Am eigenen Ast sägen

Wie man das Hörspiel unsichtbar macht

Von Jochen Meißner
14.09.2012 •

14.09.2012 • Neulich flatterte mal wieder eine CD mit einem neuen Hörspiel-„Tatort“ nebst Pressematerial (vierfarbig, Hochglanzdruck) auf den Schreibtisch diverser Medienbeobachter und Redaktionen und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Die 2008 mit dem Konzept „ARD Radio Tatort“ gestartete Offensive der Mittelmäßigkeit hat wenigstens dazu geführt, dass hier die meisten Presseabteilungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Job machen. Zum Weinen ist dagegen, dass diese Abteilungen ihren Job zur Bewerbung echter Qualitätsprodukte eben nicht machen. Sogenannte „Events“ wie die Verhörspielung und Verhörbuchung des „Ulysses“ mal ausgenommen. Man kann diese Haltung sogar irgendwie verstehen, denn man investiert nur ungern Energie darin, das Hörspiel den klassischen Feuilletons schmackhaft zu machen, die schon seit Jahren so gut wie gar nicht darauf reagieren. Auch die Medienseiten der Tageszeitungen sind eher sporadisch an der Materie interessiert und müssen ihren begrenzten Platz ja auch noch mit Artikeln gegen den angeblich so verschwenderischen gebührenfinanzierten „Staatsfunk“ bespielen.

Wenn also die Presse ihre Arbeit nicht macht und weder die Leistungen des Radios würdigen noch dessen Fehlleistungen kritisieren will, ja oft nicht einmal mehr Programmhinweise druckt, dann müssen die ARD-Sender schon aus reiner Notwehr die „presseähnliche“ Programmbegleitung selbst in die Hand nehmen. Als das viel gelesene Berliner Stadtmagazin „Tip“ sein Fernsehprogramm von einer Beilage zu einem Teil des Heftes machte und dabei das Radioprogramm gleich mit wegsparte, ging ein Aufschrei durch die Leserschaft, weil man damit ein Alleinstellungsmerkmal (!) ohne Not aufgebe. Genützt hat es nichts.

Programmgeschichte nachvollziehen

Die Kulturfernsehsender Arte und 3sat gegeben eigene Programmzeitschriften heraus und auch die meisten öffentlich-rechtlichen Hörfunksender publizieren Programmbroschüren vierzehntäglich oder monatlich, quartalsweise oder halbjährlich. Aus denen kann man nicht nur dramaturgische Zusammenhänge und Konzepte entnehmen, sondern wird auch noch in Jahrzehnten die Programmgeschichte nachvollziehen, wenn alle Internet-Inhalte aufgrund rundfunkrechtlicher Vorschriften schon längst wieder depubliziert worden sind. Und das ist leider keine theoretische Möglichkeit, wie ein Blick nach Süden zeigt: Seit dem 2. August ist die vorbildliche Hörspieldatenbank des Österreichischen Rundfunks (ORF) offline – auf Initiative der ORF-Rechtsabteilung selbst. Denn laut Paragraph 4e Abs. 3 des ORF-Gesetzes darf in Österreich der öffentlich-rechtliche Rundfunk „sendebegleitende Inhalte nur bis maximal dreißig Tage nach der Sendung“ ins Netz stellen. Ein Witz, bei einer Jahrzehnte zurückreichenden Datenbank.

Übrigens: Was das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) auf den Seiten von radio.ard.de ins Netz stellt, ist eigentlich eine Frechheit. „Fünf Mann Menschen“, das berühmteste „Neue Hörspiel“ von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, findet man dort überhaupt nicht und so manches andere auch nicht, weil das User-Interface, vulgo: die Suchfunktion, an der Grenze zur völligen Unbrauchbarkeit operiert. Maß aller Dinge ist immer noch die private Internet-Bibliothek „Hoerdat“ von Hörspielfan Herbert Piechot.

Während also vom großen Südwestrundfunk (SWR) bis zum kleinen Radio Bremen der jeweilige „ARD Radio Tatort“ emsig beworben wird, lag jetzt dem dritten Quartalsheft der Hörspielbroschüre des Hessischern Rundfunks (HR) ein Brief von Hörfunkdirektor Heinz Sommer bei, der die Einstellung eben dieser Broschüre mit dem nächsten Heft ankündigte. Grund: allgemeine Kostensteigerung bei gleichbleibenden Rundfunkgebühren. Es sei abzuwägen: „Kostensparen an einer Begleitpublikation über das HR-2-Programm oder sparen am HR-2-Programm selbst.“ Das unterstrichene „oder“ ist wohl als Ironiesignal zu interpretieren. Vielleicht fragt Heinz Sommer mal nach, wie die Künstler honoriert werden, die den HR-2-Hörspieltermin „The Artist’s Corner“ bespielen. So viel sei verraten: Sie werden nicht nach den üblichen Hörspielkonditionen bezahlt. Dass das HR Fernsehen sein Programmvermögen, will heißen: sein Archiv für die „hesslichsten Sendungen des deutschen Fernsehens“ (Stefan Niggemeier) plündert, sei hier nur am Rande bemerkt.

