr an Zusammenarbeit und Aufwand geboten, bei der Rechteklärung und der digitalen Aufbereitung und Verfügbarmachung des vorhandenen Hörspielpools.

Auch bei der Sicherung von Produktionsmitteln für künstlerisch wertvolle Neuproduktionen bis hin zur akustischen Kunst wäre mehr Koordination bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten wünschenswert, um die Weiterentwicklung der Radiokunst nicht an der Quotenhürde scheitern zu lassen. Vielleicht lässt sich die Angst vor Eigenständigkeitsverlusten und Mittelkürzungen auch an anderen Stellen als der Unterhaltung überwinden? Beim „ARD Radio Tatort“ hat es doch auch geklappt: „Hier hat erweiterter Sinn für Gemeinsames gewirkt, denn Kulturradios sind Programme, die gewöhnlich so auf Selbständigkeit bedacht, so definitiv unterschiedlich und so markant profiliert sind, wie man es kaum bei zwei oder drei anderen kulturellen Einrichtungen dieser Bundesrepublik findet“, lobte Waldemar Schmid seinerzeit anlässlich der Pilotfolge des „ARD Radio Tatorts“ (vgl. FK-Heft Nr. 4/08).

Jubiläumsfolge mit „Task Force Hamm“

Etwas Gemeinsames schaffen wollte man auch zum Jubiläum. Erfüllt werden sollte diese ehrenvolle Aufgabe in einer Folge mit dem Titel „Paradise City“ (Hauptautor: Dirk Schmidt) ausgerechnet von der WDR-produzierten „Task Force Hamm“, einer mit abgeschobenen Losern bestückten Polizeidienststelle, bestehend aus dem aktiven Alkoholiker Lenz, dem launischen Zocker Scholz, dem halsstarrigen Rentner Vorderbäumen und dem als schlichtes Gemüt eingestuften Lokalpatrioten Latotzke, grandios besetzt mit Matthias Leja, Uwe Ochsenknecht, Hans Peter Hallwachs und Sönke Möhring. Dieses schauspielerische Dreamteam hat beim „Radio Tatort“ durchaus einen vergleichbaren Status wie das Münsteraner Duo Jan Josef Liefers und Axel Prahl alias Professor Boerne und Kommissar Thiel beim Fernsehpendant und dürfte auf der Beliebtheitsskala des Radiopublikums längst den Gipfel erklommen haben. Für den Jubiläumsabend am 13. Januar wurde eine knapp zweistündige Langfassung erstellt, die ausnahmsweise zeitgleich (20.05 bis 22.00 Uhr) von allen am „ARD Radio Tatort“ beteiligten Programmen  ausgestrahlt wurde, das heißt von WDR 3, SWR 2, Bayern 2, NDR Info, MDR Kultur, HR 2 Kultur, RBB Kulturradio, SR 2 Kulturradio und Bremen Zwei. Für die üblichen Sendetermine bei den jeweiligen Programmen wurde noch eine Kurzfassung mit halber Länge produziert.

Unterfüttert von den typischen grotesken Streitigkeiten und Frotzeleien, die die Ermittler aus Hamm untereinander so fabrizieren, hatte die Langfassung von „Paradise City“ zwei Stränge, die parallel verfolgt wurden. Zum einen war Kollege Georg Latotzke (Sönke Möhring) ohne Genehmigung mit einem bei Einsätzen sichergestellten Fahrzeug in Bayern unterwegs. Dort hatte ihn die Polizei bereits im Visier, denn sein Bruder Mike (großartiger Besetzungs-Coup: Sönkes Bruder Wotan Wilke Möhring) war gerade aus dem Knast ausgebrochen. Zum anderen hatten die Kollegen in Hamm eine Tasche mit zwei Kilogramm sichergestelltem Heroin „verloren“ und benötigten nun die Hilfe aller „Radio-Tatort“-Ermittler in der Republik, um den Stoff wieder beizubringen.

Sönkes Bruder Wotan Wilke Möhring

Der zweite Strang tauchte nur in der Langfassung auf und gab so ziemlich allen bekannten Charakteren reichlich Gelegenheit, sich mit den Hammern herumzuärgern und die angeforderte Hilfe mit allerlei Ausflüchten abzulehnen. Die Dialogszenen mit letztlich gleichem Tenor („Sollen sie ihren Kram doch alleine regeln, wir sind da nicht zuständig“) sollten sicherlich als Running-Gag dienen, hatten aber, um den Kollegen bundesweit ausreichend Einsatzminuten zu verschaffen, jede für sich reichlich Längen und ermüdeten daher zunehmend. Na ja, man kennt das von festiven Anlässen: Viele Redner, sympathische Leute, aber wenig Neues, da muss man wohl durch – dachten sich vielleicht auch die Hörspielautoren, die sich eigens zur Absprache der Produktion der Jubiläumsfolge mehrfach getroffen hatten (neben Dirk Schmidt waren dies John von Düffel, Madeleine Giese, Tom Peuckert, Erhard Schmied, Thilo Reffert und Hugo Rendler).

Insgesamt war es für Fans der Reihe sicherlich schön, in der Langfassung die diversen „Radio-Tatort“-Helden mal unter einem Dach zu erleben, mit einem bärenstarken Anfang (wie es zu dem Verlust des Heroins kam), netten Dialogen und einigen Perlen in Handlung und Wortwitz, bei allerdings nachlassender Spannung und fehlender Substanz. Wer auf ein inspirierendes Ende gehofft hatte, wurde enttäuscht: Das mysteriöse Geisterschiff, das vor drei Jahren gesunken sein sollte und dann doch wieder unterwegs war, wurde nicht aufgespürt, das Heroin wurde zufällig angeschwemmt und Latotzkes Bruder verstarb bei der Rückfahrt noch vor Hamm im Auto.

Komplett auf die Heroin-Geschichte und das bundesweite Ping-Pong verzichtend, blieb für den so entkernten Strang – Latotzke und Knastbruder – in der Kurzfassung interessanterweise deutlich mehr Raum als in der Langfassung. Diese Art der Reduktion war eine geniale Idee; die lediglich von den bekannten WDR-Darstellern getragene Geschichte bekam dadurch einen völlig anderen Charakter. Dramaturgisch funktionierte sie besser, brachte es allerdings (etwa während der Autofahrt der beiden Latotzkes) ebenfalls auf einige Längen, denn trotz der Gebrüder Möhring in Paraderollen blieben die intensiven Gespräche der von Georg und Mike Latotzke arg oberflächlich. Viele Fragen wurden gar nicht oder nur mit Phrasen beantwortet, die die eigentlichen Vorgänge und Motive nicht erhellten („Das kann man nur beurteilen, wenn man dabei war“). Dass selbst den gutwilligsten Gratulanten die Mängel nicht verborgen blieben, ließ sich dann auch im Blog des „ARD Radio Tatorts“ nachlesen.

27.02.2018/MK

Print-Ausgabe 12/2018

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