Doch der Hessische Rundfunk ist nicht die einzige Anstalt, die ihre Hörfunkpublikationen für verzichtbar hält. Die Hörspielabteilung des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) schickt seit der Einstellung ihrer MDR-Figaro-Monatsschrift „Triangel“ mit dem Dezemberheft 2011 nur noch ein paar hektographierte Blätter an einen ausgewählten Interessentenkreis. Und auch beim Deutschlandradio steht das umfangreiche Quartalsheft mit Informationen zu Hörspiel und Feature von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur auf der Abschussliste. Die Existenz der immer wieder hilfreichen Broschüre ist aber wenigstens vorläufig bis zum vierten Quartal 2013 gesichert. Traurig ist nicht nur, dass man beim Hessischen Rundfunk ein 64-seitiges Heftchen einstellt, das in einen „C6-lang“-Briefumschlag passt und in puncto Zugriffszeit und Übersichtlichkeit die Website von HR 2 locker schlägt. Noch trauriger ist, dass die kleine Broschüre (die früher auch mal großformatiger war) nicht aus dem Kommunikationsetat des HR bezahlt worden ist, sondern von der HR-Kulturabteilung selbst, und zwar aus Erträgen wirtschaftlicher Zweitverwertungen wie beispielsweise bei den Rechten für Audio-CDs. Am traurigsten aber ist, dass mit dem Verzicht auf die lesende Öffentlichkeit das Radio eine weitere Kerbe in den Ast sägt, auf dem es sitzt.

Das „ARD-Radiofestival“ und das Wahrheitsministerium

Der rundfunkpolitische Föderalismus hierzulande, der zu der lebendigsten Hörspielszene in ganz Europa geführt hat, wird – leider auch unter aktiver Mitwirkung der Betroffenen – durch Zentralisierungen wie den „ARD Radio Tatort“ und das „ARD-Radiofeature“ nachhaltig geschädigt. Die Krönung aber ist das sommerliche, bei den Kultur- bzw. Wortwellen veranstaltete sogenannte „ARD-Radiofestival“ – perfider hätte auch das Wahrheitsministerium in George Orwells Roman „1984“ die Selbstabschaffung des föderalen Kulturradios begrifflich nicht umwerten können. Auch in dem Roman geht es übrigens darum, die Vergangenheit so zu manipulieren, dass sie zu den aktuellen Interessen passt. Doch was wir aus der Frühzeit des Radios wissen, wissen wir vor allem auch aus dessen Publikationen, zum Beispiel aus der Zeitschrift „Die WERAG“ der einstigen Westdeutschen Rundfunk AG.

Fast könnte man vermuten, dass bei dem, was da momentan passiert, planmäßig die einzige Kunstform des Radios von den Rundfunkanstalten unsichtbar gemacht werden soll. Aber das ist wahrscheinlich Quatsch. Eher sieht es so aus, als bemühe man sich im geschützten Windschatten einer öffentlich finanzierten Institution zu überleben. Deren Interessen sind – organisationssoziologisch plausibel – in erster Linie auf die Aufrechterhaltung der eigenen Unternehmensstrukturen gerichtet; in zweiter Linie auf die Besetzung von Sendefrequenzen (damit sie kein anderer bekommt) und dann in dritter Linie noch darauf, ein möglichst billiges Programm zu machen, das die Systemumwelt nicht weiter irritiert.

Eine inhaltliche Idee von der verfassungsgerichtlich gestellten Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Allgemeinen und der des Kulturradios im Besonderen sucht man auf der Ebene der Entscheider allerdings vergebens. Stattdessen erkennt man ein Verhaltensmuster aus Kurzsichtigkeit, Gleichgültigkeit, Desinteresse am eigenen Produkt und vorschnellem Einknicken vor den Lobbyismen aus Verlagsbranche und Politik. Vielleicht sollte man sich darauf besinnen, dass Gebührengelder nicht dazu da sind, eingespart zu werden, sondern dazu, ein gesellschaftlich wichtiges und hochwertiges Produkt herzustellen. Und dieses Produkt darf man ruhig mal ins Schaufenster stellen und muss es nicht verschämt zwischen dem formatierten Alltagskram des täglichen Bedarfs verstecken.                                                                               

• Text aus Heft Nr. 37/12 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

14.09.2012/MK